"Die Sonne ist die Ausnahme, nicht die Regel"

Interview4. Dezember 2012, 20:04
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Der Belgier Henri Boffin ist das Musterbeispiel eines leidenschaftlichen Astronomen - Er beobachtet vor allem Doppelsterne und zieht dabei Parallelen zum Menschen - Peter Illetschko stellte die Fragen

STANDARD: Woran arbeiten Sie zurzeit?

Boffin: Ich untersuche seit meiner Doktorarbeit Doppelsternsysteme, das sind Sterne, die in einer Partnerschaft mit einem anderen leben. Es scheint so, als wären Sterne insgesamt so wie Menschen. Sie bevorzugen es, so zu leben. Die Sonne ist also eher die Ausnahme als die Regel. Und wie in einer Beziehung interagieren die Sterne. Und ich beobachte, was genau sie dabei machen und wie sich das auf ihre zukünftige Entwicklung auswirkt.

STANDARD: Können Sie von Ihren letzten Entdeckungen in diesem Zusammenhang berichten?

Boffin: Wir haben ein eng aneinanderliegendes Doppelsternsystem im Planetarischen Nebel Fleming I entdeckt. Dieses Pärchen umkreist einander alle 1,2 Tage. Eine bemerkenswerte Geschwindigkeit. Man hat solche Systeme in einem planetarischen Nebel schon vermutet. Bisher ging man aber davon aus, dass solche Doppelsternsysteme als Verursacher der Nebel sehr weit auseinander liegen und die Umlaufzeit dementsprechend mindestens zehn Jahre beträgt. Die von uns beobachteten Sterne stehen mehrere tausend Male näher zueinander als erwartet.

STANDARD: Was folgt als nächste Arbeit?

Boffin: Wir wollen beweisen, dass es solche Doppelsternsysteme in weiteren planetarischen Nebel gibt – und dann von den Eigenschaften der Systeme auf die der Nebel schließen. Wir werden zudem überprüfen, ob aus Materie, die rund um die beiden Sterne übrigblieb, Planeten entstehen.

STANDARD: Stoßen Sie mit dem Very Large Telescope irgendwann einmal an Ihre Grenzen?

Boffin: Derzeit nicht und in Zukunft, schon ab 2022, soll es ja das Extremely Large Telescope E-ELT geben. Das wird die Astronomie im optischen Bereich revolutionieren. Wir werden Objekte fünfmal besser als mit dem Very Large Telescope sehen.

STANDARD: Sind Sie ein Technikfreak?

Boffin: Ich sehe mich mehr als Poet. Man muss eine künstlerische Ader haben, um die vielen Lichter erforschen zu wollen, von denen wir einige hier auf dem Paranal in der Nacht auch mit freiem Auge sehen können. Interessant finde ich, dass das nur mit der neuesten Hochtechnologie klappt.

STANDARD: Wenn Sie jemand zweifelnd fragen würde: Wozu das alles – welche Antwort würden Sie ihm geben?

Boffin: Die Gesellschaft stellt sich seit Jahren Fragen wie: Wie hat alles begonnen? Oder: Gibt es irgendwo im Universum sonst noch Leben oder sogar intelligentes Leben? Die Astronomie hat die Werkzeuge dafür, um Antworten zu finden. Ihre Verbindung zur Kultur, Philosophie und Religion eines Menschen ist also offensichtlich. Möglicherweise tauchen dann noch mehr Fragen auf. Aber das ist das Wesen der Wissenschaft – und das ist genau das, weshalb die meisten von uns Wissenschafter geworden sind.

STANDARD: Welche Antworten haben Sie auf die Frage nach dem Beginn des Universum? Big Bang ist ja eigentlich eine Theorie. Wie gelingt der Beweis?

Boffin: Ein Blick mit Teleskopen in den Nachhimmel ist ja ein Blick in die Vergangenheit des Universums. Bis das Licht als Träger der Bildinformation von besonders weit entfernten Sternen zur Erde gelangt, können Jahre vergehen. Wir können zwar in die Vergangenheit des Universums schauen, aber nicht bis zum Urknall. Damals gab es nämlich noch kein Licht, also kann man auch nicht sehen, was genau geschah.

STANDARD: Bestimmte Fragen werden also offenbleiben?

Boffin: Ich muss nicht alles wissen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass meine Neugier einmal zur Gänze gestillt ist. Ich weiß schon mehr als mein Vater, meine Kinder werden noch mehr wissen. Da müssen wir geduldig sein.

STANDARD: Sie gelten als einer der Star-Astronomen der ESO. Nicht nur weil Sie Papers für renommierte Magazine wie "Science" schreiben, auch weil Sie häufig und offenbar gern in der Öffentlichkeit auftreten. Woher kommt das?

Boffin: Astronom zu werden war für mich ein Bubentraum. Meine Mutter wollte eigentlich, dass ich Arzt werde, sie konnte sich wahrscheinlich nicht vorstellen, dass ich ein Doktor der Sterne werde. Ich rede gern von dieser Leidenschaft. Neben der Astronomie studierte ich aber auch Journalismus. Und wäre ich kein Wissenschafter, dann würde ich wahrscheinlich als Journalist arbeiten. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 05.12.2012)

Wissen: Gesprengte Bergspitze

Auf einer Bergspitze haben Riesenteleskope relativ wenig Platz: Also wurde der Gipfel des Cerro Paranal (2660 Meter) Anfang der 1990er-Jahre heruntergesprengt, sodass auf 2350 Meter eine Plattform mit dem Very Large Telescope VLT errichtet werden konnte.

Das Teleskop besteht aus vier Einzelteleskopen, die unterschiedlich ausgestattet sind, einzeln benützt, aber auch zu einem Interferometer verknüpft werden können. Sie heißen in der Sprache der Mapuche-Indianer Antu (Sonne), Kueyen (Mond), Melipal (Kreuz des Südens) und Yepun (Venus). Jedes Teleskop hat einen Spiegel mit 8,2 Metern Durchmesser. Antu sah sein First Light, wie es in der Sprache der Astronomen heißt, Ende Mai 1998. Der reguläre Wissenschaftsbetrieb begann erst im April 1999. (pi)


Henri Boffin machte sein Doktorat 1993 an der Université Libre de Bruxelles in Belgien. Als Postdoc war er zwei Jahre in der japanischen Stadt Kobe, weitere zwei Jahre verbrachte er in Cardiff in Wales. 1998 kehre er nach Belgien zurück und wurde Senior Researcher am Königlichen Observatorium in Belgien. Seine journalistische Ausbildung absolvierte er an der Ecole Supérieure de Journalisme de Lille in Frankreich. 2003 kam er zur Europäischen Südsternwarte als Astronom und Press Officer. Seit 2010 arbeitet er in Chile.

Nachlese
Blogger Peter Illetschko vor Ort: "In die Wüste geschickt"

  • Sonnenuntergang auf dem Cerro Paranal: Ein kleines Hilfsteleskop auf Schienen 
steht neben einem der großen Riesen.
    foto: peter illetschko

    Sonnenuntergang auf dem Cerro Paranal: Ein kleines Hilfsteleskop auf Schienen steht neben einem der großen Riesen.

  • Ein alltägliches Schauspiel: das "Opening" in einem der VLT-Teleskope. Das Dach öffnet sich (oben). Ein Schauspiel im Universum, den Pferdekopf-Nebel, konnte die ESO durch das VLT-Teleskop Kueyen beobachten und stellte dann dieses Bild (unten) her.
    foto: peter illetschko

    Ein alltägliches Schauspiel: das "Opening" in einem der VLT-Teleskope. Das Dach öffnet sich (oben). Ein Schauspiel im Universum, den Pferdekopf-Nebel, konnte die ESO durch das VLT-Teleskop Kueyen beobachten und stellte dann dieses Bild (unten) her.

  • Artikelbild
    foto: eso
  • Henri Boffin über seine Tätigkeit an der Europäischen Südsternwarte: "Man muss eine künstlerische Ader haben, um hier zu arbeiten."
    foto: eso

    Henri Boffin über seine Tätigkeit an der Europäischen Südsternwarte: "Man muss eine künstlerische Ader haben, um hier zu arbeiten."

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