Geier in Mumbai sollen wieder bei Entsorgung toter Gläubiger helfen

Die Parsen wollen die Aasfresser ansiedeln, damit die Luftbestattung wieder möglich ist

Die Geier kreisen bereits seit fünfzehn Jahren nicht mehr über den Dächern der indischen Millionenmetropole Mumbai. Ein Medikament ließ die Tiere fast aussterben. Nun will die religiöse Gemeinschaft der Parsen laut New York Times die Aasfresser wieder in die Stadt locken und zu diesem Zweck zwei Volieren errichten, eine davon an einem heiligen Ort: den Türmen des Schweigens. Dort werden die Leichen der Parsen auf Gitter gelegt und von Geiern gefressen. Diese jahrhundertealte Tradition soll die Grundelemente Luft, Erde, Feuer und Wasser vor Verunreinigung durch die toten Körper bewahren, die als unrein gelten. Sie droht allerdings mit den Vögeln auszusterben. 

In Indien lebten insgesamt mehr als 400 Millionen Geier, so viele wie nirgendwo anders auf der Welt. Durch den Einsatz von Diclofenac in der Veterinärmedizin, vor allem bei Kühen, wurde die Zahl auf unter 60.000 Tiere reduziert. Diclofenac ist ein weitverbreitetes Schmerzmittel, das unter anderem unter dem Namen Voltaren bekannt ist. Die Geier fraßen die Kadaver der damit behandelten Rinder und erlitten dadurch Nierenversagen oder verloren ihre Fortpflanzungsfähigkeit. Daraufhin wurde das Medikament in der Tiermedizin wieder verboten, die Geierpopulation stabilisierte sich heuer zum ersten Mal.

3,8 Millionen Euro Kosten

Ohne die Vögel mussten die Bestatter in den Türmen des Schweigens auf andere Methoden zurückgreifen, um die Leichen zu beseitigen. So wurden Solarreflektoren montiert, die durch gezielte Sonneneinstrahlung die Verwesung der Körper beschleunigen sollen. Dadurch werden allerdings andere Aasfresser, wie Krähen ferngehalten. Das System versagt außerdem in den Monsunmonaten, da eine dichte Wolkendecke die Sonne verdeckt. Deshalb werden viele Leichen entgegen der Tradition doch verbrannt oder beerdigt.

Die Türme des Schweigens sind für die Öffentlichkeit geschlossen. Nur die Bestatter und Priester der Parsen dürfen sie betreten. Auf einer Plattform befinden sich drei abgestufte Kreise aus Gittern, auf denen die Leichen abgelegt werden. Der äußerste Ring ist für die Männer, der mittlere für die Frauen und der innere Kreis für die Kinder vorgesehen. Die Geier benötigen nur wenige Stunden, um die Körper zu vertilgen und nur das Skelett übrigzulassen.

Der Bau der beiden Volieren soll bereits im Frühjahr 2013 beginnen, damit die rund 152 Geier ein Jahr später wieder Teil des Rituals sein können. Das Projekt soll in den kommenden fünfzehn Jahren etwa fünf Millionen Dollar (3,8 Millionen Euro) kosten. Damit ist das Projekt nach Angaben von Parsen-Vertretern günstig, da die Nahrung der Vögel kostenlos vorhanden ist.

Weiter Zugeständnisse der Parsen gefordert

Dem Präsidenten der Naturschutzorganisation Bombay Natural History Society, Asad R. Rahmani, geht dieses Vorhaben allerdings nicht weit genug. Er fordert im Interview mit der New York Times mehr Zugeständnisse von den Vertretern der Glaubensgemeinschaft. 

Neben den zwei Volieren möchte er, dass die wohlhabenden Parsen zudem eine Aufzuchtstation außerhalb der Stadt finanzieren. Rahmani macht sich vor allem Sorgen um die vom Aussterben bedrohten Schmalschnabel-, Bengalen- und indischen Geier. "Diese Arten könnten noch während meiner Lebenszeit ausgerottet sein", sagt er im Gespräch mit der Zeitung. Bis dato hätten nämlich weder die Regierung noch private Spender genug getan, um die Geier zu retten: "Die sind eben nicht so süß wie Tiger."

In der Humanmedizin wird Diclofenac allerdings weiter eingesetzt. Die meisten der Leichen, die in den Türmen des Schweigens abgelegt werden, kommen aus einem der beiden Parsenspitäler der Stadt. Dort möchte man den Patienten allerdings die Einnahme von Diclofenac nicht verbieten. Die Ärzte und Angehörigen der Verstorbenen müssten aber bestätigen, dass in den drei Tagen vor dem Tod des Patienten kein Doclofenac verabreicht wurde. Sonst wären die Anstrengungen, die Geier zurück nach Mumbai zu holen, umsonst gewesen. (bbl, derStandard.at, 5.12.2012)

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