Namibia-Reise zum Schwitzen und Arbeiten

Freiwillige helfen in Namibia bei der Erforschung wilder Tiere und lernen ein Gnu von einem Warzenschwein zu unterscheiden - mit Ansichtssache

Dumpf rollt der Donner, am Horizont huschen orange Lichter über den stockdunklen Nachthimmel, hin und wieder erleuchtet ein gleißender Blitz krakelige, schwarze Silhouetten ausgemergelter Bäume und Sträucher. Die Regenzeit in Namibia kündigt sich an. Mit Gewitterwinden, heftigen Regengüssen und einer wahren Invasion von Insekten. 

Die Volontäre im Forschungslager der Okambara Elephant Lodge erleben die Wiedergeburt der Natur hautnah. Reihum öffnen sich die Türen der Chalets und kreischende Menschen springen in den staubigen Sand. "Skorpion! Skorpion!", "Käfer. Tausende Käfer!", "Sunspider!" . Der Reihe nach versammeln sich die gerade angekommenen Gäste rund um den offenen Feuerplatz und schildern ihre ersten Begegnungen mit der wilden Natur Südwestafrikas. 

Okambara ist ein Zusammenschluss aus drei ehemaligen Rinderfarmen, die Eigentümer Christian Schmitt im Laufe von 20 Jahren gekauft hat. Die Zäune, die Namibia wie ein Haarsieb in kleine Parzellen zerteilen, sind auf dem 15.000 Hektar großen Gebiet verschwunden. Wieder gekommen hingegen sind die Wildtiere. Schmitt hat hier die Fauna Afrikas versammelt, von Antilope bis Zebra können Gäste der Lodge hier Tiere in einer annähernd natürlichen Umgebung beobachten. Neun Elefanten streifen durch den Busch, knicken Bäume und toben ihre unendliche Neugierde an Wasserleitungen, Windrädern oder Kamerafallen aus.

Trophäen für das Wachstum

Die Kamerafallen stammen aus dem Forschungslager, wo Biologin Kristina Killian seit Sommer 2012 forscht und arbeitet. Sie soll herausfinden, wie sich die Anwesenheit von Leoparden auf das biologische Gleichgewicht einer Game Farm - also einer Farm mit Wildbestand - und Wildschutzgebiete auswirkt. "Wir erforschen, wie viel Lebensraum Leoparden beanspruchen und welche Bedeutung sie für die kommerzielle Nutzung der Farmen haben." In die Quere kommen die Großkatzen vor allem den Rinderfarmern, die ihre Tiere Seite an Seite mit den gefleckten Katzen halten - und den Trophäenjägern. 

Reiche Europäer, Amerikaner, Chinesen und Russen finden in Namibia ideale Bedingungen für Abschüsse. „Die Trophäenjagd ist ein durchaus positiver Aspekt für den Erhalt und die Wiederbelebung des Wildtierbestandes in Namibia", erklärt Jörg Melzheimer. Er untersucht auf dem Gelände der Okambara Elephant Lodge die Elefanten, die seit 17 Jahren auf der Farm leben. „Die Jäger lassen für den Abschuss eines Leoparden um die 15.000 Euro springen. Für die Rinderfarmer ist das ein gutes Geschäft, das sie dazu ermutigt, die Katzen und deren Beutetiere auf ihren Farmen zu schützen anstatt sie als Konkurrenten zu erschießen." 250 Leoparden und 150 Geparden dürfen jedes Jahr gejagt werden. Die Lizenzen werden von der namibianischen Regierung erteilt. Davon abgesehen hat nach wie vor jeder Rinderfarmer das Recht, „Problemkatzen" zu töten. Allerdings ist eine erschossene und anschließend verscharrte Katze keinen Cent wert, während jene Tiere, die auf Lizenz gejagt werden, den Verlust eines Jahres ausgleichen können, der durch die Katzen auf den Farmen entsteht. 

Um das Verhalten der Leoparden erforschen zu können, wurde das Leoparden-Projekt auf Okambara ins Leben gerufen. „Die Volontäre von Biosphere Expeditions sind in mehrfacher Hinsicht eine wirkliche Hilfe für die Erforschung der Tiere", erzählt Killian. „Durch ihre Hilfe bleibt mir mehr Zeit für die Datenauswertung und für die Geldmittelakquise. Forschung kostet Geld und wir sind von Sponsoren und Geldgebern abhängig." Zurzeit fahren die Forscher mit Wagen von Land Rover durch die Savanne, Swarovski Optik liefert optische Geräte wie Entfernungsmesser oder Ferngläser. „Die Volontäre leisten aber auch einen wichtigen monetären Beitrag. Kurz gesagt wäre das Projekt ohne Biosphere Expeditions gar nicht möglich", so Killian.

Tauglichkeitsprüfung für Elefanten

Den HelferInnen wird von Beginn an eindringlich klar gemacht, dass es sich bei dem zweiwöchigen Aufenthalt im Forschungslager auf keinen Fall um Urlaub handelt. Anfangs zeigen sich die Teilnehmer noch aufgeregt und verspielt. Gleich zu Beginn lernen alle den Umgang mit GPS, Kompass und den Geräten zur Elefantenortung. Sie weisen den Weg zur Elefantenkuh mit dem Halsband - und das ist überlebenswichtig. Einer Herde afrikanischer Elefanten in der Savanne zu begegnen kann faszinierend sein - oder tödlich. Daher wird die Herde täglich zweimal kontrolliert, ihre Wanderungen und ihr Verhalten wird von den Volontären peinlich genau beobachtet und aufgezeichnet. Melzheimer wertet die Daten aus und arbeitet daran, herauszufinden, wie sich die Anwesenheit der Giganten auf einer Wildtierfarm auswirkt. Dafür sitzen die freiwillige Helfer stundenlang unter der glühenden namibianischen Sonne auf der Ladefläche der Land Rover, suchen das Antennensignal und verfolgen die Herde. Mit ein wenig Glück bekommen sie dann die Elefanten aus nächster Nähe zu sehen, immer unter dem wachsamen Auge von Frans, dem Elefanten-Tracker. Er begleitet die Gruppen hinaus in den Busch, kennt das Verhalten der Tiere und weiß, wann es besser ist, zum Rückzug zu blasen, ehe der rebellische Teenagerbulle damit beginnt, mit den Ohren zu wackeln und Stunk zu machen. „Elefanten werden zunehmend interessant für die Gästelodges in Namibia. Daher ist es an der Zeit herauszufinden, ob und wie gut sich diese Tiere überhaupt dazu eignen, innerhalb eines begrenzten Gebietes mit Menschen zu leben", so Melzheimer.

Für die Volontäre gehört eine Elefantensichtung zum Höhepunkt des Aufenthalts. Täglich zur Mittagszeit treffen die Freiwilligen im Forschungslager ein, verschwitzt, staubig und müde von der Hitze und der Trockenheit der Savanne. Dann überschlagen sie sich in ihren Schilderungen von Sichtungen: „Wir waren 50 Meter entfernt von der Herde!" Bewundernde Blicke und ein bisschen Neid sind die Reaktion jener, die wieder einmal nur eine Schildkröte aus der Kastenfalle befreit haben. 

Allein darf sich niemand vom Lager entfernen. "Es müssen immer mindestens drei Personen zusammen bleiben", erklärt Killian. Sollte sich jemand verletzen muss einer Hilfe holen und einer beim Verletzten bleiben. Die Zeit, die man während der zwei Wochen Volontärsarbeit alleine verbringt, ist auf wenige Stunden am Nachmittag beschränkt, während derer man sich innerhalb des Lagers aufhält, weil es auf den staubigen Pisten im Busch einfach zu heiß für Aktivitäten ist. Die restliche Zeit ist mit Arbeit gefüllt. Um halb sieben starten die Arbeitsgruppen in den Land Rovern hinaus in die Savanne. Jeden Tag werden die Aufgaben unter den Gruppen aufgeteilt. Ein Teil kontrolliert die Kamerafallen, andere überprüfen die Kastenfallen. Die Hoffnung, eine große Katze in den Gitterboxen zu finden, bleibt bis zum letzten Tag, die Wahrscheinlichkeit dass es wirklich geschieht ist eher gering. „Okambara ist kein Zoo", betont Melzheimer. Man weiß nie, was man vor das Fernglas bekommt - oder ob man überhaupt etwas vor das Fernglas bekommt. In den Kastenfallen findet man mehr Stachelschweine und Erdferkel als Katzen und manche Spurensuche ist nicht mehr, als ein stundenlanger Spaziergang durch sandige Hitze. 

Der Zufall führt Regie in Okambara. Es kann vorkommen, dass eine Gruppe drei Stunden am Wasserloch sitzt, um Tiere zu zählen und ihr Verhalten zu dokumentieren und nichts weiter zu sehen bekommt als zwei dösende Pferde, die während der ganzen Zeit einen Schritt nach vorn und einen zurück machen. Trotzdem muss vor jeder Ausfahrt eine Unmenge Instrumenten und Unterlagen zusammen getragen werden. Fernglas, GPS, Entfernungsmesser, Kompass sowie je nach Aufgabe ein Lineal zur Spurenmessung, Antenne und VHF-Empfänger für die Elefanten, Sägen, Wasserkanister und Decke für die Kastenfallen oder SD-Karten und Batterien für die Kamerafallen müssen in den Autos verstaut werden. Dazu kommen diverse Datenblätter, auf denen peinlich genau sämtliche Daten dokumentiert werden. Im Laufe des zweiwöchigen Aufenthalts der Volontäre entwickeln sie sich von ungeschickten Laien zu routinierten Helfern, die schließlich alleine in den Busch fahren.

Laienspiel für den Artenschutz

Wissen einige am ersten Tag nicht, wo Norden und Süden ist oder können ein Gnu nicht von einem Warzenschwein unterscheiden, so messen sie am Ende der ersten Woche bereits gekonnt die Entfernungen mit dem Laserentfernungsmesser und können eine Herde Impalas auf 700 Meter Entfernung von Springböcken unterscheiden. "Die Arbeit mit Laien ist in den ersten Tagen jeder Expedition aufwändig. Es steck viel Training und Ausbildung dahinter, um ihnen den Umgang mit der Technik beizubringen und ihr Auge zu schulen. Außerdem passieren bei der Datenerfassung immer wieder Fehler", so Melzheimer. Aber die Arbeitskraft, die Begeisterung und die Funktion der Volontäre als Botschafter für das Projekt machen den Aufwand wett.

Die Begeisterung über Tiersichtungen ist ungebremst. Auch wenn sich nach den ersten Tagen eine gewisse Lässigkeit gegenüber den all gegenwärtigen Gnuherden einstellt und viele die Fotojagd auf die scheuen Oryxantilopen längst aufgegeben haben, sorgen ein unverhofft aufgetauchter Schabrackenschakal oder eine Familie Warzenschweine, die mit hoch aufgestellten Schwänzen die rumplige Fahrbahn quert immer wieder für Begeisterungsrufe. Beim Durchstöbern der Kamerabilder locken Paviane, die vor der Linse ihr gesamtes Repertoire an Mimik zum Besten geben, alle Teilnehmer vor den Bildschirm. Die Aufnahme einer Gepardendame mit zwei Jungen bringt die gesamte Mannschaft außer Rand und Band und jeder einzelne fühlt sich ein wenig stolz, mit dabei gewesen zu sein, als die Fotos dieser lange gesuchten Katze entstanden. Inzwischen sind alle Beteiligten ein Teil der Forschung und des Projekts und fühlen sich mitverantwortlich für den Erfolg der Expedition.

Biosphere Expedition will keine heile Welt voller Kuscheltiere zeigen, sondern die Realität. Wildtiere haben nur dann eine Chance, wenn sie einen erkennbaren Nutzen für den Menschen haben. Das funktioniert etwa durch die Trophäenjagd oder die Fleischproduktion. Im Camp wird täglich Fleisch von der Farm serviert. Oryx und Gnu in allen Variationen landen auf den Tellern, das Fleisch kommt aus dem Busch und schmeckt vorzüglich. „Ein Ziel unserer Forschung ist es, für den Konflikt Mensch - Wildnis vernünftige Lösungen zu finden, bei denen beide Seiten profitieren ", erklärt Melzheimer.

Sie kommen zurück

Namibia verzeichnet seit etwa zehn Jahren wachsende Bestände bei Löwen, Nashörnern, Geparden, Leoparden und Elefanten. Die Erkenntnis, dass die Wildtiere nicht nur Konkurrenz sondern auch eine lukrative Geldquelle sind, hat die Populationen steil ansteigen lassen. Sehr zur Freude der Volontäre, die nach der ersten Woche kaum noch Notiz nehmen von den vielen Giraffenköpfen, die aus dem grüner werdenden Dornengebüsch neugierig in Richtung Fahrzeuge schauen. Konzentriert sind die Gruppen der Freiwilligen damit beschäftigt, Tiere zu zählen und ihr Fressverhalten zu dokumentieren. 

Am Ende der zweiten Woche lassen bestens ausgebildete Vountäre das Erlebte Revue passieren. Leoparden hat keiner der Teilnehmer zu Gesicht bekommen, es gab keine gefährlichen Zwischenfälle mit Elefanten aber haarsträubende Begegnungen mit Riesentausenfüßlern und schrecklichen Sunspiders. Die Regenzeit beginnt. Es ist Ende November und die letzte Gruppe Volontäre verlässt das Camp. Die Savanne kleidet sich in frisches, sattes Grün. Jetzt kommen die Jungen zur Welt. Dank der Arbeit von Forschern wie Killian und Melzheimer und der Mithilfe von Freiwilligen haben sie gute Chancen auf ein weitgehend geschütztes Dasein in der Savanne Namibias. (Mirjam Harmtodt, DER STANDARD, Rondo, 7.12.2012)

-> Hier gibt's eine Ansichtssache über den Arbeitsurlaub.

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