Facebook legt sich mit Mobilfunkern an

Messenger-App buhlt um SMS-Kunden - Mobilfunker hoffen auf SMS-Nachfolger Joyn

In der Mobilfunkbranche geht ein Schreckgespenst um. Apps für Smartphones und Tablets fischen im Revier der Provider um eine klassische Mobilfunkanwendung. Immer öfter werden Kurznachrichten nicht als SMS, sondern über Messaging- und Chat-Apps verschickt. Dem Trend hat nun Facebook mit seiner Ankündigung nachgesetzt, seine Messenger-App vom Zwang eines Accounts im sozialen Netzwerk zu befreien. Ist damit das Ablaufdatum der SMS besiegelt?

Eine Milliarde Facebook-User

Mit über einer Milliarde Mitglieder hat Facebook eine enorme Nutzerbasis, die alle kostenlos auf den in das Netzwerk integrierten Messaging-Dienst zugreifen können. Um das Nachrichtensystem auf Smartphones zu nutzen, ist es schon jetzt nicht mehr nötig, die Haupt-Facebook-App zu installieren. Das Unternehmen bietet eine eigene Anwendung für den Messaging-Dienst.

Facebook-Messaging ohne Facebook-Account

Die Entkopplung des Nachrichtendienstes aus dem sozialen Netzwerk geht aber noch weiter. Wie berichtet, beginnt Facebook in einigen Ländern damit, den Messenger vom Account zu lösen. Für die Nutzung reichen dann ein Name und eine Handynummer.

Nutzer an die Plattform binden

Die großen Internet-Konzerne haben schon länger das Potential von Messenger-Diensten erkannt. Der eigenen User-Basis Kommunikation auf diesem Weg zu ermöglichen, bringt zwar kaum zusätzliche Einnahmequellen, doch die Kundenbindung an die eigene Plattform ist für Unternehmen wie Facebook oder auch Apple von großem Wert.

iMessage

Apple hat im Sommer 2011 iMessage als eigene SMS-Konkurrenz gestartet. Nutzer verschicken damit wie gewohnt SMS über die normale Nachrichten-App, ist der Empfänger ebenfalls ein iOS-Nutzer wird die Nachricht automatisch über das Datennetz geschickt. iMessages können auch auf iPod, iPad und OSX-Computern empfangen und versendet werden.

WhatsApp

Shooting Star der Chat-Apps ist WhatsApp. Der Dienst des 30-köpfigen Startups wird nach eigenen Angaben in über 100 Ländern genutzt. WhatsApp zählt zu den beliebtesten Apps für Android und iOS und ist auch für Blackberry und Windows Phone erhältlich. Täglich werden bereits über 10 Milliarden Nachrichten darüber verschickt.

Mehr Funktionen

Im Vergleich zu SMS bieten Messaging-Apps mehr Funktionen und Möglichkeiten. Bei den meisten Diensten sehen User beispielsweise wann ihre Nachricht vom Empfänger gelesen wurde, wann der andere gerade eine Antwort tippt und wer aktuell erreichbar ist. Dienste wie die von Facebook oder Apple können auch am Computer genutzt werden. SMS hingegen sind auf 160 Zeichen beschränkt und ob sie gelesen wurden, ist für den Sender nicht überprüfbar.

Einnahmeverluste

Nun das Ende der SMS zu verkünden geht freilich zu weit. In den USA wurden laut Mobilfunk-Branchenverband CTIA in der ersten Hälfte des Jahres noch immer 1,107 Billionen SMS verschickt. Allerdings entspricht das einem Rückgang von 2,6 Prozent im Vergleich zum Halbjahr davor. SMS sind eine wichtige Einnahmequelle für die Mobilfunker. Der Trend zu Chat-Apps soll den Unternehmen laut den Marktforschern von Ovum bis zum Jahr 2016 54 Milliarden US-Dollar Einnahmen kosten.

Flatrates

Die Messaging-Dienste werden über den Datentarif abgerechnet, der zumeist schon so großzügig bemessen ist, dass Nutzer bequem damit auskommen. Bei SMS werden weltweit ebenfalls zunehmend Flatrate-Tarife angeboten. Doch wenn die Nutzung sukzessive zurückgeht, zahlen Nutzer auch für die z.B. 1.000 inkludierten SMS mit, die sie vielleicht längst nicht mehr aufbrauchen.

Ausnahme Österreich

Sieht der weltweite Trend eine langsame Abkehr von SMS, bietet sich in Österreich hingegen ein anderes Bild. Hier sind Flatrat- und All-In-One-Angebote für Daten, Telefonie und SMS schon seit Jahren fixer Bestandteil der Tariflandschaft. Die Mobilfunker unterbieten sich gegenseitig mit besonders günstigen Kampfangeboten. Und auch die SMS-Nutzung nimmt hierzulande weiter zu.

Verlässlichkeit

So geht man bei den heimischen Mobilfunkern auch etwas gelassener mit der "Bedrohung" durch WhatsApp, Facebook und Co um. Im A1-Netz etwa wurden 2011 über 3,4 Milliarden SMS verschickt. Das Unternehmen geht davon aus, dass es diese Zahl 2012 nochmal übertreffen kann. "Die ÖsterreicherInnen schätzen die Verlässlichkeit des Mediums (aus technischer Hinsicht ist diese, durch die Zustellung über den Signalisierungskanal, sehr hoch). Diese wird durch die Tatsache unterstrichen, dass sogar Bankgeschäfte (mobile-TAN) via SMS abgewickelt werden können", sagt A1-Sprecherin Livia Dandrea-Böhm gegenüber dem WebStandard.

Trend wird beobachtet

Um den Trend zu ignorieren, ist er aber auch schon hierzulande zu unübersehbar geworden. "Wir sehen uns die neuen Apps und Messenger Tools genau an. Bisher sind Whatsapp, iMessage und Co noch nicht direkt spürbar, machen sich aber doch bemerkbar", sagt Orange-Sprecher Tom Tesch. Langfristig glaubt man auch in Österreich an zumindest leicht sinkende Einnahmen. "Die meisten SMS werden innerhalb von Gesamtpaketen versendet, dort bedeutet es tendziell, dass Kunden SMS-Kontingente weniger stark nutzen, Daten-Mengen dagegen mehr. Verloren gehen wird auf längere Sicht etwas Zusatzeinkommen für nicht kontingentierte SMS", so T-Mobile-Sprecher Helmut Spudich.

SMS-Nachfolger Joyn

Um nicht doch irgendwann untätig überrollt zu werden, arbeitet die Mobilfunkbranche am Nachfolger der SMS, Joyn, das bereits in einigen Ländern gestartet ist. Im Gegesatz zu SMS können über Joyn auch Daten übertragen werden. "Wirklich Sinn macht Joyn aufgrund der benötigen Bandbreiten für Videos und Co sowie wegen technischer Synergien für die benötigte Infrastruktur aber erst mit LTE", so Tesch.

SMS sicherer

Das Internet-basierte Messaging von Apps wie WhatsApp und Co ist derzeit zudem noch unzuverlässiger als SMS. Die klassischen Kurznachrichten bieten noch immer eine höhere Sicherheit. So ist WhatApps derzeit etwa von einer schweren Sicherheitslücke betroffen, die eine Kontoübernahme durch Angreifer ermöglicht. Auch können sich Kunden bei Störungsfällen an die Mobilfunkern wenden, während man etwa bei den Diensten von Facebook und Co so gut wie keine Chance hat, bei Ausfällen Auskunft oder Hilfestellung zu bekommen.

SMS gehört zum 20. Geburtstag somit zwar noch nicht zum alten Eisen. Doch die neue App-Generation setzt dem Mobilfunk-Klassiker zu. (Birgit Riegler, derStandard.at, 5.12.2012)

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