Gefoltert in Mugabes Reich

Interview5. Dezember 2012, 05:30
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Gewerkschafter Eddson Chakuma sah sich Videos über die Arabische Revolution an und wurde dafür hart bestraft - Im Interview spricht er über schmerzhafte Holzbretter und düstere Gefängnisse

Hochverrat wurde Eddson Chakuma vorgeworfen, weil er sich im Februar 2011 Videos über die Arabische Revolution ansah. Die Behörden des simbabwischen Langzeitpräsidenten Robert Mugabe vermuteten einen geplanten Aufstand und griffen rigoros durch. Die Folgen für den 39-jährigen Gewerkschafter waren Folter, ein zehnmonatiger Gefängnisaufenthalt und der Verlust des Arbeitsplatzes. Doch auch nach seiner Freilassung ist die Gefahr für Chakuma gegenwärtig, vor allem, weil nächstes Jahr Parlaments- und Präsidentenwahlen in Simbabwe stattfinden sollen. Deshalb ergriff er mit seiner Ehefrau die Flucht und befindet sich momentan in Deutschland. Dort erreichte ihn derStandard.at am Telefon.

derStandard.at: Herr Chakuma, Sie wurden festgenommen und gefoltert. Wie hat ihre Frau reagiert, als sie davon erfuhr?

Eddson Chakuma: Meine Frau wollte sofort zum Polizeirevier fahren, in dem ich festgehalten wurde. Aber sie konnte zum Glück davon abgebracht werden, womöglich wäre sie auch festgenommen worden.

derStandard.at: Wie sind Sie in Haft gekommen?

Chakuma: Wir wurden von der Polizei festgenommen und aufs Revier gebracht. Dort wollte man von uns das Geständnis erzwingen, dass wir gemeinsam mit der Führung der ehemaligen Oppositionspartei MDC (Movement for Democratic Change, Anm.) einen Aufstand gegen Präsident Robert Mugabe geplant hätten, nach ägyptischem Vorbild. Wir blieben aber bei der Wahrheit.

derStandard.at: Und die lautet?

Chakuma: Am 19. Februar 2011 veranstalteten wir eine Diskussionsveranstaltung mit dem Titel "Die Aufstände in Ägypten und Tunesien: Welche Lehren können Simbabwe und Afrika daraus ziehen". Wir, das heißt, Aktivisten mit unterschiedlichem Background, die sich für Menschenrechte und Demokratie einsetzen, Gewerkschafter, Journalisten, die einfach über dieses Thema diskutieren wollten und sich Videos über die Arabische Revolution angesehen haben. Dann kam die Polizei und nahm 45 Personen fest.

derStandard.at: Wieso genau diese 45 Personen?

Chakuma: Das weiß ich nicht. Aber viele von uns sind Mitglied der MDC, das hängt sicher damit zusammen.

derStandard.at: Seit wann sind Sie Mitglied der MDC?

Chakuma: Seit der Gründung 1999. Sie ist ja aus der Gewerkschaftsbewegung des Landes entstanden. Also sind Gewerkschafter automatisch auch MDC-Mitglieder.

derStandard.at: Wie lange waren Sie dann im Gefängnis?

Chakuma: 39 von uns wurden nach ein paar Wochen freigelassen, ich wurde danach aber mit fünf anderen ins Gefängnis gebracht. Dort waren wir etwa zehn Monate lang.

derStandard.at: Wieso genau diese sechs Personen?

Chakuma: Das kann ich nicht genau sagen. Unsere Anwälte haben natürlich gegen die Festnahmen angekämpft, gegen die 39 wurden die Anklagepunkte fallengelassen, gegen uns nicht. Vielleicht waren 45 Personen einfach zu viel für die Öffentlichkeit.

derStandard.at: Was waren die Anklagepunkte genau?

Chakuma: Uns wurde Hochverrat vorgeworfen, das wurde dann aber in "Verschwörung zu öffentlicher Gewalt" umgeändert.

derStandard.at: Wie wollte man ein Geständnis von Ihnen erzwingen?

Chakuma: Auf dem Polizeirevier gab es Besenstiele und Holzbretter, damit haben sie uns geschlagen. Auf den Rücken, auf die Handflächen und die Fußsohlen. Das geschah in den ersten Tagen mehrere Male, nachdem wir nicht das Geständnis geschrieben haben, das sie von uns haben wollten.

derStandard.at: Danach nicht mehr?

Chakuma: Als wir ins Gefängnis kamen, nicht mehr. Das war dann eher psychische Folter. Wir wurden in Isolationshaft gesteckt, jeder in eine Einzelzelle ohne Licht. Wir bekamen kaum zu essen, zum Glück schickten uns unsere Ehefrauen etwas. Wir durften täglich nur eine Stunde aus unseren Zellen raus, um das Essen zu konsumieren. Aber unsere Ehefrauen durften wir nicht sehen.

derStandard.at: Sie wurden schließlich zu zwei Jahren Haft verurteilt. Wie sind Sie freigekommen?

Chakuma: Das Gericht hat die Haftstrafe umgewandelt in fünf Jahre auf Bewährung, eine Geldstrafe von 500 US-Dollar und 420 Stunden Sozialarbeit.

derStandard.at: Wieso?

Chakuma: Auch das kann ich nicht genau sagen. Vielleicht hat das Gericht damals eingesehen, dass wir keine Straftat begangen haben, und vielleicht wollte es Wiedergutmachung betreiben.

derStandard.at: Ein Geständnis haben Sie bis heute nicht geschrieben, oder?

Chakuma: Nein, wir sechs sind immer bei der Wahrheit geblieben.

derStandard.at: Durch Ihren Gefängnisaufenthalt haben Sie auch Ihren Job bei der "United Food & Allied Workers Union of Zimbabwe" verloren.

Chakuma: Ja, die Behörden haben kurz nach der Festnahme meinen Arbeitgeber aufgesucht und auch dort Personen verhört. Sie wollten vermutlich irgendetwas Kompromittierendes hören. Mein Arbeitgeber wollte von mir wisen, warum ich nicht zur Arbeit gekommen bin. Ich habe ihm einen ausführlichen Bericht über meine Lage geschickt. Und obwohl klar war, dass ich nichts falsch gemacht habe, wurde mir die Schuld gegeben und man hat mich entlassen.

derStandard.at: Welche Position hatten sie da?

Chakuma: Ich war seit 2002 einer der Gewerkschaftssekretäre. Einerseits war ich zuständig für das Rekrutieren neuer Mitglieder, andererseits habe ich mich um organisatorische Abläufe gekümmert.

derStandard.at: Wie konnten Sie nach Ihrer Freilassung Ihr Leben finanzieren?

Chakuma: Es war eine sehr harte Zeit, Rechnungen mussten schließlich bezahlt werden. Dann mussten wir sechs auch noch drei Mal pro Woche bei der Polizei erscheinen, das hat die Jobsuche natürlich erschwert.

derStandard.at: Wie sind Sie dann nach Deutschland gekommen?

Chakuma: Ich bin Teilnehmer des "Youth Leadership Trainings“ der Friedrich-Ebert-Stiftung in Harare. Dort wurde Kontakt mit mir aufgenommen. Die Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte hat mir und meiner Frau schließlich Flugtickets geschickt, und jetzt sind wir in Deutschland.

derStandard.at: Wie geht es Ihren anderen Verwandten in Simbabwe?

Chakuma: Ihnen geht es gut, allerdings werden sie immer wieder von den Behörden aufgesucht, um weitere Informationen über mich zu erhalten. Ein gewisser Grad an Bedrohung ist also vorhanden.

derStandard.at: Im nächsten Jahr finden Parlaments- und Präsidentenwahlen in Simbabwe statt. War das auch ein Grund, vorübergehend das Land zu verlassen?

Chakuma: Ja, auf jeden Fall. Je näher Wahlen rücken, desto repressiver geht Präsident Mugabe vor. Wenn man seine Gedanken öffentlich ausspricht, dann wird es gefährlich.

derStandard.at: Wann werden Sie zurückkehren?

Chakuma: Ich möchte nach der Wahl zurückkehren. Das hängt aber vom Ergebnis ab. Es kann einen wirklichen Machtwechsel geben, oder eben auch nicht. Wenn nicht, dann wird die Situation noch gefährlicher für mich. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 05.12.2012)

Hintergrund

Robert Mugabe war von 1980 bis 1987 Ministerpräsident von Simbabwe, seitdem bekleidet er das Amt des Staatspräsidenten. Der heute 88-jährige Parteichef der Zanu-PF trieb das einstmals reiche Land wirtschaftlich in den Ruin. Ihm werden zudem Menschenrechtsverletzungen und Wahlfälschung vorgeworfen. Im Jahr 2008 gewann die Oppositionspartei MDC die Parlamentswahlen, ihr Kandidat Morgan Tsvangirai beanspruchte auch den Sieg bei den Präsidentenwahlen für sich. Dem umstrittenen offiziellen Wahlergebnis zufolge konnte er aber nicht die absolute Mehrheit im ersten Wahldurchgang erreichen. Tsvangirai zog seine Kandidatur für die Stichwahl gegen Mugabe zurück, da zunehmend Gewalt gegen seine Anhänger eingesetzt wurde. Nach Vermittlung des südafrikanischen Staatspräsidenten Thabo Mbeki kam es zu einer Machtteilung, Mugabe blieb Präsident und Tsvangirai wurde Ministerpräsident. Die Spannungen im Land sind aber geblieben.

  • Eddson Chakuma sah sich Videos über die Arabische Revolution an. Dafür wurde er gefoltert.
    foto: eddson chakuma

    Eddson Chakuma sah sich Videos über die Arabische Revolution an. Dafür wurde er gefoltert.

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    Simbabwes Präsident Robert Mugabe will nach 32 Jahren an der Macht auch 2013 wieder als Spitzenkandidat antreten.

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    Ministerpräsident und MDC-Chef Morgan Tsvangirai strebt nächstes Jahr einen Machtwechsel an.

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