"Eurozone hat Athen neue Kreditkarte gegeben"

Interview4. Dezember 2012, 18:20
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Griechenland wird wieder umschulden, Österreich kann seine Steuermilliarden abschreiben, sagt der griechische Ökonom Yanis Varoufakis

STANDARD: Die Euroländer haben ein neues Griechenland-Paket geschnürt, die Regierung in Athen bekommt mehr Zeit für ihren Sparkurs und neue Hilfsgelder. Ist Griechenland damit gerettet?

Varoufakis: Nein. Griechenland erinnert mich an einen Hausbesitzer, der seine Kreditraten nicht mehr bezahlen kann, aber von seiner Bank weiter eine Kreditkarte finanziert bekommt, mit der er immer neue Schulden machen darf und sich so irgendwie über Wasser hält. Die Eurozone hat Griechenland eine neue Kreditkarte gegeben, um sich das Problem zumindest bis nach den deutschen Wahlen 2013 vom Hals zu schaffen. Dabei ist das Land zu einem schwarzen Loch geworden, und jeder weitere Euro, der auf diese Art ausgegeben wird, ist vergeudet.

STANDARD: Die griechische Regierung setzt ihre Hoffnungen auf einen Rückkauf eigener Staatsanleihen. Dadurch sollen die Schulden gesenkt werden.

Varoufakis: Die Aktion ist in Wahrheit ein weiterer Schuldenschnitt. Die griechischen Banken sollen gezwungen werden, ihre Staatsanleihen billig zu verkaufen. Sie haben daran kein Interesse, denn in den Bilanzen der Banken stehen die Staatsanleihen mit dem vollen Wert drin. Wer also nun seine Anleihen verkauft, realisiert immense Verluste. Aber die Sache wird sowieso wenig bringen: Wir haben derzeit die idiotische Situation, dass der griechische Staat sich in den kommenden Wochen über 20 Milliarden Euro vom Eurorettungsschirm wird ausborgen müssen, um mit dem Geld die griechischen Banken zu rekapitalisieren. Das Geld, das sich Griechenland auf der einen Seite erspart, wird also sofort wieder ausgegeben.

STANDARD: Wenn das alles nichts bringt: Erwarten Sie einen weiteren Schuldenschnitt, diesmal bei den öffentlichen Kreditgebern?

Varoufakis: Die nächste Entschuldung wird kommen, das ist so sicher wie die Gesetze der Schwerkraft. Die Frage ist nur, ob Griechenland im Euro bleibt oder nicht. Die Eurozone wird die zweite Entschuldung nicht als solche bezeichnen, Europa ist gut darin, Euphemismen zu finden. So könnten die Euroländer ihre Forderungen gegen Griechenland auf Jahrzehnte hinaus stunden, dann hätten sie immerhin noch einen Schuldschein in der Hand. Aber ein großer Teil der Steuergelder aus Österreich und Deutschland sind sicherlich verloren.

STANDARD: Sie sagen, die Frage ist, ob Griechenland im Euro bleibt oder nicht. Wovon hängt das ab?

Varoufakis: Zu einem großen Teil davon, was die Deutschen wollen. Die Interessen in dem Land sind gegensätzlich, und noch steht eine Entscheidung aus. Die deutsche Industrie hat ein großes Interesse daran, den Euro und damit die eigenen Exportmärkte zu erhalten. Sie fürchtet einen Austritt Griechenlands, weil das eine Kettenreaktion auslösen könnte. Gleichzeitig haben die Banken in Frankfurt von der Krise profitiert. Die deutschen Institute sind in einem schlechten Zustand, besonders die regionalen Banken. Die Probleme der Branche wurden aber bisher verdeckt, weil die Sparer aus Südeuropa Milliardenbeträge nach Deutschland geschafft haben. Für die Finanzindustrie war die Krise also von Vorteil, und einige Bankmanager spielen mit dem Gedanken, dass ein Zusammenbruch des Euro weitere Gelder nach Deutschland bringen würde.

STANDARD: Sie sind ein Kritiker des Sparkurses. Wie sieht Ihre Lösungsstrategie für Griechenland aus?

Varoufakis: Das Erste, was wir tun müssen, ist Bankschulden von Staatsschulden zu entkoppeln. Die 20 Milliarden für die griechischen Banken dürfen nicht den griechischen Schuldenstand erhöhen. Dann braucht die Privatwirtschaft - nicht der Staat, ich bin der Letzte, der dem griechischen Staat auch nur einen Cent geben würde - eine öffentliche Anschubfinanzierung. Griechenland hatte zwischen 2007 und 2013 einen Anspruch auf 20 Milliarden Euro Strukturfördermittel. Davon wurden gerade acht Milliarden Euro ausgegeben. Zwölf Milliarden Euro liegen also nutzlos in Brüssel herum. Das ist fatal. (András Szigetvari, DER STANDARD, 5.12.2012)

Yanis Varoufakis (51) unterrichtet derzeit an der University of Texas in Austin. Zuvor war der australisch-griechische Ökonom in Athen, Cambridge und Sydney tätig. Varoufakis ist heute, Mittwoch, ab 19 Uhr zu Gast im Bruno-Kreisky-Forum in Wien.

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    Ruiniert der Sparkurs Griechenland? Protestaktion gegen die Kürzungspolitik in Athen.

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