Kroatische Kriegs- und Eishockeyhelden

Reportage |
  • Am Vorplatz des Flughafens Zagreb versammeln sich Menschen, um den an diesem Tag vom Internationalen Strafgerichtshof freigesprochenen General Gotovina zu empfangen.
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    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Am Vorplatz des Flughafens Zagreb versammeln sich Menschen, um den an diesem Tag vom Internationalen Strafgerichtshof freigesprochenen General Gotovina zu empfangen.

  • Die Arena Zagreb ist die größte Veranstaltungshalle Kroatiens. Bis zu 15.200 Fans besuchen hier die Heimspiele Medveščaks.
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    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Die Arena Zagreb ist die größte Veranstaltungshalle Kroatiens. Bis zu 15.200 Fans besuchen hier die Heimspiele Medveščaks.

  • Im Schnitt 8.835 Fans begrüßte der Klub im Vorjahr bei jedem seiner Heimspiele: Rang zwölf im europaweiten Vergleich.
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    Im Schnitt 8.835 Fans begrüßte der Klub im Vorjahr bei jedem seiner Heimspiele: Rang zwölf im europaweiten Vergleich.

  • "Wir gratulieren zum Sieg!" - Am Tag ihrer Freisprüche werden die Generäle Gotovina und Markač auch in der Eishalle gefeiert.
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    "Wir gratulieren zum Sieg!" - Am Tag ihrer Freisprüche werden die Generäle Gotovina und Markač auch in der Eishalle gefeiert.

  • Zum 21. Jahrestag der Einnahme Vukovars durch serbische Verbände erstrahlt in der Ulica Grada Vukovara in Zagreb ein neues Graffiti. Im Zentrum der zerschossene Wasserturm Vukovars.
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    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Zum 21. Jahrestag der Einnahme Vukovars durch serbische Verbände erstrahlt in der Ulica Grada Vukovara in Zagreb ein neues Graffiti. Im Zentrum der zerschossene Wasserturm Vukovars.

  • In der Nacht zum 18. November kommen zahlreiche Bürger Zagrebs an die Ulica Grada Vukovara, um eine Kerze aufzustellen und anzuzünden. Die Grablichter reihen sich über mehr als einen Kilometer aneinander.
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    In der Nacht zum 18. November kommen zahlreiche Bürger Zagrebs an die Ulica Grada Vukovara, um eine Kerze aufzustellen und anzuzünden. Die Grablichter reihen sich über mehr als einen Kilometer aneinander.

  • Vor dem Spiel zwischen Medveščak und Salzburg wird den Opfern von Vukovar gedacht. Zahllose Handydisplays simulieren den Sternenhimmel über der ostslawonischen Stadt.
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    foto: khl medveščak zagreb/press

    Vor dem Spiel zwischen Medveščak und Salzburg wird den Opfern von Vukovar gedacht. Zahllose Handydisplays simulieren den Sternenhimmel über der ostslawonischen Stadt.

  • Auch die Choreographie der Zagreb-Fans stellt den symbolträchtigen Wasserturm Vukovars in den Mittelpunkt.
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    foto: derstandard.at/hannes biedermann

    Auch die Choreographie der Zagreb-Fans stellt den symbolträchtigen Wasserturm Vukovars in den Mittelpunkt.

  • Curtis Frasers Treffer zum 1:0 gegen Salzburg sorgt für großen Jubel unter den 15.200.
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    Curtis Frasers Treffer zum 1:0 gegen Salzburg sorgt für großen Jubel unter den 15.200.

Medveščak Zagreb hat sich als Spitzenklub in der EBEL etabliert. Ein Wochenende zwischen nationaler Vergangenheit und internationaler Zukunft

Es wird laut. 14.000 Menschen erheben sich von ihren Plätzen und singen voll Inbrunst. "Kako je dobro vidjeti te opet" - es ist schön, dich wiederzusehen. Der Schlager erschien im Jahr 1986 auf dem Label Jugoton, gesungen hat ihn die kroatische Band Novi Fosili, die Jugoslawien ein Jahr später beim Eurovision Song Contest vertreten sollte. Heute existieren weder der Staat noch die Plattenfirma, das Lied ist jedoch noch immer ein Gassenhauer. Seit Robert Kristan, der slowenische Torhüter und Publikumsliebling bei Medveščak Zagreb, den Song in einem Interview als seinen Favoriten bezeichnete, werden in Spielunterbrechungen nach herausragenden Paraden von ihm die ersten Takte des Refrains angespielt, tausende Fans stimmen ihren Goalie akustisch würdigend in den Gesang mit ein.

"Wir gratulieren zum Sieg"

Am 16. November 2012 spielt Kroatiens einziger Vertreter in der Klubs aus fünf Nationen umfassenden Erste Bank Eishockey Liga zu Hause gegen den österreichischen Rekordmeister KAC. Die Partie ist eine von in dieser Saison insgesamt acht, in denen Medveščak, die Bären, ihre angestammte Heimstätte, den Dom Sportova, verlassen und in die größte Veranstaltungshalle der Republik Kroatien, die Arena Zagreb, übersiedeln. In einer Unterbrechung Mitte des ersten Spielabschnitts ertönt der Song, mit dem Goalie Kristan gehuldigt wird, aus den Lautsprecherboxen, ohne dass der Torhüter auch nur in der Nähe der Scheibe war. 14.000 Fans halten ihre Sitze nun für obsolet, stimmen lautstark in den Gesang ein: "Kako je dobro vidjeti te opet." Am riesigen, in luftiger Höhe über der Eisfläche hängenden Videowürfel erscheinen die Portraitbilder zweier Soldaten, begleitet vom Schriftzug "Wir gratulieren zum Sieg! Die Bären und ihre Fans warten in ihrer Höhle auf euch."

Loblieder auf den General

Der frenetische Jubel gehört den beiden Generälen Ante Gotovina und Mladen Markač, die wenige Stunden zuvor nach mehrjährigen Prozessen und erstinstanzlichen Verurteilungen wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien freigesprochen wurden. Im Publikum werden - bei Medveščaks Heimspielen sonst eher unüblich - unzählige kroatische Flaggen geschwenkt, als das Spiel längst wieder läuft, wechselt der Gesang aus tausenden Kehlen vom Refrain des Schlagers zu einer Lobeshymne auf Ante Gotovina. "Er ist einer, dem die Ewiggestrigen in Kroatien zu Füßen liegen, manchen gilt er sogar als Nationalheiliger", schreibt Nina Brnada. Ein Eindruck, der sich an diesem 16. November in Zagreb richtiggehend aufdrängt, wenngleich der nationalistische Aufschrei in der Eishalle deutlich gemäßigter ausfällt als etwa jener beim Empfang des eilig per Staatsmaschine aus Den Haag zurückgeflogenen Generals am Airport kurze Zeit zuvor.

Amateursport bis 2009

Die Euphorie auf den Rängen steckt die Heimmannschaft förmlich an, ein Doppelschlag in den Minuten 15 und 17 lässt sie schon früh im Spiel gegen den KAC auf die Siegerstraße einbiegen. Verteidiger Saša Martinović wird den Journalisten nach dem Spiel in die Notizblöcke diktieren, dass das Team an diesem Abend "für die beiden Generäle" gespielt habe. Das letztendlich ungefährdete 4:1 bringt Medveščak erstmals in seiner Klubhistorie an die Tabellenspitze der Erste Bank Eishockey Liga und ist somit der vorläufige Höhepunkt einer wahren Erfolgsgeschichte.

Denn vor seiner Aufnahme in die grenzübergreifende Liga im Mai 2009 spielte der kroatische Verein in Ermangelung von Gegnern im eigenen Land als Gastteam in der (sich auf Amateurlevel bewegenden) slowenischen Meisterschaft mit, bei den Heimspielen verloren sich nur selten mehr als 150 Zuschauer im Dom Sportova.

Der Eishockey-Boom

Ebendieser wurde mit seinen gut 7.000 Plätzen schon bald nach dem EBEL-Einstieg zu klein, um die Nachfrage nach Tickets zu befriedigen. Gestützt auf die wohl professionellste Öffentlichkeitsarbeit in der Liga gelang es dem Klub trotz anfänglich bescheidener sportlicher Erfolge, den Spielbesuch als stimmungsvolles und gleichzeitig familientaugliches Event zu positionieren. Man verstand es, dem Fußball, auf nationaler Ebene bipolar auf zwei Spitzenklubs fokussiert und zudem mit einem erheblichen Gewaltproblem behaftet, ein Alternativkonzept entgegenzustellen, noch dazu in einer für Kroatien eher exotischen und daher Neugierde weckenden Sportart wie Eishockey. 

Präsident Damir Gojanović, der knapp zwei Jahrzehnte lang selbst für den Klub spielte und parallel zu einem der erfolgreichsten Geschäftsmänner der Stadt wurde, gelang es, eine Vielzahl potenter Sponsoren zu lukrieren, die Medveščak zum mit Abstand finanzkräftigsten aller internationalen Teams in der Liga machen. Eine geglückte PR-Strategie, umgesetzt durch die Agentur der Ehefrau des Präsidenten, ständige TV-Präsenz (Anm.: in der laufenden Saison werden sämtliche Heimspiele live im Free-TV übertragen) und niedrige Ticketpreise sorgten dafür, dass sich die Bären rasch einen Namen in Kroatiens Sportlandschaft machten. Der im Spieljahr 2011/12 erreichte Zuschauerschnitt von 8.835 pro Partie entspricht dem zwölfthöchsten Wert am gesamten Kontinent.

Lockere Einbürgerungen

Befeuert wird der rund um den Klub entstandene Hype durch die immer bessere Inszenierung der Heimspiele als Event. Mehrfach pro Jahr zieht Medveščak im Rahmen des "Arena Ice Fever" in die 15.200 Zuschauer fassende (und in der Regel auch ausverkaufte) Arena Zagreb um, im September übersiedelte man für zwei Partien sogar in das Amphitheater von Pula an der Adriaküste, die Bilder davon gingen um die Welt.

Parallel zum organisatorischen und letztlich auch wirtschaftlichen Erfolg stellten sich bereits ab dem Frühjahr 2010 auch wesentliche sportliche Fortschritte ein. Begünstigt wurden diese von der nicht sonderlich restriktiven Einbürgerungspraxis in Kroatien: Der Klub suchte in Kanada und den USA gezielt nach Spielern mit kroatischen Vorfahren, die meist nur wenige Wochen nach ihrem Wechsel nach Zagreb die Staatsbürgerschaft erhielten und somit das Legionärskontingent nicht mehr belasteten. Beim die Tabellenführung bringenden Sieg über den KAC stehen neben dem Ersatztorhüter nur vier weitere in Kroatien geborene Spieler im 22 Cracks umfassenden Aufgebot.

Grablicht an Grablicht

Zwei Tage nach dem Heimerfolg gegen Klagenfurt gastiert mit dem Millionenteam von Red Bull Salzburg der nächste Großklub in der diesmal bis auf den letzten Platz gefüllten Arena Zagreb. Am Weg vom Hotel im Stadtzentrum zur südlich der Save gelegenen Halle passiert der Mannschaftsbus der Gäste auch die Ulica Grada Vukovara, benannt nach der an der Grenze zu Serbien liegenden Stadt. Vukovar und sein Schicksal im Balkankrieg gelten als Symbol des kroatischen Unabhängigkeitskampfes, am Spieltag, dem 18. November, jährt sich die nach langer Belagerung erfolgte Eroberung der Stadt durch serbische Verbände zum 21. Mal. Den Opfern von damals gedenken die Menschen in Zagreb jährlich, indem sie in der Nacht zum 18. November Grablichter an den Straßenrändern der Ulica Grada Vukovara aufstellen. Nur langsam schiebt sich der Salzburger Luxusliner über den kilometerlang links und rechts von Kerzen gesäumten Asphaltstreifen.

Sternenhimmel aus Mobiltelefonen

Zwei Tage nachdem der Jubel über die Freilassung Gotovinas durch die Arena brandete, ist die Stimmung beim Spiel gegen die Bullen weniger ausgelassen, eher bedächtig, aber genauso politisch. Vor dem Eröffnungsbully stehen die beiden Teams an den blauen Linien Spalier, mit einer Gedenkminute wird den Opfern von Vukovar gedacht. Die Zeremonienmeister schalten das Licht ab, über 15.000 Zuschauer werden dazu aufgefordert, die Displays ihrer Mobiltelefone zum Leuchten zu bringen und so den Sternenhimmel über der ostslawonischen Stadt zu simulieren. Als es in der Halle wieder hell wird, spannt sich eine große kroatische Flagge über den Fansektor. Statt des Nationalwappens ist in ihrem Zentrum der von Granatbeschuss gezeichnete Wasserturm Vukovars, eines der für Kroatien symbolträchtigsten Bilder des Krieges, aufgemalt. Zu Spielbeginn skandieren tausende den Namen der vor 21 Jahren verlorenen Grenzstadt.

Relikte aus der Vergangenheit

Die Partie selbst verläuft deutlich ausgeglichener als jene gegen den KAC zwei Tage zuvor. Erneut ist es ein Doppelschlag, diesmal in den Minuten 39 und 41, der das Pendel zugunsten der Bären ausschlagen lässt. Als Goalie Robert Kristan in der Schlussphase den knappen Vorsprung mit einer herausragenden Parade verteidigt, stimmen die Fans wieder den Schlager an: "Kako je dobro vidjeti te opet." Anders als vor 48 Stunden würdigen sie damit nicht einen ihrer Kriegshelden der 1990er-Jahre, sondern einen ihrer Eishockey-Heroen der Gegenwart. 

Ein Umstand, der auch dem Klub besser zu Gesicht steht, kann Medveščak doch durchaus als Botschafter eines "neuen Kroatiens" gesehen werden. Aktiv in einer vier EU-Mitgliedsstaaten umspannenden Liga, engagiert sich der Verein wie kein anderer in der EBEL für soziale Projekte und öffentliches Bewusstsein schaffende Kampagnen. Die Bären sind offizieller Partner des Weltkinderhilfswerks UNICEF, werben intensiv für die kroatische Krebs- und Aidshilfe.

Gegen Salzburg bleibt es bis zum Ende beim 2:0, die Tabellenführung wird mit dem Sieg in einem Spiel gefestigt, das von Mato Lukić mit einem Ehren-Faceoff eröffnet wurde. Er ist Invalide, verletzt bei der Ausübung seines Berufs. Lukić arbeitete für den nationalen Entminungsdienst, beseitigte Relikte aus den Kriegsjahren. Denn die gibt es in Kroatien noch. (Hannes Biedermann/Zagreb; derStandard.at; 5.Dezember 2012)

 

Dieser Artikel entstand im Rahmen eines JournalistInnen-Austausches zwischen dem Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) und derStandard.at. Dabei stellen die Partnermedien einander Infrastruktur wie Büroräumlichkeiten und Computer zur Verfügung. Die Reisekosten werden von der Erste Stiftung übernommen.

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