Heldin im gnadenlosen Rampenlicht

Margarete Affenzeller
4. Dezember 2012, 17:15
  • Surreale Momente durchziehen wie böse Traumvorstellungen Joe Wrights Film "Anna Karenina" (Keira Knightley).
    foto: upi

    Surreale Momente durchziehen wie böse Traumvorstellungen Joe Wrights Film "Anna Karenina" (Keira Knightley).

Mehr als nur opulentes Ausstattungskino: "Anna Karenina" von Joe Wright gibt Tolstois russischem Liebesdrama eine surreale Dimension, die das Innerste gnadenlos an die Öffentlichkeit zerrt

Wien - Beinahe jedes Jahrzehnt der Kinogeschichte hat für Leo Tolstois weltberühmten Roman Anna Karenina eine Verfilmung bereitgestellt. Mit Titelheldinnen wie Greta Garbo (1927), Vivian Leigh (1948), Jacqueline Bisset (1985) oder Sophie Marceau (1997). Das Petersburger Adelsleben in seiner dramatischen Pracht (großer Reichtum, wenig individuelle Freiheit) ist ein allzeit leinwandwirksamer Stoff.

Die mit einem Staatsminister gut, aber herzlich fad verheiratete Anna verliebt sich haltlos in den jungen Grafen Wronski, einen sprühenden Offizier. Die Konsequenzen sind schrecklich: Von der Gesellschaft ausgeschlossen und von Überlebensangst getrieben, nicht zuletzt weil auch das neue Glück seine Risse zeigt, begeht sie Selbstmord.

Joe Wright hat in seiner aktuellen Neuverfilmung den vorangegangenen Opulenz-Schaustücken etwas hinzuzufügen. Als Regisseur der vierfach oscarnominierten Jane-Austen-Adaption Stolz und Vorurteil (2005) hatte er bereits ein Händchen für Kulisse und Ausstattung bewiesen. In Anna Karenina geht er nun über das Genre Kostümfilm hinaus.

Er zeigt das Geschehen in St. Petersburg und Moskau in surrealen Raumanordnungen, die die Trennung von Innen und Außen für obsolet erklären und die Schauplätze der Stadt absurderweise in den Kulissen, dem Schnürboden etc. von Theaterbühnen verorten.

Der Eislaufplatz, auf dem Wronski gierig der in einem Schlitten chauffierten Karenina nachblickt, liegt zum Beispiel mitten im Theaterparkett. Der Schnee reicht dort bis zu den Logen. Tritt jemand durch eine Tür auf der Rückseite der Bühne, so landet er direkt in der russischen Pampa auf dem Landgut von Lewin. Oder: Vertrauliche Gespräche in offensichtlichen Privatgemächern entpuppen sich plötzlich als knapp an der hell erleuchteten Theaterrampe geführt. Das Kinderzimmer von Serjoscha, Anna Kareninas Sohn, ist ohne Umschweife gleich als Guckkastenbühne gebaut.

Gedanken, die Tolstois Gesellschaftsroman entsprechen: Die Figuren haben keinen Rückzugsort, kein intimes Gefühl bleibt verborgen. Das Rampenlicht erfasst alles. Mit dieser in altmodische Theaterkulissen eingesperrten Realität installiert Wright eine Ebene für das Traumhafte der Ereignisse. Der Film behält diese Ebene konsequent bei, ohne in dieser Entscheidung jemals zu festgefahren zu wirken.

Ein Fest für die Requisite

Man ist immer wieder überrascht und gebannt von den absurden szenischen bzw. räumlichen Übergängen oder von Birkenstämmen, die als Hindernis plötzlich im Zimmer stehen. In den die Räume und Zeiten dehnenden langen Kamerafahrten mag man eine Reminiszenz an Alexander Sokurovs Russian Ark erkennen, eine in der Petersburger Eremitage angesiedelte Zeitreise durch Russlands Geschichte; in der schönen Kulissenmalerei und in den prächtigen Requisiten, die manchmal wie in Dioramen arrangiert wirken, eine Verbeugung vor der russischen Theater- und Märchentradition.

Dem Gewicht dieser Ausstattung und ihres theaterhaften Arrangements halten die Schauspieler jederzeit stand. Sämtliche Darsteller wirken im Dickicht ihrer eigentümlichen Haarpracht oder ihrer exquisiten Kopfbedeckung (Mode und Stil sind Dauerbrennerthemen im Roman) um einiges älter, als sie tatsächlich sind.

Oblonski (Matthew Macfadyen) hat sich als bauchiger Karenina-Bruder äußerlich lustig, aber innerlich schuldbewusst im Ehebruch eingenistet; Keira Knightley wendet als Anna ihre anrührende Lebendigkeit allmählich in Panik. Als ihr Gatte entwirft ein kaum wiedererkennbarer Jude Law mit Geheimratsecken und Glaszwicker das Inbild eines staubtrockenen Aristo-Bürokraten. Und mit Aaron Taylor-Johnson als Graf Wronski haben auch die Twens wieder einen neuen Schwarm.  (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 5.12.2012)

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8 Postings
grandioser film

Natürlich ist der Film nicht so wie man sich die Geschichte selbst vorgestellt hat....aber wer will das schon. Nichts könnte besser an meine Fantasie heranreichen, als die meine!
Zugegebenermaßen, anfangs war ich enttäuscht, doch die kreative Umsetzung als Gesamtwerk ist einfach zu beeindruckend. Angefangen von den Kostümen, bis zur Cinematografie...
Es müssen ja nicht alle zehn Jahre neue Remakes gemacht werden, wo der unterschied in der besseren kamera liegt, aber das ist wirklich eine NEU umsetzung und das ist einfach toll...

Ich habe Lust, mir diesen Film anzusehen,

doch ich befürchte, dass ich danach Tolstois Roman nicht mehr lesen werde, und das wäre nahezu inakzeptabel.

wieso solche filme...

man sollte liebe die Bücher lesen... so eine Geschichte kann man niemals verfilmen... geht einfach nicht... sie haben ja auch das gleiche mit Les Mis und The Great Gatsby gemacht... wirklich schade...

wenn man das wunderbare buch vor kurzem erst gelesen hat, kann man vermutlich vom film nur enttäuscht sein.
allein keira knightly, das haucherl einer frau, hat mit der literarischen anna k. , von tolstoi blöderweise ziemlich genau beschrieben, kaum etwas gemein.

Eigentlich nur ein Detail...

... wenn auch kein kleines: "??? ????? ??????? ????????, ??? ??????? ????? ???????? ?? ???????? ?????? ????."
Bei dem "ziemlich üppigen Körper" würde man wirklich nicht zuerst an Keira Knightley denken. Aber an welche bekannte Schauspielerin denn dann?! Dieser Frauentyp ist einfach nicht in Mode (was genau so bescheuert klingt, wie es ist). Gut, die Augenfarbe (bei Tolstoi grau) stimmt auch nicht.

sophie marceau

hätte tolstoi vermutlich auch besser gefallen! und leider ist die ephemere knightly als mutter nur wenig bis gar nicht glaubwürdig, was einen wichtigen psychologischen aspekt der karenina-tragödie cineastisch schon mal ausblendet.
ich bin aber trotzdem schon sehr gespannt auf den film, da ich joe wright für einen ganz exzellenten regisseur von literatur-verfilmungen halte: die einbindung des SURREALEN in sein szenographisches konzept klingt besonders vielversprechend im hinblick auf den »mythos« von st. petersburg, jener grandiosen kulissen-metropole, die puschkin einst als »hauptstadt aus dem nichts« bezeichnet hat.

Kann es sein, dass Sie einen anderen Film gesehen haben

als die restlichen, internationalen Filmkritiker?

Aus einer Sozialstudie wurde eine Liebesgeschichte, die Ausstattung ist historisch inkorrekt und Karenina und Vronsky sind fehlbesetzt.

Aber gut, gesehen hab ich ihn noch nicht, stimmt auch wieder.

Wenn man...

das Buch nie gelesen hat...

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