Der Mythos des "fairen" Geschlechts

10. Dezember 2012, 09:04
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Frauen handeln gerechter und sind weniger korrupt, lautet eine weit verbreitete Annahme. Studien zeigen: Die Zusammenhänge zwischen Geschlecht und Korruption sind komplexer als viele meinen

Ob in Politik oder Medien - Korruption ist derzeit in aller Munde. Und sie ist Wahlkampfthema: Im November starteten die Grünen ein Volksbegehren gegen Korruption und "für saubere Politik in Österreich". Parteichefin Eva Glawischnig ließ vor kurzem aufhorchen, als sie in einem Presse-Interview erklärte: "Frauen sind weniger bestechlich."

Moralisch, edelmütig, besser

Die Annahme, Frauen seien weniger anfällig für Korruption, ist weit verbreitet - und tatsächlich scheint der "Korruptionssumpf" ein vorwiegend männliches Terrain zu sein. Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben sich in den vergangenen Jahrzehnten mit den Zusammenhängen von Geschlecht und Korruption beschäftigt. Glawischnigs Behauptung, eine stärkere weibliche Präsenz in der Politik würde die Korruption senken, kommt nicht von ungefähr. So stellt ein bis heute viel zitierter Report der Weltbank von 1999, der die Situation in über einhundert Ländern analysierte, fest: "Je mehr Frauen im Parlament vertreten sind, desto niedriger ist das Ausmaß der Korruption."

Die Begründung hierfür mutet allerdings recht klischeehaft an: In Rückgriff auf geschlechtsspezifische Verhaltensstudien argumentieren die VerfasserInnen der einflussreichen Weltbank-Studie, Männer seien individualistischer veranlagt und selbstsüchtiger als Frauen, letztere seien dafür "hilfsbereiter", sorgten sich mehr um das Gemeinwohl und pflegten höhere ethische Standards. Eine verstärkte Präsenz von Frauen in politischen Entscheidungsämtern hätte daher einen "signifikanten, negativen Effekt" auf Korruption.

Old Boys' Network

Auch Fernanda Rivas von der Universität Granada stellt eine klare Korrelation zwischen korruptem Verhalten und Geschlecht her. 2008 führte die Wissenschaftlerin ein Laborexperiment mit Männern und Frauen durch, die in unterschiedlichen Konstellationen in die Rolle von ManagerInnen und BeamtInnen schlüpften. Erstere verfolgten das Ziel, die Interessen ihrer Firma durchzusetzen - mit der Möglichkeit, den BeamtInnen Bestechungsgelder anzubieten. Das Experiment kam unter anderem zum Ergebnis, dass Frauen seltener und weniger Schmiergelder anboten, während sich Männer öfter für den korrupten Weg und für höhere Bestechungssummen entschieden. Am häufigsten fand Korruption statt, wenn Männer auf andere Männer trafen.

Für das "anständigere" Verhalten der weiblichen Probanden sieht Rivas mehrere Gründe: Frauen seien unter anderem risikoscheuer, zudem seien sie von den traditionellen - männlich geprägten - Korruptionsnetzwerken lange Zeit ausgeschlossen gewesen. Ganz ähnlich sieht das auch die ehemalige iranische Frauenministerin Mahnaz Afkhami. Gegenüber der britischen Nachrichtenagentur Reuters, die kürzlich internationale PolitikerInnen nach ihren Erfahrungen zum Thema Korruption befragte, meinte sie, Frauen seien kein Teil der "Old Boys' Network" - sprich der etablierten männlichen Seilschaften - und damit auch weniger anfällig für korrupte Geschäfte.

Corruption Gender Gap

Ist der Kampf gegen Korruption also einfach damit gewonnen, wenn mehr Frauen im nationalen Parlament sitzen? Im erwähnten Reuters-Bericht wird auch Melanne Verveer, Sonderbotschafterin für globale Frauenfragen im US-Außenministerium, zitiert, die meint: "Es geht nicht darum, mehr Frauen in der Politik zu haben und zu sagen: 'Ah, das ändert jetzt alles'."

Dass ein erhöhter Frauenanteil nicht per se als Antikorruptions-Instrument dient, zeigt der Vergleich: Dem aktuellen Ranking der Interparlamentarischen Union (IPU) zufolge sind beispielsweise in Ruanda über 56 Prozent der Parlamentssitze von Frauen besetzt - im jüngst veröffentlichten Korruptionsindex von Transparency International (TI) liegt der ostafrikanische Staat jedoch nur auf Platz fünfzig (von 176). Im Gegenzug weist Neuseeland laut IPU einen Frauenanteil von etwa 32 Prozent in der nationalen Volksvertretung auf, belegt allerdings im TI-Index den ersten Platz, zusammen mit Dänemark und Finnland.

Mehr Einsicht bietet an dieser Stelle der Hinweis auf den Demokratisierungsgrad eines Landes. So berichtet etwa eine aktuelle Studie von US-ForscherInnen der Universitäten Rice und Emory über Korruption und Geschlecht in Institutionen, dass Politikerinnen in männlich dominierten und autoritären politischen Systemen nur wenig gegen Korruption ausrichten können, da ihre Position oft von der Patronanz von Männern abhängig ist. Dort hingegen, wo offene und demokratische Strukturen herrschen, kann ein Rückgang der Korruption beobachtet werden - und, parallel dazu, auch ein Plus an Frauen in Entscheidungspositionen.

Korruption - von "unten" definiert

Jedoch verengt die Frage "Hat Korruption ein Geschlecht?" möglicherweise den Blick und lässt insbesondere die Folgen von Korruption außer Acht. Denn diese sind in der Tat für Frauen und Männer unterschiedlich, wie ein neuer Bericht der UNDP, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, bestätigt. Vor allem aus der Sicht armer Frauen an der Basis ("grassroots women") greife das traditionelle Verständnis von Korruption als "Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil" zu kurz, so die UNDP.

Im globalen Süden stellt die Nicht-Erfüllung öffentlicher Basisleistungen wie Bildung oder Gesundheit ein zentrales Element korrupter Praktiken dar - ein Umstand, der großteils zu Lasten von Frauen gehe, die nach wie vor für die Versorgung der Familie verantwortlich sind. Korruption verzerrt also die Zuordnung öffentlicher Budgets zu Lasten der sozialen Sektoren, was sowohl die Zahl als auch die Qualität öffentlicher Güter und Dienstleistungen verringert.

Vor diesem Hintergrund verschiebt sich der Fokus der Frage nach dem Zusammenhang zwischen Geschlecht und Korruption: Demnach sind nicht die Frauenanteile, sondern der ungleiche Zugang von Männern und Frauen zu Ressourcen und Machtpositionen, die für Korruptionszwecke missbraucht werden können, entscheidend.

"Daher wäre es nicht ausreichend, zur Korruptionsbekämpfung auf 'schnelle Erfolge' durch bloße Quotenerhöhungen für Frauen zu setzen", wie es auch in einem deutschen Bericht über die Wechselwirkungen von Korruption und Gender heißt. "Stattdessen gilt es, nachhaltige Wirkungen durch eine Erhöhung der substanziellen Beteiligung von Frauen zu erreichen, ergänzt durch weitere korruptionspräventive und -bekämpfende Maßnahmen, die Macht begrenzen und kontrollieren helfen." (Vina Yun, dieStandard.at, 10.12.2012)

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    In Ländern mit offenen und demokratischen Strukturen ist die Korruption vergleichsweise niedrig - und gleichzeitig finden sich hier auch mehr Frauen in politischen Entscheidungspositionen, besagt eine neue US-Studie.

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