"Meistens war ein Elferpfiff der Auslöser"

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Robert Sedlacek, Verantwortlicher für das Schiedsrichterwesen in Österreich, über das Pfeifen in den Unterligen und die Gewalteinflüsse

Standard: Ist die Tötung des niederländischen Linienrichters in Almere durch jugendliche Fußballer ein besonders brutaler Einzelfall oder steckt mehr dahinter?

Sedlacek: Ich kenne die Details und die genauen Umstände nicht. Aber es wurde sicher eine neue Dimension erreicht, ich bin schockiert. Trotzdem halte ich dieses Verbrechen für einen Einzelfall.

Standard: Hat es also nichts mit Fußball zu tun?

Sedlacek: Das kann so man nicht sagen, es ist ja bei einem Fußballspiel passiert. Die Tat war nicht untypisch für die gesellschaftliche Entwicklung. Menschen werden an Straßenbahnhaltestellen verprügelt und niedergetreten, oft kennen die Täter die Opfer nicht. Wir alle, speziell Eltern und Lehrer, sind gefragt, wie man dieser Verrohung entgegenwirken kann.

Standard: Und wie?

Sedlacek: Durch Aufklärung, wir dürfen nicht lockerlassen.

Standard: Die Tat ist im Amateurbereich passiert. Sind Schiedsrichter in Unterligen stärker gefährdet als im Profigeschäft?

Sedlacek: Möglicherweise. In den Profiligen ist das Polizeiaufgebot groß, die Spieler halten sich an Regeln, belassen es meist bei tolerierbaren Emotionen. Die Gefahr kommt von außen. Im schlimmsten Fall wirst du von einer Leuchtrakete getroffen. Oder Bierbecher werden auf dich geschossen. Trotzdem sind das keine Kavaliersdelikte. Es darf keine Hetz sein, Gegenstände auf Menschen zu schmeißen. Nirgendwo auf der Welt ist das lustig.

Standard: Sie pfiffen am Beginn Ihrer Laufbahn natürlich auch in Wiener Unterklassen. Haben Sie Gewalt auf diesen Nebenschauplätzen direkt erlebt?

Sedlacek: Manchmal wurde man gerempelt, andere Kollegen wurden von Hobbyspielern auch schon ins Gesicht geschlagen. Ganz selten musste die Polizei gerufen werden, die hat dann für Ordnung gesorgt. Meistens war ein falscher oder auch richtiger Elferpfiff der Auslöser. Oder eine rote Karte. Aber die Vorfälle waren und sind überschaubar, das ist kein Massenphänomen, sondern eine Seltenheit. Die betroffenen Spieler werden übrigens vom Verband für Jahre gesperrt oder gänzlich ausgeschlossen, da sind wir rigoros. Ich bin überzeugt, dass die positiven Seiten im Sport weit überwiegen. Gerade für Kinder und Jugendliche ist er wichtig. Prinzipiell löst er eher Probleme, als er welche schafft.

Standard: Müssen Schiedsrichter Angst haben?

Sedlacek: In Österreich nicht. Es ist nach wie vor nicht notwendig, bei Kinderturnieren eine Security anzufordern. Es gibt also noch Hoffnung. Schiedsrichter dürfen sich nach wie vor Fehler leisten.

Standard: Ist der Profifußball nicht doch gefragt? Von wegen Vorbildwirkung. Auch er hat mit Gewalt in der Fanszene zu kämpfen.

Sedlacek: Ja. Es kann nicht genug Kampagnen geben. Respekt und Fair Play müssen immer wieder gepredigt, Rassismus muss bekämpft werden. Alle Beteiligten, zum Beispiel die Trainer, sollten sich ihrer Vorbildwirkung bewusst sein. Man sollte genau überlegen, was man in Mikrofone sagt. (Christian Hackl, DER STANDARD, 5.12.2012)

Robert Sedlacek (57) war 27 Jahre lang (bis 2001) Schiedsrichter, national und international. Er ist seit Februar 2010 Präsident des Wiener Verbandes und Vorsitzender der Schiedsrichterkommission des ÖFB.

  • "Es kann nicht genug Kampagnen geben."
    foto: wfv

    "Es kann nicht genug Kampagnen geben."

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