Caldas de Reis: Nach Galicien in die Therme

Brigitte Kramer
4. Dezember 2012, 16:48
  • Jakobsweg-Pilger sehnen sich nach den Brunnen an ihrem Ziel Santiago de Compostela. Nach und nach entdecken aber auch Kurgäste die Kraft des galicischen Quellwassers. 
Anreise: Der größte Flughafen Galiciens ist jener in Santiago de Compostela. Er wird von Wien aus zum Beispiel von Iberia oder Airberlin mit Zwischenstopp bedient. Unterkunft: 18 der 21 Thermen haben eigene Hotels, fast alle mit Vier-Sterne-Niveau. Die meisten Thermen liegen im ländlichen Hinterland, vier befinden sich in einem Stadt- oder Ortskern, zwei sind an der Küste. Einen Überblick verschafft der (englischsprachige) Thermalführer "Galician Springs". Gäste, die in der Region länger als eine Woche ernsthaft kuren wollen, sollten sich zuerst einer ärztlichen Untersuchung unterziehen.
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    foto: samuel aranda/corbis

    Jakobsweg-Pilger sehnen sich nach den Brunnen an ihrem Ziel Santiago de Compostela. Nach und nach entdecken aber auch Kurgäste die Kraft des galicischen Quellwassers.

    Anreise: Der größte Flughafen Galiciens ist jener in Santiago de Compostela. Er wird von Wien aus zum Beispiel von Iberia oder Airberlin mit Zwischenstopp bedient. Unterkunft: 18 der 21 Thermen haben eigene Hotels, fast alle mit Vier-Sterne-Niveau. Die meisten Thermen liegen im ländlichen Hinterland, vier befinden sich in einem Stadt- oder Ortskern, zwei sind an der Küste. Einen Überblick verschafft der (englischsprachige) Thermalführer "Galician Springs". Gäste, die in der Region länger als eine Woche ernsthaft kuren wollen, sollten sich zuerst einer ärztlichen Untersuchung unterziehen.

Als Thermenregion ist das spanische Galicien bei uns kaum bekannt. Die Gründungslegende klingt vielversprechend

Es war das Pferd eines römischen Soldaten, das Galiciens Heilquellen zu lokaler Berühmtheit verhalf. Der Legende nach hat sich das Tier beim Bad in irgendeiner warmen Wasserlacke einige Kilometer südlich von Santiago de Compostela vollkommen von den Verletzungen einer Schlacht erholt. Seitdem tun es ihm die Menschen gleich: Gegen die unterschiedlichsten Wehwehchen nutzen sie eine der 300 Heilquellen, die hier im Nordwesten Spaniens mit 15 bis 72 Grad Celsius durch den Granitboden sprudeln. 21 dieser Quellen werden - heute noch oder wieder - kommerziell als Thermen genutzt, in denen die traditionellen Kuranwendungen neben modernen Wellness-Behandlungen bestehen können.

Die Geschichte vom Pferd erzählt uns Chus Piñeiro in weißem Kittel und weißen Sandalen. Sie ist die Leiterin der denkmalgeschützten Badeanstalt Balneario Davila. Wir sind in der Kurstadt Caldas de Reis und stehen im Halbsouterrain, direkt über besagter Quelle. Bald spüren wir wohlige Wärme in den Füßen und nehmen einen leichten Geruch nach faulen Eiern wahr. Mit 42 Grad Celsius dringt das schwefelhaltige Heilwasser unter dem Marmorboden aus dem Erdreich und speist das gesamte Wassersystem der Therme. Seit 1780 strömen Menschen hierher, um Sitzbäder zu nehmen, um Nase und Rachen zu duschen, zum Inhalieren oder einfach nur zum Entspannen.

Das Wasser von Caldas de Reis enthält auch Lithium, Silizium und Natron. Wird es mindestens eine Woche lang täglich angewendet, lindert es offensichtlich Schuppenflechte und Neurodermitis, Gelenksbeschwerden und Erkrankungen der Atemwege. Außerdem soll es bei psychologisch-neurologischen Leiden und gegen die Zivilisationskrankheit Stress wirken. Das bestätigen Generationen von Galiciern, aber zunehmend auch Reisende von auswärts, die die wasserreiche Region längst nicht mehr nur auf dem Jakobsweg entdecken wollen.

Jacuzzifreie Belle Époque

Das kleine, gepflegte Badehaus in Caldas de Reis verbreitet tatsächlich Ruhe: Verschnörkelte Armaturen, weiß-blaue Kacheln, Marmorwannen und kleine Möbel aus exotischen Hölzern zeugen von der Zeit der Belle Époque. Der ehemalige Besitzer hat das Kurbad im Jahr 1908 im Kolonialstil erneuert, seine Nachkommen haben es bis heute so erhalten. "Wir wollen uns nicht verändern", sagt Piñeiro.

Das Wort Spa sollte man bei der Fachfrau nicht einmal in den Mund nehmen. Denn von Wellnesslandschaften voller Leitungswasser halten die Betreiber der Heilbäder wenig, obgleich einige der Nachfrage stattgegeben und große Hallenbäder mit Jacuzzis eingerichtet haben. Doch die Wirkung des Wassers geht dabei fast verloren. "Große Becken müssen gechlort werden", sagt Piñeiro. Bei ihr und ihren vier Mitarbeiterinnen wird Wasser als Naturheilmittel eingesetzt: Es wird gegossen, gespritzt und verdampft, mal eiskalt, mal handwarm, mal heiß. Wickel, Druckduschen, Packungen und Massagen stehen auf dem Programm. Und ja, ein kleiner, neuer Whirlpool lockt dann doch am Ende jeder Behandlung -"gefüllt mit unbehandeltem Quellwasser" wie Piñeiro betont. Caldas de Reis ist eine der wichtigsten und ältesten Kurstädte Galiciens. Die beiden Bäder Balneario Davila und das Balneario Acuña wenden sich dabei an den preisbewussten Kneippianer. Die Hotels sind allerdings sehr einfach.

Gelungener ist die Kombination aus Hotel und Badehaus etwa im Nachbarort Cuntis. Dort gibt es nicht nur Nasenduschen oder Druckmassagen, sondern seit kurzem auch eine 2000 Quadratmeter große kinderfreundliche Poollandschaft, die mit infrarotbehandeltem Heilwasser betrieben wird. Die beiden dazugehörigen Hotels La Virgen und Castro haben Charme und ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.

Wer sich zurückziehen und die großartigen Auenlandschaften Galiciens kennenlernen will, der suche Zuflucht an den weitläufigen Ufern des Miño oder an dessen Zuflüssen. Sie schlängeln sich rund um die Städte Ourense und Lugo bis zur portugiesischen Grenze und sind gesäumt von Quellen. Einige sind nach wie vor kostenlos zugänglich und halten Becken unter freiem Himmel bereit. Viele Einheimische nutzen sie mittlerweile als eine Art After-Work-Entspannung. Besonders kontemplativ ist dieses Bad, wenn auf die dampfenden Bassins Regen fällt.

Zunehmend gefragt ist in der Region auch das Thermen-Hopping. Manche Reisende nutzen dabei die Kurbäder samt deren Hotels im grünen Hinterland als Basis, um etwa die Natur um Laias, Lobios oder Arnoia zu entdecken.

Gängige Wassertherapien

Auch wo das Wasser zum Trinken empfohlen wird, wie im Kurort Guitiriz, haben sich gewisse Traditionen etabliert. "Die Wassergänger" heißen dort Leute, die täglich mit einem Glas in der Hand zum Brunnen des heiligen Johannes laufen und heldenhaft das lauwarme, nach Eiern schmeckende Wasser trinken, um sich von Verdauungs-, speziell Gallenproblemen zu befreien.

Seit 110 Jahren plätschert der Brunnen hinter der großen Badeanstalt in einem überdachten Rastplatz mit Bank. Er entspringt einer von drei unterirdischen Quellen, die 125 Meter unter der Erde große Wasserdepots bilden. Aus ihnen speist sich der gesamte Kurbetrieb: Rund 500 Kubikmeter Heilwasser pro Monat verbraucht das große, 2003 komplett renovierte Haus mit seinen 103 sehr schönen Zimmern. Es steht abseits des Dorfes am Rand eines großen Mischwaldes, hat einen Golfplatz und ist von einem 20 Kilometer langen Wegenetz umgeben, das die Dörfler einfach nur die Wasserroute nennen.

Guitiriz liegt zudem auf halber Strecke zwischen Lugo, Santiago und La Coruña. Küstengegenden wie Finisterre oder die Costa da Morte im Norden sind greifbar nah. Nach einer Tour ans Ende der Welt oder an die Todesküste - wie die beiden Landschaften übersetzt heißen - scheinen sich jedenfalls auch Pumperlgesunde fürs Kuren zu begeistern: Während die Dämmerung hereinbricht, träumt man in der heilenden Badewanne noch einmal von den tosenden Wellen der galicischen Steilküste. (Brigitte Kramer, DER STANDARD, Album, 1.12.2012)

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1 Posting
Wenn das Wetter dort nicht so grauslich wäre ...

Die könnten mit ihrem Regen ganz Spanien perfekt bewässern.

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