Besserstellung für LatrinenarbeiterInnen

3. Dezember 2012, 12:56
1 Posting

Die indische Regierung plant ein neues Gesetz, um der Ausbeutung von LatrinenreinigerInnen entgegenzuwirken

Neu-Delhi - In Indien reinigen täglich hunderttausende Menschen - als "Unberührbare" Angehörige der untersten Kaste und zumeist weiblich - per Hand die Toiletten anderer. Obwohl diese Tätigkeit seit 1993 verboten ist, blieb das Gesetz bislang weitgehend wirkungslos. Nun nimmt die indische Regierung einen neuerlichen Anlauf, um eine Besserstellung der ArbeiterInnen zu erwirken.

Diskriminierendes Kastenwesen

Wie etwa 20 andere Frauen in Nekpur arbeitet die Latrinenreinigerin Kela mit bloßen Händen und einer Plastikschaufel. Das Dorf ist nur 60 Kilometer von Neu Delhi entfernt, von der wirtschaftlichen Entwicklung der Hauptstadt ist hier jedoch nichts zu bemerken. Mit ihren Kolleginnen lebt die Großmutter in einer Handvoll Lehmhütten weitab vom Rest des Dorfes. Zwar ist die Diskriminierung nicht mehr so stark wie einst, doch ist es den "Unberührbaren" noch immer verboten, Vieh zu halten oder sich einflussreichen Leuten zu nähern.

"Ich habe mein Leben damit verbracht", sagt Kela, die weder lesen noch schreiben kann, über ihre Tätigkeit. Eines der Häuser, in dem sie die Toilettengrube leert, gehört der Witwe Parveen. Neun Familienmitglieder aus drei Generationen leben in dem kleinen Backsteinhäuschen. Von der Straße aus schaufelt Kela die Exkremente aus einer mit Asche und Dreck gefüllten Grube in ihren Weidenkorb. Auf Kela angesprochen sagt Parveen: "Wir fühlen uns nicht wohl dabei, wir haben Mitleid mit diesen Frauen und versuchen ihnen manchmal zu helfen." Ein Stück Brot gebe sie Kela pro Tag für ihre Dienste und fünf Kilogramm Getreide im Monat. Geld bekommen die Frauen nicht.

Neuer Gesetzesentwurf

Die Zahl der LatrinenarbeiterInnen wird in ganz Indien auf rund 200.000 geschätzt. Während das Gesetz von 1993 die "Unberührbaren" kriminalisierte, schreibt der neue Entwurf Toiletten mit Wasserspülung vor. Die Beschäftigung eines/einer Latrinenreinigers/-reinigerin soll mit Strafen von umgerechnet 710 Euro bis zu einem Jahr Gefängnis geahndet werden. Örtliche Behörden sollen die Umsetzung überwachen.

Für Gemeinden, die KanalarbeiterInnen ohne entsprechende Schutzkleidung und -ausrüstung anstellen, sieht der Entwurf harte Sanktionen vor. In manchen Städten steigen nämlich noch immer Männer in Unterhosen mit Hacken und Holzstangen in die stinkenden Kanäle und Klärgruben. Auch die indische Staatsbahn, die ein Bundesminister neulich als "größte offene Toilette der Welt" bezeichnete, greift oft auf manuelle EntleererInnen zurück.

Fehlende Umsetzung

Bindeshwar Pathak von der Hilfsorganisation Sulabh International sieht das geplante Gesetz skeptisch: "In Indien gibt es viele Gesetze, die bisher nicht geholfen haben, wie das gegen Kinderarbeit", sagt er. "Das Gesetz ist eine Sache, die Umsetzung eine andere." Um ihnen ein Leben abseits von Demütigung und Krankheit zu ermöglichen, hat Sulabh die Frauen von Nekpur kürzlich umgeschult und in der Herstellung von Seifen und Kerzen trainiert. Nach Angaben von MenschenrechtlerInen wurden öffentliche Gelder zur Umschulung von Latrinenarbeitern jedoch wegen bürokratischer Trägheit oder Korruption nicht ausgezahlt. 

Das Kastenwesen und die Unterdrückung der "Unberührbaren" haben im ländlichen Indien drei Jahrzehnte rasanter wirtschaftlicher Entwicklung überdauert. Hinzu kommt der desolate Zustand der Kanalisation: Nach einer staatlichen Studie vom vergangenen Jahr haben nur 160 von fast 8.000 Städten ein Abwassersystem mit Kläranlage. (APA/red, dieStandard.at, 3.12.2012)

Share if you care.