Eitle Selbstbeschau in seichten Pfützen

3. Dezember 2012, 17:59
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Zum Mythos der Selbstverliebtheit: Die Galerie im Taxispalais versammelt in der Schau "Der Spiegel des Narziss" künstlerische Positionen zum übersteigerten Ich: ein Parcours, der nicht ohne Tränen auskommt

Innsbruck - Das hätte sich selbst Sigmund Freud nicht träumen lassen: Nicht nur, dass seine Theorien zur Psychoanalyse fast alle Richtungen der Kunst beeinflussen, sondern dass auch seine Definition des Narzissmus heute ein beängstigendes Echo erfährt. Von einer "gewaltigen, psychischen Kraft" sprechen Wissenschafter und meinen die übersteigerte Selbstliebe des Menschen von heute. Männer stehen hier deutlicher im Verruf als Frauen.

Je schöner dabei das eigene Spiegelbild auf Facebook, umso besser. Und genau hier ist der antike Mythos vom Narziss verankert. Denn dieser wurde von den Göttern mit der peinigenden Sehnsucht nach dem eigenen Spiegelbild bestraft. Hatte er doch das Liebeswerben aller Jünglinge und Mädchen abgewiesen.

Nun beleuchtet die Galerie im Taxispalais in Innsbruck in ihrer aktuellen Ausstellung Der Spiegel des Narziss. Vom mythologischen Halbgott zum Massenphänomen diesen antiken Typus und seine gesellschaftshistorische Entwicklung bis heute. Konzipiert nach einer Idee von Maren Welsch - die Kuratorin widmete 2002 ihre Dissertation diesem Thema - reflektieren 17 künstlerische Positionen von den 1970ern bis heute die Selbsterfahrung aus überwiegend männlicher Sicht. Aus diesem Parcours durch alle künstlerischen Techniken sticht die Installation von Olaf Nicolai heraus.

Nicolai geht von Freuds Aufbrechen des klassischen Männerbilds aus und zeigt in Anlehnung an Caravaggios Gemälde Narziss eine lebensgroße Figur - weinend über eine Pfütze gebeugt (A Portrait of the Artist as a Weeping Narcissus). Ein Selbstporträt, das aber als solches nicht funktioniert. Denn die Tränen und die kleinen Wellen in der Pfütze verunmöglichen den klaren Blick auf das eigene Bild. Jedes Porträt unterliegt einem Filter, ist Nicolai überzeugt. So wie im Roman A Portrait of the Artist as a Young Man von James Joyce der Ich-Erzähler auch nicht für den Autor selbst steht. Vielmehr ist es die Spiegelung im Thema an sich, die etwas über das eigene Selbst sagen kann, meint Nicolai.

Genau hier setzt die amerikanische Künstlerin Barbara Bloom an. In Buchtiteln wie Saving Face, My Ego, My Shadow, and Me, My Spitting Image etc. lässt sie die eigene, narzisstische Spiegelung weniger im Inhalt als im äußeren Schein von Titeln kulminieren. Denn die Seiten ihrer Publikationsreihe The Complete Works of Barbara Bloom bleiben - natürlich - leer. Die Titel sind dafür in eleganter Goldprägung ausgeführt; darunter ist jeweils Blooms Por-trät im Profil, ähnlich einer edlen Kamée, zu sehen.

Eindrucksvoll weitergeführt wird dieses Spiel um Autorschaft im Video von Felix Burger: In Die Verfilmung meines Lebens spielt Burger sich selbst und begegnet Filmgrößen wie Kim Nowak oder Alfred Hitchcock. Letzterer baut ein Set, das komplett mit Burger-Porträts überzogen ist. Durchdrungen von einer körperlichen Sehnsucht, erinnert dieses Video an Filme von Derek Jarman. Reizte der doch die körperliche Facette des " männliche Themas" in Filmen wie Caravaggio aus.

Körperliche Entlarvung

Und es ist diese körperliche, soziale Entlarvung einer Rolle, die in der Ausstellung etwas zu kurz kommt. In der Arbeit von Ely Kim, der in Boombox 100 Pop-Songs tanzt, ist sie angedeutet. Ansonsten wird dies nur in den historischen Positionen deutlich: in Helmut Schobers Narzisstischem Stück, das als konischer Metallspitz das eigene Spiegelbild durchbohrt oder in Jürgen Klaukes und Urs Lüthis drastischen Selbstporträts.

Vor allem Künstlerinnen (Valie Export, Marina Abramovic, Gina Pane u. v. a.) haben gezeigt, wie körperliche und künstlerische Grenzen ausgelotet werden müssen, um einen Mythos aufbrechen zu können. Mehr Mut täte so nicht nur den zeitgenössischen Künstlern, sondern auch der Ausstellung im Gesamten gut. (Tereza Kotyk, DER STANDARD, 4.12.2012)

Bis 10. 2.

  • Vorne: Olaf Nicolais "A Portrait of the Artist as a Weeping Narcissus" (2000) - nach Caravaggios Gemälde "Narziss" (1598/99).
    foto: rainer iglar

    Vorne: Olaf Nicolais "A Portrait of the Artist as a Weeping Narcissus" (2000) - nach Caravaggios Gemälde "Narziss" (1598/99).

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