Doch im Piemont unter die Haube kommen

5. Februar 2013, 17:04
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Die seltene Klarheit der Rübe: Harald Fidler nähert sich dem Piazza Duomo von unten

Sterne, Hauben oder ähnliche Instrumente der professionellen gastrokritischen Auszeichnung versuche ich in Italien ja großräumig zu meiden. Und wenn ich's doch wieder einmal probiere wie etwa im Zweisterner in Verona - bin ich meist ziemlich bestärkt in dieser Strategie. Ausnahme, eh schon wissen: Schnecken gemäß Osterie d'Italia, und selbst auf die ist nicht immer Verlass, wie Schmecks-Kennerinnen wissen. Deshalb weigere ich mich praktisch seit einem Jahrzehnt, das Piazza Duomo in Alba zu besuchen, wenn wir alle Jahre im Piemont einfallen. Ein Fehler, vermute ich inzwischen.

Nach einer Woche wunderbarer Carne-Cruda-Diät bei den üblichen Verdächtigen und ein paar neuen (mehr dazu demnächst bei Schmeck's) waren nur noch Hilberg und ich übrig. Nein, die anderen haben sich weder zu Tode gegessen noch gesoffen, sie mussten diesmal einfach früher weg.

Ein Mann sieht weiß

Was tun, Hilberg, am letzten gemeinsamen Abend in der Langhe? Piola, sage ich, klingt schön, ist nicht das Piazza Duomo, aber direkt darunter die easy Variante, auch betrieben von Familie Ceretto. Ein Light-Einstieg, quasi. Und was für einer! Ein wunderbarer neuer Farbtupfer für das Piemont. Variatio delectat, wie wir Lateiner sagen, wenn wir ein bisserl angeben wollen und Abwechslung meinen.

Hilberg geht erst einmal auf Nummer sicher und wählt die Vorspeisenvariation, wohl auch, um die Carne-Cruda-Connection nicht allzu abrupt abreißen zu lassen. Hilberg wirkt zufrieden, mein Herbstsalat auf den ersten Blick nicht sonderlich originell. Bei näherer Beschäftigung freilich zeigt sich: mit Kalbskopf und Robiola und Kohl kommt man hier dann doch noch zu einem wirklich erfreulichen Erlebnis.

Klare Rübe

Ganz in Weiß, optisch also etwas eintönig, kommt denn auch der Risotto daher - aber die Intensität und Klarheit der weißen Rübe stand in schönem Kontrast zur meinen - die sich nach einer Woche Winzer und Wirte doch etwas diffus anfühlte. Salsiccia dazu, zum Reis natürlich, wirklich überraschend wunderbar. Ein Höhepunkt. Selbst oder gerade für mich alten Risotto-Skeptiker.

Bittere Disteln

Auch spannend zwischen Bitternis, Nussigkeit und Käse: Karden mit Fonduta und Nuss-Sformatino. Fidler, vegetarisch im Piemont, und damit auch noch zufrieden! Nicht ganz, im Vergleich: Da hat dann doch eher der alte Traditionalist Hilberg das große Los gezogen mit seinem Brasato al Barolo auf Polenta.

Am Nebentisch stärkt sich eine anmutige Dame in Schwarz parallel mit Herbstsalat und weißem Risotto. Ein Kaffee noch an der Bar, dann durch die Schiebetür nach oben ins Piazza Duomo. Ich sollte mir den Sterneschuppen da oben wirklich einmal näher ansehen. Bis dahin kann ich das Piola nur empfehlen. (Harald Fidler, derStandard.at, 5.2.2013)

  • Vorspeisenteller, zwingend mit Carne Cruda, insgesamt eine sehr präzise Freude im La Piola der Familie Ceretto, direkt unter Piazza Domo.
Essen und (im Normalbereich) Trinken im Piola: rund 110,- Euro.
    foto: harald fidler

    Vorspeisenteller, zwingend mit Carne Cruda, insgesamt eine sehr präzise Freude im La Piola der Familie Ceretto, direkt unter Piazza Domo.

    Essen und (im Normalbereich) Trinken im Piola: rund 110,- Euro.

  • Herbstsalat sieht jetzt nicht nach soviel aus, schmeckte aber dank Kalbskopf und Robiola nach umso mehr.
    foto: harald fidler

    Herbstsalat sieht jetzt nicht nach soviel aus, schmeckte aber dank Kalbskopf und Robiola nach umso mehr.

  • Wunderbar! Risotto mit weißen Rüben und Wurst. Mir echt nicht wurst.
    foto: harald fidler

    Wunderbar! Risotto mit weißen Rüben und Wurst. Mir echt nicht wurst.

  • Karden mit Fondutacreme und Nuss-Sformatino - bittere Freude.
    foto: harald fidler

    Karden mit Fondutacreme und Nuss-Sformatino - bittere Freude.

  • Und gegenüber freut sich der Hilberg über sein Brasato.
    foto: harald fidler

    Und gegenüber freut sich der Hilberg über sein Brasato.

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