Die lässige Ohnmacht macht das Scheitern leicht

  • Buster Keaton in "The Scarecrow", zu Deutsch etwas abweichend: "Trauung 
mit Hindernissen" (1920).
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    Buster Keaton in "The Scarecrow", zu Deutsch etwas abweichend: "Trauung mit Hindernissen" (1920).

Das Österreichische Filmmuseum widmet sich dem amerikanischen Stummfilmschauspieler Buster Keaton

Im komisch verzweifelten Kampf mit den Innovationen des neuen Industriezeitalters verband er Anstrengung mit scheinbarer Leichtigkeit.

Wien - Europa hat schon immer gerne nach Amerika geblickt, wenn es um Vorbilder auf der Leinwand ging. So ist auch die amerikanische Filmkomödie eine von Europäern besonders verehrte. Das trifft vor allem auf den aus dem Vaudeville, dem amerikanischen Pendant des europäischen Varieté, entstandenen Stummfilm zu. Denn im Gegensatz zu ihren französischen Kollegen wie Max Linder, mit Zylinder und Smoking einer der ersten Starkomiker der Kinogeschichte, erzählte man in der Neuen Welt von etwas Anderem: dem Scheitern.

Dieses Scheitern drückte sich im komisch verzweifelten Kampf des Einzelnen auf der Leinwand aus, in einem Stellvertreterkrieg, auf den die europäischen Zuschauer nach dem Trauma des Ersten Weltkriegs besonders empathisch reagierten. Vor allem die künstlerische Avantgarde des Surrealismus feierte etwa die Filmburlesken von Mack Sennett, dem Gründer der heute legendären Keystone Studios, in denen er Slapstickfilme am laufenden Band herstellte. Aus Sennetts Talenteschmiede stammte etwa Harry Langdon, über den Salvador Dalí meinte, dieser sei "wie ein Geschöpf, das sich noch unbewusster bewegt als selbst die Tiere".

Wogegen sich dieser Kampf Langdons und seiner Kollegen richtete, war die Ordnung einer neuen Zeit, deren Schnelligkeit und Unübersichtlichkeit man sich erbarmungslos ausgesetzt sah. Das betraf nicht nur die technischen Innovationen, sondern auch die Monstermaschinen des neuen Industriezeitalters, dessen verheerende Auswirkungen sich in Europa niederschlugen. Das U-Boot, das am Ende von Buster Keatons The Navigator (1924) aus der Tiefe aufsteigt, ist beides zugleich: rettender Deus ex Machina und Bote einer symbolträchtig unsichtbaren Zukunft.

The Navigator ist nicht nur eine großartige Studie über den Kampf zwischen dem buchstäblich alleingelassenen Menschen und der Maschine in Form eines steuerlos dahintreibenden Ozeanriesens, sondern auch eine der schönsten Arbeiten Keatons, dem das Filmmuseum eine umfassende Werkschau widmet (begleitet von der neuen Publikation Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie von Klaus Nüchtern).

Bei Keaton, der seine Karriere ebenfalls in Sennetts Fun-Fabrik an der Seite des gewichtigen "Fatty" Arbuckle begann, erreicht das Scheitern eine besondere Dimension: Von seinen Eltern bereits als Bub auf der Bühne zum Gaudium des Publikums als unzerstörbares Requisit missbraucht, absolvierte er in der Folge seine halsbrecherischen Stunts selbst, während er in den Großaufnahmen keine Miene verzog - das Stoneface wurde sein Markenzeichen.

Was Keaton in seiner Ära wie keinem anderen gelang, war die Verbindung von physischer Anstrengung und scheinbarer Leichtigkeit als Zeichen einer lässigen Ohnmacht. Nicht zufällig gehört jene Szene aus Steamboat Bill, Jr. (1928), in der er unverletzt in dem kleinen Viereck eines Fensterrahmens stehenbleibt, nachdem eine zweistöckige Häuserfassade auf ihn niedergekracht ist, zu den populärsten der Kinogeschichte.

Die Arbeiten seiner Zeitgenossen, die ihm die Retrospektive in einer Auswahl zur Seite stellt, sind deshalb mehr als ein Best-of. Sie sind als das zu sehen, was Harold Lloyd, Harry Langdon, Laurel & Hardy - und auch den sentimental "europäischen" Charlie Chaplin - trotz aller Unterschiede verbindet: ein Anrennen gegen die sich verfestigenden ideologischen Restriktionen Hollywoods.

Dass Jahrzehnte später der aus dem Vaudeville-Fernsehen stammende Jerry Lewis denselben Kampf mit anderen Mitteln fortsetzen wird, beweist nur die Dringlichkeit dieser Weitergabe des komischen Feuers. (Michael Pekler, DER STANDARD, 4.12.2012) 

Bis 9.1.

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