Die Partisanen der Eisenstraße

4. Dezember 2012, 21:09
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Das Gebiet an der obersteirischen Eisenstraße war ein Zentrum des Widerstands gegen das NS-Regime - Grazer Historiker haben nun erstmals die Geschichte der Partisanen und ihrer Helfer erforscht

Es war der 1. Dezember 1944, als Heinrich Kohnhauser in den verschneiten Bergen über Eisenerz erschossen wurde. Mit den Widerstandskämpfern Max Muchitsch und Sepp Filz hatte er sich dort im "Partisanen-Bunker" im Kollmannstock versteckt. Wahrscheinlich hatte sie eine Fußspur im Schnee oder aufsteigender Rauch verraten. Entdeckt wurden sie von Eisenerzer SS-Schutzpolizisten, denen sich auch der Gastwirt Felix Roithner angeschlossen hatte, "um die Partisanen auszuheben". Er war es, der dem bereits verletzten und entwaffneten Widerstandskämpfer den tödlichen Schuss verpasste. Filz wurde schwer verletzt, er und Muchitsch konnten jedoch entkommen.

Wie Heinrich Kohnhauser haben entlang der obersteirischen Eisenstraße viele Menschen im Kampf gegen das NS-Regime ihr Leben verloren. "Offener Widerstand war wegen der perfekten Repressionsmaschine der Nazis und der geradezu euphorischen Stimmung in weiten Teilen der Bevölkerung aussichtslos", weiß der Historiker Werner Anzenberger. "Dennoch formierten sich Widerstandsbewegungen vor allem um junge Kommunisten und Kommunistinnen, von denen sich viele bereits gegen die austrofaschistische Dollfuß-Diktatur engagiert hatten." So führten allein zwischen Juni und November 1941 Eisenbahner aus dem Bezirk Leoben mehr als 90 Sabotageakte gegen Wehrmachtszüge entlang der Eisenstraße durch. Es kam zu zahlreichen Verhaftungen, neun der Eisenbahner wurden zum Tod verurteilt, fünf weitere überlebten ihre Haftstrafen nicht. Auch Bergmänner aus Vordernberg und Eisenerz setzten Sabotageaktionen. 14 wurden wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" angeklagt, vier von ihnen hingerichtet.

"Das Gebiet um die Eisenstraße war ein Zentrum des Widerstands gegen den Nationalsozialismus, was auf eine lange, teilweise radikale Tradition des Kampfes um die Arbeiterrechte zurückzuführen ist", erläutert der Zeithistoriker Heimo Halbrainer, der sich in mehreren Forschungsprojekten jahrelang mit NS-Terror und Widerstand in der Region beschäftigt hat. "Aus dieser Tradition heraus entstand eine eigene Partisanenorganisation, was letztlich dazu führte, dass in Leoben eine Außenstelle der Gestapo Graz eingerichtet wurde." Wie vielschichtig der Widerstand in dieser Region auch außerhalb der Partisanengruppe war, ist im Sammelband Die Eisenstraße 1938-1945 nachzulesen, der gemeinsam mit einer Sammlung der Biografien aller NS-Opfer aus dem Bezirk Leoben am Dienstag im Graz-Museum präsentiert wurde.

Neben dem politisch organisierten Widerstand wurden von den Forschern die unterschiedlichsten Formen von Opposition und sozialem Protest dokumentiert: Sie reichten von Hilfsaktionen für Familien von Inhaftierten über die Verweigerung des Hitlergrußes bis hin zur Kontaktaufnahme mit "Regimefeinden" wie Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern. Solche "wehrkraftzersetzenden" Aktionen des individuellen Widerstands konnten eine Verwarnung nach sich ziehen, aber auch Gefängnisstrafen oder Todesurteile. So wurde der Leobener Hilfsarbeiter Richard Zechmeister zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt, weil er Kriegsgefangenen Brot geschenkt hatte.

Verfolgte Zeugen Jehovas

Auch Widerstand aus religiösen Gründen gab es an der Eisenstraße, obwohl die katholische Kirche als Institution nicht dazu aufrief. Im Gegensatz zum katholischen Widerstand, der von einzelnen Priestern und Gläubigen getragenen wurde, widersetzten sich die in Österreich seit 1935 verbotenen Zeugen Jehovas grundsätzlich dem NS-Regime und der Wehrpflicht. "Nachdem ab Sommer 1938 die Wehrdienstverweigerung sowie die Anstiftung dazu mit dem Tod bestraft wurden, waren die Männer dieser religiösen Gruppe ständiger Verfolgung ausgesetzt", berichtet Halbrainer. Etliche wurden hingerichtet, die anderen kamen in Arbeits- und Konzentrationslager, was viele nicht überlebten. Ihre Kinder wurden Pflegeeltern übergeben.

Der massivste Widerstand gegen die Nazi-Diktatur aber kam von den Kommunisten. Sie verfassten Flugschriften, organisierten Sabotageakte, Anschläge und Partisanenaktivitäten. 1943 entstand unter der Führung von Sepp Filz, Anton Wagner, Ferdinand Andrejowitsch und Max Muchitsch die Partisanengruppe Leoben-Donawitz. Durch eine wachsende Zahl von Unterstützern, unter denen sich viele Frauen befanden, wurden die Partisanen unter Lebensgefahr mit Informationen, Lebensmitteln und Quartieren versorgt.

"Bis zum Sommer 1943 hatte die Widerstandsgruppe bereits ein relativ dichtes Netz an Stützpunkten geschaffen, das die Almen und Täler der Gebirge im Bezirk umfasste", sagt Heimo Halbrainer. Wie die Partisanen selbst kamen auch ihre Unterstützer aus unterschiedlichen politischen und sozialen Verhältnissen. "Neben Kommunisten und einigen Sozialdemokraten engagierten sich katholische Bauern, Keuschler, Holzfäller, Arbeiter oder auch Unternehmer der Region."

Verhöhnung nach 1945

Als am 1. Dezember 1944 der "Partisanen-Bunker" von der SS-Schutzpolizei gestürmt wurde, war der bewaffnete Widerstand bereits hoffnungslos geschwächt. Die Gestapo hatte zahlreiche Aktivisten und Sympathisanten festgenommen und unter Folter Informationen aus ihnen herausgepresst. Hunderte Menschen wurden daraufhin nach schwersten Misshandlungen in Konzentrationslager verschleppt, 44 kamen dort um.

Und wie ging die neue Republik Österreich nach Kriegsende damit um? Kohnhausers Mörder kam 1950 in Untersuchungshaft, das Verfahren wurde jedoch bald eingestellt. 1951 suchte Kohnhausers Witwe um eine Opferrente an. Diese wurde ihr mit folgender Begründung verweigert: "Es ist kaum anzunehmen, dass (...) die drei Personen, die sich in einer Höhle auf dem Kollmannstock (...) aufhielten, für die Errichtung eines freien demokratischen Österreichs eingesetzt haben." Man nehme vielmehr an, "dass es sich im vorliegenden Falle um eine eigenmächtige, nicht auf politische Gründe zurückzuführende Dienstabwesenheit von Wehrdienstangehörigen handelte". (Doris Griesser, DER STANDARD, 05.12.2012)


Werner Anzenberger, Christian Ehetreiber, Heimo Halbrainer (Hg.), "Die Eisenstraße 1938- 1945: NS-Terror - Widerstand - Neues Erinnern", Graz, Clio 2013

Link
www.clio-graz.net

  • Der "Partisanen-Bunker" im Kollmannstock in den Bergen über Eisenerz. Hier 
verbrachte eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die sich ab 1943 formiert hatte, 
den Winter. Am 1. Dezember 1944 wurde der Bunker von SS-Leuten entdeckt.
    foto: clio/halbrainer

    Der "Partisanen-Bunker" im Kollmannstock in den Bergen über Eisenerz. Hier verbrachte eine Gruppe von Widerstandskämpfern, die sich ab 1943 formiert hatte, den Winter. Am 1. Dezember 1944 wurde der Bunker von SS-Leuten entdeckt.

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