Freiheit für die Schulen!

Kommentar der anderen | Matthias Strolz
3. Dezember 2012, 18:05

Dass sich in Sachen Ganztagsschulen langsam etwas zu bewegen scheint: gut und schön. Weniger schön: die Dauerblockaden eines vitalen Schulbetriebs durch pateipolitische Gängelung

In der Frage der Ganztagsschule scheint also nun doch etwas zu gehen. Die ÖVP bewegt sich - wie gewohnt widerspenstig - aus ihrem Schmollwinkel, wenn der Zug der Zeit sie längst überholt hat. Aber immerhin. Natürlich brauchen wir einen entschlossenen Ausbau der Angebote an Ganztagsschulen. Und natürlich soll die Gestaltung dabei der Logik einer "Verschränkung" von Lern- und Freizeitphasen folgen. Wenn hier die ÖVP das Prinzip der Verschränkung ablehnt, dann folgt sie zwar ihrem bildungspolitischen Mantra "Das brauchen wir nicht, weil wir's nicht wollen", ignoriert aber verlässlich die Erkenntnisse moderner Lernpsychologie.

Während wir uns - in Sachen Fortschritt genügsam geworden - über Bewegung in der Frage der Ganztagsschule freuen, dürfen wir allerdings nicht vergessen, dass sich die rot-schwarze Bildungspolitik in vielen anderen Fragen im Kreis dreht. Die Schulen befinden sich seit Jahrzehnten im Würgegriff unzeitgemäßer Rahmenbedingungen, überbordender Bürokratie und föderalistisch sowie parteipolitisch durchorganisierter Bevormundung.

Denkschablonen entsorgen

Die Weckrufe in Richtung Bildungspolitik waren in den letzten Jahren zahlreich: Studie um Studie, Buch um Buch, Schicksal um Schicksal. Doch alles verhallte unverstanden im Getöse des hundertjährigen Krieges um die Gesamtschule. Den weiteren Abfall im Output unseres Schulsystems - zur Erinnerung: 27,5 Prozent der 15-Jährigen können nicht ausreichend sinnerfassend lesen - können wir nur stoppen, wenn wir die alten Schablonen endlich wegwerfen. Wir sollten die Stellungskrieger der Gesamtschule und die Grabenkämpfer der bipolaren Pseudo-Differenzierung nach Hause schicken. Von ihnen ist nichts mehr zu erwarten, was hilfreich ist. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Schuldebatte, der darauf zielt, Innovationskraft "von unten" freizusetzen, und die " Einrichtung Schule" aus den Fängen der Parteipolitik und der Bürokratie befreit. So wie Innovationen in der Wirtschaft nicht im Wirtschaftsministerium, sondern vor Ort in den Unternehmen entstehen, so werden es auch in der Bildung nicht Ministeriumsbeamte und Landesschulräte sein, die echten Fortschritt umsetzen, sondern Schulen mit Gestaltungsspielraum, die sich aktiv und frei weiterentwickeln.

Wir müssen für unser Bildungssystem Freiräume erkämpfen. Hier einige konkrete Vorschläge: Beginnen wir mit der Entpolitisierung des Personalwesens. Ein umfassendes "Schul-Transparenzpaket" muss her. Schulleiter sollen vom Schulgemeinschaftsausschuss nach öffentlichen Hearings und auf Basis anerkannter Qualifikations- und Kompetenzkriterien bestellt werden. Sie sollen sich ihre Mitarbeiter - Lehrer, Sozialarbeiter, Psychologen, Lerncoaches und andere Fachleute - auswählen können und ungeeignete Personen ersetzen dürfen. Und sie sollen über ein Globalbudget verfügen, mit dem sie pädagogische Schwerpunkte setzen können, anstatt nur verlängerter Arm der Schulbürokratie zu sein.

Die Landes- und Bezirksschulräte können wir im Gegenzug abschaffen. Ihre Kosten übersteigen den Mehrwert, den sie aktuell bringen. Eine Qualitätssicherungsagentur auf Bundesebene, die unterstützt, anstatt zu verwalten, brächte den Schulen wertvollere Inputs. "Den Schredder einschalten und sich raushalten" - wie es Bildungsforscher Stefan Hopmann unlängst treffend formulierte - sollte auch das Bildungsministerium. Die Schulen mit immer neuen Erlässen und Verordnungen zu überschütten führt zwar dazu, dass die Lehrergewerkschaft verzweifelt nach Verwaltungspersonal ruft, bringt aber keine Qualitätssteigerung im Unterricht.

Eine moderne Bildungspolitik verbindet gemeinsame Standards und Ziele auf Bundesebene mit Freiheiten auf lokaler Ebene. Eine teilzentrale Mittlere Reife mit 15 z. B. schafft ein gemeinsames Ziel für die Pflichtschuljahre. Die Wege dorthin aber sollen Mittelschulen frei definieren können, in einem Wettbewerb der besten pädagogischen Konzepte und der engagiertesten Mitwirkenden.

Engagement fördern

Ihr Budget erhalten die Schulen subjektbasiert pro Schüler oder pro Absolvent, mit Anreizen, auch schwächere oder benachteiligte Schüler aufzunehmen und zum Erfolg zu führen. Denn Engagement soll sich lohnen, und daher braucht es auch Aufstiegschancen: In größeren Schulen machen Fachbereichsleitungen Sinn, da Direktoren ihren Führungsaufgaben bei einer großen Lehrerzahl nicht individuell nachkommen können.

Und: Ein flexibles Lehrerdienstrecht schafft neue Möglichkeiten, die Betreuungsqualität zu verbessern - z. B. kleinere Klassen und mehr Unterrichtsstunden bei gleichbleibender Gesamtzahl der betreuten Schüler pro Lehrkraft. Und ob die "Klasse" überhaupt das Maß aller Dinge bleiben soll, wird erst das Erproben anderer Formen der Lernorganisation zeigen.

Fazit: Den Regierungsparteien fehlt die Gestaltungskraft für Neues und - noch schlimmer - das Vertrauen in die Gestaltungskraft der Bürger/-innen. Die gute Nachricht: Letztere sind offenkundig in zunehmendem Maße nicht mehr gewillt, auf den Zuschauerrängen zu verharren. Schon gar nicht, wenn das Ergebnis in jedem bildungspolitischen Match ein torloses Remis ist. Vielleicht also kommt doch noch etwas in Bewegung: mit oder ohne SPÖVP. (Matthias Strolz, DER STANDARD, 4.12.2012)

Matthias Strolz (39), ehemals ÖH-Vorsitzender an der Uni Innsbruck und parlamentarischer Mitarbeiter der ÖVP, leitet eine Organisationsberatungsfirma und ist seit Anfang d. J. Vorsitzender der Neopartei "Neos - das Neue Österreich".

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Wettbewerb?

Ja, das wärs. Dazu muss man nicht einmal ein pädagogisches Studíum absolviert haben.
Wettbewerb? Bei uns? Eher konvertiert der Papst zum Islam.

Beginnen wir mit der Entpolitisierung des Personalwesens

vorher lös ma aber noch gschwind den nahost-konflikt.
und beides in der nächsten woche!

Schon wieder die.

Ich frag` mich, ob der Standard auch den anderen kleinen Parteien, etwa der KPÖ (die, bei aller Bescheidenheit, mit Sicherheit mehr reissen wird, als die verkappten Schwarzen von neos) soviel Platz einräumen wird.

Ich meine, angesichts des angeblichen Wähler-Potenzials links von SPÖ und Grünen wäre es nicht uninteressant zu wissen, was es da für Ansätze gibt, wer (über Graz hinaus) die Leute sind, und wie sie sich im Detail positionieren. In Deutschland sind die "Linken" ja auch keine verschwindende Größe.

Bitte nun keine Hinweise auf Google und sonstige Websites - es geht, ungeachtet von Sympathien, um Interviews (siehe rau-TV) oder Kommentare.

Vielleicht weil sie gute Ideen haben?

Diese ewige ideologische Denken und argumentieren ist echt unnötig. Ist doch egal wem Neos nahe steht oder nicht. Sie wollen was verändern, abseits von Ideologien. Gut so! Alle haben danach geschrien und sind jetzt bös weil es keine neue Linke ist die das notwendige fordert. Geht es Ihnen eigentlich um die Sache?

Weil es ein wirklich gutes Konzept gibt

Neos haben für die Bildungspolitik ein sehr umfassendes Bildungskonzept vorgestellt.
Das bedeutet nicht, dass Input von anderer Seite (KPÖ eingeschlossen) überflüssig wäre.

sie müssen nur behaupten, dass sie ein "liberaler" sind...

...und schon kriegen alle leitartikler feuchte augen, weil sie endlich, endlich das bekommen könnten was, sich angeblich alle, in wahrheit aber nur 2-3 journalisten wünschen: eine "echte liberale" partei, was immer das sein mag. ein paar phrasen wie "gegen parteipolitik", "eigenverantwortung", "gegen bevormundung" müssen sie auch noch in ihren absichtserklärungen unterbringen, dann sind sie schon ein guter.
und dann gehts nur noch um die frage, wann sie denn endlich bundeskanzler werden, weil sie ja sooo ein tolles programm haben, aber leider...

...sie wissen eh, es ist so schwierig mit dem liberalismus in ö. also wenn das scheitert wartet ums eck schon der nächste "liberale" messias, in den rau&co wieder hoffnungen investieren werden.

"So wie Innovationen in der Wirtschaft nicht im Wirtschaftsministerium, sondern vor Ort in den Unternehmen entstehen, so werden es auch in der Bildung nicht Ministeriumsbeamte und Landesschulräte sein, die echten Fortschritt umsetzen, sondern Schulen mit Gestaltungsspielraum, die sich aktiv und frei weiterentwickeln."

Das klingt ja ganz nett, aber die Rahmenbedingungen die Geld kosten - und das sind wohl grundsätzlich mal die Betriebszeiten - die müssen schon noch aus einem staatlich verantworteten Budget stammen. Und dafür wird man weiter dicke Bretter bohren müssen. Gestaltungsspielraum kann man dann bei den Details einräumen.

Warum sollte ...

... die Dezentralisierung der Kosten pro Schüler aufwändiger sein als den zentralen Moloch am Leben zu halten? Ich versteh Ihr Posting nicht.
Offensichtlich geht es darum, dass das Geld in die Schulen kommt und dort ausgegeben wird. Die Zentrale macht dann bestenfalls die Lohnverrechnung.

die freiheit schulgeld zu zahlen

das ist es, was der proponent des oevp-fakes neos eigentlich meint.

Selten so viel inhaltsleeres Blabla gelesen -

klingt wie ein Parteitagsbeschluß der KPdSU oder auch eine Waschmittelreklame, aber jedenfalls zum Einschlafen.

Keiler reden so.

Herr Strolz lernt aus eigenen Fehlern?

Die Bildungspolitik der unseligen Gehrer, gepaart mit dem Elitendenken eines Schüssels, hat auch ein Herr Strolz "mitgestaltet".

Wenn's jetzt wieder so zwischen den Zeilen steht, dass nur erwerbswirtschaftlich orientierte Schulen gute Schulen sein können, ist das zwar aus der Sicht eines ÖVP-Ex-Mitarbeiters erstrebenswert, nicht aber im Interesse einer möglichst guten Chance für alle Begabten und Lernwilligen.

Was ist so verwerflich an der Gesamtschule? Herr Strolz lässt uns hier in Ahnungslosigkeit verharren.

Weshalb soll der Sohn eines Zahnklempners in seiner Projektgruppe nicht mit der Tochter eines Arbeiters zusammentreffen dürfen? Standesdünkel? Es ist ohnedies so, dass Kinder aus Akademikerfamilien (Aus-)Bildungsvorteile haben.

Die Ganztagsschulen werden Bewegung bringen.

Und zwar in Richtung sozialer Entmischung.

Wer sichs leisten kann, schickt dann seine Kinder lieber in private Schulen mit dem Ziel Bildung.
Die anderen müssen in den Gesamtschulen bleiben, deren einziges Ziel die Integration der Kinder von Integrationsverweigeren ist, da Bildung so nicht mehr möglich ist, wie jeder in den ottakringer Hauptschulen (Verzeihung, Neue Mittelschulen!) besichtigen kann.

Macht aber nix. Dann simma pc, und das ist schließlich das wichtigste.

ja

also ganz anders als jetzt, wo es auch nicht funktioniert.

Dann besser also diese neuen Modelle, die sich schon seit Jahrzehnten international bewährt haben, ad acta legen und weiterwurschteln wie bisher.

... klingt verdächtig nach typisch Österreich.

(...)kleinere Klassen und mehr Unterrichtsstunden bei gleichbleibender Gesamtzahl der betreuten Schüler pro Lehrkraft.(...)

Und die Lehrkraft (alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, teilzeit) wird in zwei gleich große Teile geteilt?

nein, die lehrkraft (unabhängig von familienstand) hat mehr stunden.

Schulleiter sollen vom Schulgemeinschaftsausschuss nach öffentlichen Hearings und auf Basis anerkannter Qualifikations- und Kompetenzkriterien bestellt werden.

also so ähnlich wie der sheriff in den usa...

weil mit dieser methode werden bekanntlich nur die besten der besten zum sheriff.

diese methode hat gegenüber der aktuell geltenden den vorteil, dass man zumindest noch nicht weiss, dass sie in vielen fällen die falsche ist.

Führt

doch endlich das Fahrschulprinzip ein!
Dort braucht man keine Experten und keine Pädagogik. Die Fahrschulen wären längst auch dort wie die Pflichschulen, wenn sie so arbeiten müssten wie diese.

wenn man sich die zahl derjenigen anschaut,

die trotz führerschein nicht autofahren können, dann könnte man ein " 27,5 Prozent der 15-Jährigen können nicht ausreichend sinnerfassend lesen " als vorbildlich betrachten!

visionen

Diese Visionen von einem perfekten Schulsystem sind leider genau so schwer umsetzbar wie andere Visionen der Menschheit:z.B. Christentum, Kommunismus. Sie scheitern an den Menschen. Wo sind die objektiven Lehrerinnen und Eltern , die nach sachlichen Kriterien ihre LeiterInnen auswählen?Wo sind die vielen guten LehrerInnen, PsychologInnen, SozialarbeiterInnen, die sich diese Direktorin dann aussucht? Wie viele Eltern oder Staaten haben das Geld um sich gute Ganztagsschulen leisten zu können? Wo sind die PolitikerInnen, die bereit sind mit Ihrer Einflussnahme auf Schule natürlich auch Macht abzugeben?
Aber träumen ist erlaubt. Christen tun das seit 2000 Jahren

... und weil alles so schwer umsetzbar ist, packen wir gar nichts an. Und das seit Jahrzehnten.

der oevp-fake neos

lisl gehrers zögling will mehr schulautonomie. wahrscheinlich mit schulgeld finanziert.

Wo steht etwas von Schulgeld?

Es soll so sein wie in Schweden, wo es hervorragend funktioniert: Die SchülerInnen bringen "ihr staatliches Schulgeld" dorthin, wo er/sie die beste/richtige/gewünschte Ausbildung/Bildung bekommt.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schulen/DirektorInnen/LehrerInnen es furchtbar finden würden, wenn sie über ihr Budget selbst verfügen könnten.

"was nichts kostet ist nichts wert"

haben die studiengebühren-freaks um gehrer/strolz schon 2001 getönt. heute sind sie mehr denn je der meinung, dass bildung ordentlich was kosten soll. schließlich kann man so die "schulautonomie" noch weiter ausbauen, wenn schulen gebühren einheben. und die "eigenverantwortung" der kinder wird so auch gestärkt, na bitte!

und wenn man die schulen dann endgültig in die "freiheit" des privaten profitstrebens entlässt, sind sie überhaupt befreit von jeglicher bürokratie, die sie angeblich so lähmt, denn merke: bürokratie gibts nur wenn etwas unter staatlciher kontrolle steht. im privaten bereich gibts keine bürokratie, also nie und nimmer! daher ist der letzte schritt die privatisierung der schulen-die totale freiheit...

Mit dem Ederer Tausender

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