Krebstherapie mit digitaler Assistenz

4. Dezember 2012, 20:57
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Eine Software, die Ärzten zur Hand geht, auf dem neuesten Forschungsstand ist und Vorschläge für die richtige Therapie macht: Daran arbeiten Spezialisten des Krebsforschungszentrums Oncotyrol

Über 200 verschiedene Tumorarten kennen heute die Mediziner. Es gibt mehr als 400 Chemotherapie-Standards. Behandelt werden kann in der Regel nur mit der Expertise aus unterschiedlichen Fachrichtungen - der Onkologie, der Radiologie, der Pathologie und anderen. Und unter Berücksichtigung individueller Faktoren des Patienten und seines Tumors.

"Krebs ist eben nicht gleich Krebs", sagt der Südtiroler Mediziner Manfred Mitterer: "Die Krebsmedizin ist ein immer komplexeres Gebiet geworden." Über all dem steht der Anspruch des Erkrankten, auf dem neusten Stand des Wissens fachgerecht und gewissenhaft behandelt zu werden.

Eine Herausforderung für den Arzt - auch weil der medizinische Fortschritt bei manchen Krebsarten sehr groß ist: "Beim Brustkrebs tut sich derzeit enorm viel", sagt Mitterer. Und bei der Behandlung des Nierenkarzinoms habe es bis vor fünf Jahren nur ein Medikament gegeben. " Heute sind es schon fünf - und wahrscheinlich ist nur die Kombination eines Medikaments mit einem anderen wirklich erfolgreich", so der Primar des Krankenhauses Meran, der mit seinen fünf Ärzten pro Tag etwa 63 Tumorpatienten betreut.

Die Basisforschung und klinische Studien würden ständig neue Informationen hervorbringen, betont Mitterer. Die wichtigen müsse der Arzt kennen. Zur Bewältigung der Informationsflut entwickelt derzeit das Tiroler K1-Zentrum Oncotyrol (Center for Personalized Cancer Medicine) mit der IT-Firma World-Direct eine Software. Oncotyrol ist eines von 14 K1-Forschungsinstituten, die im Kompetenzzentren-Programm Comet des Wirtschafts- und Infrastrukturministeriums zur Vertiefung der Kooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie gefördert werden.

"Wir wollen dem Arzt eine Art Entscheidungshilfe in seinem täglichen Arbeitsfluss anbieten - von der Krebsdiagnose bis hin zur richtigen Therapiewahl", sagt Kurt Kofler von der Forschungsmanagementfirma Cemit, Projektkoordinator von "Oncot.net". Die Idee stammt von Manfred Mitterer, der in den vergangenen sieben Jahren an seinem Krankenhaus ein Vorgängermodell einführte. Das neue System soll an den verschiedensten Spitälern mit unterschiedlichen Informationssystemen laufen können. Unter anderem soll es Krebstherapie-Standards der Weltgesundheitsbehörde und anderer Einrichtungen nutzen und zusammenführen: "Für jede Tumorart gibt es spezifische Leitlinien zur Diagnostik und Behandlung", erläutert Kofler. Ziel sei, den Ärzten Zugang zu den stets aktuellsten Leitlinien für die Krebstherapie zu bieten.

Maßgeschneiderte Therapie

"Das System soll auch Therapievorschläge machen können", sagt Kofler: Bei der Krebsbehandlung fließen individuelle Faktoren wie die Vorerkrankungen des Patienten, seine Familiengeschichte, seine Blutwerte, Allergien etc. ein. Auf Basis der Patientendaten und des Abgleichs mit den Leitlinien soll auf den Krebskranken zugeschnitten errechnet werden, welche Therapieform in welcher zeitlichen Auflösung und Dosis verabreicht werden soll.

Skepsis und Argwohn manch eines Praktikers sind wohl programmiert. "Wir wollen natürlich keinem Arzt vorschreiben, was er zu tun hat. Die Verantwortung bleibt beim ihm", entgegnet Kofler. Nicht nur der Arzt, auch die Verwaltung könne profitieren: "In den USA steht die Onkologie nach der Chirurgie, Orthopädie und Gynäkologie bzw. Geburtshilfe an vierter Stelle der Regressforderungen", erzählt Mitterer: "Die meisten Verurteilungen bei Prozessen erfolgten wegen Dosierungsfehlern und mangelhafter Dokumentation."

Hilfe für klinische Studien

So ergebe sich für Krankenhäuser auch rein rechtlich die Notwendigkeit, die Behandlung möglichst vollständig zu dokumentieren. Auch beim Management von klinischen Studien soll das System für Erleichterung sorgen, so der Anspruch der Projektpartner: Immer mehr Patienten würden im Rahmen von Studien behandelt. Damit müssten auch immer größere Datenmengen verarbeitet werden.

"Klinische Studien werden immer an Patienten gemacht, die mit Ausnahme des Tumors gesundheitlich topfit sind," schildert Mitterer ein weiteres Problem. Damit eine Studie positiv beendet werden könne, dürfe der Patient kein Diabetes haben, kein Herzleiden etc. "Aber das ist nicht das, was wir in der Realität sehen." Gerade bei Krebspatienten in höherem Alter käme es zu Nierenversagen oder anderen zusätzlichen Beschwerden. Das neue System verspreche "Versorgungsforschung": Jene Daten, die aus den klinischen Studien stammten, könnten mit den Beobachtungen aus dem Alltag verglichen und analysiert werden.

Noch steckt Oncot.net in der Entwicklungsphase. Ab Frühjahr 2013 wird es in den Krankenhäusern Meran und Kufstein einem ersten Praxistest unterzogen. Ist es einmal auf dem Markt, sind es für Mitterer vor allem die Krebsmediziner "in der Peripherie", die daraus Nutzen ziehen könnten. "Ist man heute auf dem neuesten Stand der Krebsmedizin, kann der Patient in vielen Fällen möglichst nahe am Wohnort behandelt werden - und muss nicht in die nächste Top-Klinik geflogen werden." (Lena Yadlapalli, DER STANDARD, 05.12.2012)

  • Strahlentherapie ist nur ein Ansatz zur Behandlung von Krebserkrankungen. Die Basisforschung und klinische Studien bringen ständig neue Erkenntnisse hervor. Eine Onkologie-Software soll helfen, sie rasch in den klinischen Alltag zu übertragen, um für jeden Patienten die beste Therapie zu finden.
    foto: standard/cremer

    Strahlentherapie ist nur ein Ansatz zur Behandlung von Krebserkrankungen. Die Basisforschung und klinische Studien bringen ständig neue Erkenntnisse hervor. Eine Onkologie-Software soll helfen, sie rasch in den klinischen Alltag zu übertragen, um für jeden Patienten die beste Therapie zu finden.

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