Hausarzt-Medizin: Zukunft total vergeigt

Leserkommentar |

Eine Einladung zum Reality-Check und einige Beobachtungen aus ebendieser Hausarzt-Praxis

Die "medizinische Nahversorgung" und das Berufsbild Hausarzt hätten eine Zukunft gehabt, leider wird aber von der Politik nur viel darüber geredet, passiert ist nichts. Vielmehr noch, es wird offensichtlich lautstark und gebetsmühlenartig gegen die versprochene Aufwertung der wohnortnahen Versorgung durch Hausärzte gearbeitet, offensichtlich mit vollem Bewusstsein.

Zu diesem Schluss komme ich nach meiner langjährigen Tätigkeit als praktischer Arzt, dessen Alltagssituation seit Jahren auf Verbesserungen wartet. Veränderungen für Arzt und Patient werden aber seit Jahren von unterschiedlichen Seiten blockiert.

Unnötige Hürden im Hausarztalltag

An vielen kleinen Details aus dem Hausarztalltag lässt sich die Diagnose "problematische Hausarztversorgung" ablesen: Nicht angemessene Arzt-Honorare (z.B. Visite 29,60 Euro), Blockierung gängiger Leistungen (ein Arzt darf auf Kassenkosten weder Kalium noch Normalfette bestimmen, EKG nur im Notfall, CRP auch nicht);  Hartnäckigst werden auch die Ausbildungen in Lehrpraxen im hausärztlichen Setting blockiert. Ebenso unbürokratische Kooperationsformen zur zeitlichen Angebotserweiterungen (Gruppenpraxen, Time-Sharing, Fixvertretung). Ganz zu schweigen von der Aufbürdung sinnloser bürokratischer Hürden (z.B. fünf Anrufe für ein wichtiges Medikament, das der Spitalsarzt einfach aus dem Schrank nehmen kann). Manch etablierte Methode harrt seit über zehn Jahren der Bezahlung durch die Krankenkasse beim Hausarzt. Heute musste ich beispielsweise den Chefarzt um eine Bewilligung für ein Blutdruckmedikament bitten: es ist seit Jahren als letzter Ausweg aus Dauerhochdruck anerkannt, aber findet sich bis heute immer noch in der schwarzen "No-Go-Box".

Pauschale Ablehnung aus ideologischen Gründen

Und jetzt gehen die Verhandler über unseren Köpfen mit medialem Getöse aufeinander los. Dass ist auch nicht ganz neu, wie ich seit 25 Jahren als Hausarzt beobachten darf: Allzuoft haben in den letzten Jahren moderate Vertreter der Ärztekammer gebeten, die oben genannten kleinen Details zu ändern, als sichtbare Willenskundgebung, dass es den Entscheidungsträgern mit ihren Lippenbekenntnissen ernst ist. Immer wieder wurden diese Vorschläge aus steinzeitlich anmutenden ideologischen Gründen pauschal abgelehnt und ignoriert. Ist es da verwunderlich, dass die Ärztekammer beim derzeitigen Streit  zu marktschreierischen medialen Methoden greift, um in der schnelllebigen Medienlandschaft wenigstens kurzzeitig Gehör zu bekommen?

Andererseits ist nicht zu leugnen, dass auch die Ärztevertreter in uneinsichtiger Selbstgefälligkeit Verbesserungen im eigenen Bereich versäumt habe, die allein in der Autonomie der Kammer gelegen wären und ein rigoroseres Durchgreifen in den eigenen Reihen erfordert hätte. Aus dem Ausland sind genügend erprobte Modelle bekannt, wie man junge Allgemeinmediziner besser ausbildet oder die Qualität der älteren hochhält und verbessert. Vieles davon fand man einfach nicht nötig. Da ist es ganz klar, dass die politischen Strategen der Gesundheitspolitik in diesen Wunden wühlen und daraus eine Berechtigung für ihre einseitige Vorgangssweise des Verhandelns an den Ärzten vorbei ableiten.

Einladung an die Entscheider zum Reality-Check

Doch in all den Planspielen hat man jene vergessen, die tagtäglich die Versorgungsleistung erbringen, dem Patienten verantwortlich sind, dies oft Tag und Nacht und primär ohne sofortigen Gedanken an die mögliche Honorierung.

Es gibt einige unter ihnen, die ohne Hilfe von oben hart an der Weiterentwicklung des Faches Allgemeinmedizin arbeiten, Kontakte ins Ausland pflegen, der Universität mit Rat und Tat zur Seite stehen und neben einer 50-Stundenwoche noch akademische Pionierarbeit leisten.

Ein Wunder eigentlich, dass es noch Hausärzte gibt, die sich das antun. Und wir sollen dann noch Schuld an der Misere haben? Warum spricht man nicht mit der Basis, warum traut man sich nicht in die Niederung der Realität. Ich lade gerne Hans Jörg Schelling, den Vorsitzende des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, zu einer Visite zwischen 19 und 20 Uhr ein, bei der nur die minimale Vergütung des Tages gilt und dennoch ein Spitalsaufenthalt verhindert werden kann. Oder vielleicht möchte Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl zu einem Beratungsgespräch zur Gesundheitsaktion seiner SVA kommen? Hier steht im Vertrag ausdrücklich drinnen, dass es kein Honorar gibt. Gerne laden wir Gesundheitsminister Stöger zu einer geriatrischen Bestandsaufnahme (Assessment) bei einem betagten Ehepaar ein: hier ist trotz 45 Minuten Zeitaufwand keine Honorierung vorgesehen ist.

Wahrscheinlich würden alle Eingeladenen schnell begreifen... Aber bald werden sie das nicht mehr erleben können, denn wir gehen bald in Pension, viele KollegInnen haben bereits demotiviert das Handtuch geworfen und junge Kollegen kommen nicht mehr nach. 30 Jahre wurden im österreichischen Primärversorgungsbereich versäumt.

Allgemeinmedizin hat Konzepte

Wir Allgemeinmediziner könnten schon das geforderte leisten, wenn man nicht ständig aus althergebrachtem ideologischen Brotneid Beschränkungen und belastende Regeln (und die Finanzierung gehört eben auch dazu) erfinden würde. Das Potential einer starken Hausarzt-Medizin kann man Nachlesen im Zukunftspapier der Deutschen Fachgesellschaft, soeben erschienen auf www.degam.de.

Die soeben geschilderte Situation ist ja nicht unbekannt, musste aber wieder einmal aus der Sicht einer handelnden Person geschildert werden. (Leserkommentar, Michael Wendler, 3.12.2012, derStandard.at)

Michael Wendler ist seit 26 Jahren als niedergelassener Hausarzt in Graz tätig und leitet eine Lehrpraxis für Allgemeinmedizin.

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