Die Schule der Panikbürger

Kommentar4. Dezember 2012, 19:13
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Von einem integrativen Ganztagssystem profitieren nicht nur Aufstiegsverhinderte

Sie hätten auch schon vor drei Wochen beschließen können, was jetzt exakt 24 Tage nach der Regierungsklausur in Laxenburg vereinbart wurde: den sogenannten Ganztagsschulausbau, der bis 2018 das derzeitige Angebot verdoppeln soll. Es ist die Minimalvariante, zu der auch die ÖVP Ja sagt - wohl wissend, dass das Schulthema mittlerweile auch in ihrer Wählerschaft so eine Dringlichkeit hat, dass sie es lieber jetzt wegräumt, als sich im Wahlkampf noch immer damit abzumühen.

Minimalvariante und Mimikry zugleich, weil verbal mehr versprochen oder vorgetäuscht wird, als real durch das zusätzliche Geld erreichbar ist für die Schüler. Im Ministerratsvortrag steht nämlich ganz ungeniert, was wirklich gemeint ist: Es geht nur um "schulische Tagesbetreuung". Man hat sich also an das, was wirklich sinnvoll und wichtig wäre, nicht herangetraut: die Ganztagsschule als pädagogisch elaboriertes und bewährtes Konzept, das international anerkannt enorme Wirkungen im Hinblick auf Leistungsgerechtigkeit hat.

Da war das weiterhin geltende De-facto-Veto der Lehrer eine nachhaltige Brandmauer, an der nicht gerüttelt wird, wenn es um die Einführung der " echten" Ganztagsschule mit verschränktem Unterricht statt Nachmittagsbetreuung geht. Mehr ist in dieser Regierungskonstellation mit dem nach wie vor sehr effektiven Passspiel zwischen ÖVP und Lehrergewerkschaft im Moment nicht machbar.

Das Herumgezerre in der Koalition aber ist allgemein symptomatisch für den bildungspolitischen Diskurs, wie er in Österreich seit geraumer Zeit abläuft. Es gibt zunehmend gehässige Stellungskämpfe. Beflissene Bildungsbürger, -aufsteiger und -gewinner vergangener Jahrzehnte kämpfen (verständlich und auch berechtigt) um Statuserhalt und Vorsprung für sich und ihre Kinder - und verfangen sich dabei oft in regelrechter " Bildungspanik", wie der deutsche Soziologe Heinz Bude konstatiert.

Ganztagsschulvorstöße gelten da schnell einmal als staatlich betriebene Enteignung der eigenen Kinder, die diesem schulischen Ganztagsbetrieb, wo "die anderen" schon warten, zum Fraß vorgeworfen werden sollen. Diese Sehnsucht nach Abgrenzung von den "Losern" - finanziell, ökonomisch, bildungsmäßig - ist im Kern aber gesellschaftsgefährdend. Der " Dienstleistungsaspekt" der Ganztagsschule in Richtung berufstätiger Eltern ist nur ein, wenn auch sehr erwünschter und wichtiger, Nebeneffekt dieser Schulform.

In erster Linie aber geht es um pädagogische Vorteile für die Kinder - und, besonders wichtig: die gesellschaftspolitische Dimension und den Wert einer Schule, die mehr Zeit (ihrer Lehrerinnen und Lehrer) für die Kinder zur Verfügung stellt. Ja, aus Sicht der Pädagogen geht es da natürlich auch um einen Transformationsprozess eines ganzen Berufsfeldes. Das ist schmerzvoll - aber eine Erfahrung, die sie mit anderen Gruppen, gegenwärtig zum Beispiel auch mit Journalisten teilen.

Beide Bereiche verbindet vielleicht ihre Bedeutung für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft.

Das große Tabu in der Schuldebatte sind nach wie vor die unteren Randzonen, wo die gefährdeten Kinder sind. Dort müssen Ressourcen hin. Diese Aufstiegsverhinderten würden von einem integrierten Ganztagssystem am meisten profitieren, und dieser sozial- und bildungspolitische Nachteilsausgleich ist in jedem Fall auch im Interesse der Abstiegsverängstigten oben. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD, 5.12.2012)

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