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Brasilianische Soldaten patrouillieren in einem Panzer durch einen Slum in Rio de Janeiro. Der Regierung ist es gelungen, zumindest 30 Favelas in der Stadt von den Drogengangs zu befreien.
Die Banden sind allerdings nicht verschwunden, viele treiben nun in anderen Städten ihr Unwesen.
Vagner hat jetzt eine Adresse: Rua Dr. Nelson 32, Chapéu Mangueira. Das nagelneue, gelbe Straßenschild auf der roten Ziegelsteinmauer ist nicht zu übersehen. Eine Adresse, das ist in Brasilien so viel wie eine Existenzberechtigung: Ohne sie kommt kein Lebenslauf aus, ohne sie gibt es keine Steuernummer, kein Bankkonto. Vagner Machado ist jetzt 38 und mächtig stolz auf seine neue Existenz.
In den engen Gassen seines Slums, oberhalb des weltberühmten Strandes von Copacabana, lieferten sich vor drei Jahren noch verfeindete Drogenbanden Feuergefechte, kassierten Schutzgelder und stellten ihre schweren Waffen zur Schau. "Wir waren Geiseln und Teil eines enormen illegalen Netzwerks", sagt er. Und dann geschah das Wunder.
Vor vier Jahren nahmen Polizei und Militär die Favela ein. Ihre Übermacht war derart groß, dass die Kriminellen nach anfänglichem Widerstand rasch die Flucht ergriffen. "Die Sicherheitskräfte gingen nicht wie sonst immer, sondern sie blieben", erzählt Vagner. Jetzt herrscht Frieden in Chapéu Mangueira. Fast 100 Polizisten befinden sich seither rund um die Uhr auf Streife in dem Armenviertel.
Andere staatliche Institutionen folgten und eroberten nach und nach das Niemandsland zurück: Die Müllabfuhr kam, eine Kinderkrippe wurde eingerichtet, es gibt Sportkurse für Jugendliche, Nähkurse für Frauen, einen Gesundheitsposten. "Befriedete Favelas" heißt das Konzept, das sich Sicherheitsminister José Mariano Beltrame ausgedacht hat, um das Image der Stadt vor der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 aufzupolieren.
Dort, wo früher die Drogengangs herrschten, blüht nun ein anderes Unternehmertun. Vagner hat eine Jugendherberge aufgemacht, das Favela Inn, und auch viele Nachbarn wurden Kleinunternehmer: Überall wird gemauert, gesägt, gehämmert. Die Immobilienpreise in den "befriedeten Favelas" haben sich verzehnfacht.
Die Stadt lässt sich das einiges kosten. Allein die Gehälter belaufen sich pro besetzte Favela jährlich auf mindestens 60.000 Euro. Doch jetzt, vor den sportlichen Großereignissen, ist plötzlich Geld da; auch die Zentralregierung schießt kräftig zu.
90 Prozent der Einwohner sind zufrieden, ergab eine Umfrage. Fundamentalkritik gibt es selbst von linker Seite kaum. Bedenken schon. Von den rund 900 Favelas in Rio sind gerade einmal 30 befriedet, in den übrigen herrscht weiterhin die Mafia. Die meisten der befriedeten Favelas liegen in der reichen Südzone - ein gefundenes Fressen für Immobilien spekulanten.
Mit Drogen wird weiterhin gedealt - nur diskreter. Früher verboten die Mafiabosse den Verkauf der besonders verheerenden Droge Crack. Heute ist der Crack-Konsum unter Jugendlichen stark angestiegen.
Und - darin liegt für Kritiker das größte Manko - das Konzept ist bisher beschränkt auf Rio. Viele der vertriebenen Kriminellen sind ausgewichen auf das Umland; in Niterói, Petrópolis und Vitória steigt die Kriminalität. In anderen WM-Städten wie São Paulo, wo seit Jahresbeginn 88 Polizisten ermordet wurden, herrscht ein bitterer Krieg zwischen den Sicherheitskräften und der Mafia. Von Befriedung können die Bewohner der Armenviertel dort nur träumen.
Auch Vagner macht sich Sorgen, dass alles vielleicht nur ein schöner, aber zeitlich befristeter Traum ist und der Staat sich nach 2016 wieder aus seiner Verantwortung stiehlt. "Das wäre eine Tragödie", sagt er. "Aber wir werden das nicht zulassen." (Sandra Weiss aus Rio de Janeiro/DER STANDARD, 4.12.2012)
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