Ein Darm sieht rot

  • Entzündete Darmpassagen sind für Gewichtsverlust, Müdigkeit und sozialen Rückzug verantwortlich.
    foto: jörg klemme, hamburg/pixelio.de

    Entzündete Darmpassagen sind für Gewichtsverlust, Müdigkeit und sozialen Rückzug verantwortlich.

Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn beeinträchtigen die Lebensqualität massiv - An neuen Medikamenten zur Regulierung des überschießenden Immunsystems wird gearbeitet

Immer wieder krampfartige Bauchschmerzen, totale Erschöpfung und schleimige Durchfälle, dazu Gewichtsverlust und immer wieder einmal Fieber: Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa haben extrem mit massiv eingeschränkter Lebensqualität zu kämpfen. Chronisch entzündliche Darmerkrankung (CED) ist der Fachbegriff für ein Leiden, das in vielen Fällen schubweise auftritt - aber auch dazwischen schreitet die Entzündung im Darm voran. In besonders schweren Fällen von Morbus Crohn leiden Betroffene dauerhaft an Beschwerden. Heilen lässt sich beides derzeit nicht, man kann das Leiden nur lindern und damit die Lebensqualität verbessern.

"Wir kennen die Ursache noch nicht genau und konnten so noch keine spezifischen Therapien dagegen finden", sagt Walter Reinisch, Fachmann für CED an der Med-Uni Wien. "Für mehr Forschung gibt es nicht genügend Geld." Viele Patienten müssen mit Vorurteilen oder Stigmatisierung klarkommen. Manche halten die Betroffenen für Hypochonder, weil sie ständig mit schmerzverzerrtem Gesicht in der Ecke hocken, andere halten sie für Junkies, weil sie öffentlich ihre Tabletten einnehmen. Die Krankheit kostet zudem viel Kraft und Zeit - die häufigen, oft nicht kontrollierbaren Toilettengängen lassen Menschen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurückziehen.

Ist die Diagnose gestellt, lässt sich kaum vorhersagen, wie die Krankheit weiter verlaufen wird. Die meisten Betroffenen müssen lebenslang Medikamente nehmen. Viele müssen mindestens einmal operiert werden, zum Beispiel weil sich durch die Entzündung der Darm verschlossen hat.

Medikamentöse Optionen

Nun könnte einigen Patienten ein neues Medikament Hoffnung geben: Der Antikörper Ustekinumab linderte die Beschwerden auch dann noch, wenn die bisher zur Verfügung stehenden Medikamente versagten. Behandelt wird CED zunächst mit Kortison. Das drängt die Entzündung ziemlich gut zurück. Aufgrund der Nebenwirkungen lässt sich Kortison jedoch nicht langfristig einnehmen. Der nächste Therapieschritt: Medikamente, die das überschießend reagierende Immunsystem unterdrücken. Das sind entweder Azathioprin, Mercaptopurin oder die relativ neuen TNF-Hemmer beziehungsweise eine Kombination aus diesen Medikamenten. Allerdings: Bei jedem dritten Patienten wirken die TNF-Blocker entweder gar nicht, oder es sprechen, wenn sie wirken, 30 Prozent der Patienten irgendwann nicht mehr auf diese Medikamente an. Für diese Patienten könnte nun der Antikörper Ustekinumab eine Option sein (New England Journal of Medicine, Band 367, S. 1519). "Ustekinumab wird vielen Patienten helfen", sagt Gerhard Rogler, leitender Gastroenterologe an der Uni-Klinik Zürich, "denn es hat einen anderen Wirkmechanismus als bisherige Arzneimittel."

Warum Morbus Crohn entsteht, ist bis heute nicht klar. Sowohl Vererbung als auch Ernährung, Infektionen oder Umweltgifte dürften eine Rolle spielen. Das Immunsystem produziert dann zu wenige der entzündungshemmenden und zu viele der entzündungsfördernden Botenstoffe. Hier setzt die neue Therapie an. Ustekinumab bindet an die Entzündungs-Botenstoffe Interleukin 12 und 23, die bei Morbus Crohn vermehrt gebildet werden. TNF-Hemmer blockieren dagegen den Botenstoff Tumornekrosefaktor.

"Ustekinumab ist bei anderen entzündlichen Krankheiten sehr wirksam, etwa bei Schuppenflechte", sagt William Sandborn, Leiter der Studie und Gastroenterologe an der La-Jolla-Universität in Kalifornien. "So dachten wir, es könnte auch eine gute Option bei Morbus Crohn sein." In der neuen Studie erhielten 526 Patienten, bei denen die TNF-Hemmer nicht geholfen hatten, entweder den Antikörper oder ein Placebo. Nach sechs Wochen sprachen über 34 Prozent der Patienten in der Antikörper-Gruppe auf die Behandlung an. Sie hatten weniger Beschwerden, brauchten weniger Medikamente gegen Durchfall und verloren nicht so viel Gewicht. In der Placebo-Gruppe waren es dagegen nur 24 Prozent. Nach 22 Wochen wirkte der Antikörper noch immer besser als das Placebo.

In der Pipeline

Mehr als ein Dutzend neuer Medikamente werden zurzeit gegen Morbus Crohn getestet. Sie greifen auf unterschiedliche Weise in die Weiterleitung von Entzündungssignalen ein. "Rosig sieht die Zukunft bei neuen Crohn-Medikamenten nicht aus", sagt Walter Reinisch. Am meisten verspricht er sich neben Ustekinumab von dem Medikament Vedolizumab. Das soll verhindern, dass Entzündungszellen in die Darmschleimhaut strömen. Das konnte in Studien die Zeit zwischen zwei Schüben verlängern. "Für Ustekinumab haben wir die meisten Daten gesammelt", sagt Gastroenterologe Rogler. Eine gefürchtete Nebenwirkung sind bei den TNF-Hemmern Infektionen mit Bakterien. Diese traten in der Studie bei den Patienten mit Ustekinumab nicht häufiger auf als in der Placebo-Gruppe. "Um das Risiko wirklich beurteilen zu können, müssen wir jedoch die Langzeitdaten abwarten", sagt Sandborn. Ustekinumab werde bei Colitis ulcerosa nicht eingesetzt, hier seien die TNF-Antikörper Golimumab, Vedolizumab und Tofacitinib vielversprechend, so Reinisch.

Derzeit werden in Studien aber auch eine Reihe anderer Therapien ausgelotet - vor allem in leichten Fällen von Morbus Crohn. Ob die Eier des Schweinepeitschenwurms, E.-coli-Präparate, Lactobazillen, Akupunktur oder Arzneimittel mit Weihrauch Linderung bringen, muss sich erst herausstellen. Gastroenterologen von der Uni Duisburg-Essen haben die "Mind-Body-Medicine", eine Kombination aus Bewegung, mediterraner Vollwertkost, Entspannungsübungen und Stressbewältigung entwickelt - in Studien zeigte sich deutlich eine Verbesserung der Lebensqualität.

Reinisch ist vor allem daran gelegen, die Bevölkerung für CED zu sensibilisieren. Das will er mit seinem Verein "Darm Plus" erreichen. "Viele kennen die Krankheit nicht", sagt Reinisch. (Felicitas Witte, DER STANDARD, 3.12.2012)

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17 Postings

Antikörperpräperate! Hoffe mal, die sind auch für unsere Krankenkassen halbwegs leistbar. Sonst wird das ewig dauern, bis das zu uns kommt.

zum ausprobieren - SC Diet

mir und einem bekannten der an CU liet, hat es sehr geholfen. ich hatte nur eine leichte form vom colitis (reizdarmsyndrom) - der bekannte eine schwere form von CU und wurde austherapiert (hormone,cortison etc.) alle die interessiert - googlet nach spezielle kohlehydrat diet. diese kling umständlich, ist es aber nicht. die belohnung für die mühen: bauchweh ist weg, durchwall und die depression auch. letzte darmspiegelung ohne befund, mein arzt ist begeistert.

1. wenn sie ein Reizdarmsyndrom haben, haben sie keine colitis, schon gar nicht eine colitis ulcerosa, die wirklich eine ernste Darmerkrankung ist. posaunen sie nicht groß herum über wirksamkeit angeblicher diäten herum, und schüren sie bitte keine falschen hoffnungen!!

2. schön, wenn ihre letzte Coloskopie unauffällig war...allerdings wird auch die erste bei einem reizdarmsyndrom unauffällig gewesen sein, zumindest der definition reizdarmsyndrom nach - sagt also gar nichts aus!

die SC diet hilft wirklich, ob bei allen Colitis und Crons kann man nicht sagen aber es gibt einige die darauf schwören, wie eben mein freind und noch viele andere leute (mailing-list, foren). nur diese diet ist sehr schwer zu leben, erfordert sehr viel vorbereitung und selbstdisziplin, daher für sehr viele menschen ist die dauerhafte umsetzung undenkbar. und leider nur die 100% saubere (kein *zucker, keine kohlenhydrate,keine lebensmittelzusätze) und dauerhafte (merhjahrige) ernährungsumstellung bringt erfolg.

Danke,

dass mal wieder zwar weit verbreitete, aber immer noch in der Allgemeinheit weitgehend unbekannte Krankheiten thematisiert werden.

Wenn die Gesellschaft den betroffenen mit dem gleichen Verständnis für diese Krankheiten, wie für einen Schnupfen, Fehlsichtigkeit o.ä. begegnet, kann das den Patienten den gesellschaftlichen Druck nehmen, um sich nicht zurück zu ziehen.

Übrigens, mit den Medikamenten (z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Infliximab) werden enorme Umsätze gemacht. Der Leidensdruck ist groß, die Notwendigkeit gegeben.

"Wir kennen die Ursache noch nicht genau"

Das ist klar. Deshalb funktionieren all die Medikamente ja auch nicht. Denn: Wer nicht den "ganzen Menschen", sondern Organe isoliert betrachtet, der wird keinen Erfolg darin haben, die Ursache einer Störung zu finden.
Der Knackpunkt liegt in der Psyche.
Die Seele - wie man die Psyche eigentlich nennen sollte, denn sie ist der übergeordnete Aspekt unserer Persönlichkeit - hat alles gespeichert, was sie je erlebt hat. Das kann lange zurückliegen, auch außerhalb des Mutterleibes.
Das, was die Seele dort an Schmerzhaftem erlebt hat, muss gefunden und erlöst werden - dann verschwinden auch körperliche Symptome. Medikamente können das natürlich nicht erreichen. Und Pharma-Forschungen auch nicht - leider, zum Schaden der Betroffenen ...

Gib uns unseren täglichen Schwurbel...amen!

die psyche kommt viiiiiel zu kurz, da stimme ich voll zu.... mein freund leidet auch seit 20 jahren an einer colitis ulcerosa, hat immer nur cortison geschluckt und alle zwei jahre schübe bekommen.

...durch eine hochfrequente Psychoanalyse (4x in der Woche im Liegen), also eine intensive Form der psychischen Behandlung konnte er sich schubfrei halten und hat die cortisondosis um ein vielfaches reduzieren können. die psychodynamik solcher erkrankten personen müsste besser untersucht werden von experten!!! (nicht von medizinern die kennen den körper und die symptome aber nicht die psyche, wenngleich sie glauben mit irgendwelchen schnellsiederkursen, sich das anzueignen). eine gute medikamentöse therapie ist in der akutphase wichtig langfristig muss man das immunsystem durch eine intensive psychische Behandlung stärken!! die WGKK will aber die intensive psychische Behandlung die sich über mehrere Jahre streckt nicht mehr bezahlen!!

Ich hab solches Geschwafel schon lange satt. Ohne Medikamente wäre meine Lebensqualität höchstwahrscheinlich sehr sehr viel stärker eingeschränkt. Wie würde es mir psychisch wohl dann gehen? Wollen Sie allen erstens unterstellen, dass alle Colitis und MB Patienten psychische Probleme haben, die sie bis an ihr Lebensende nicht lösen können? Die beiden Erkrankungen gelten als unheilbar. Ihrer Logik zufolge müssten wir Patienten dann auch an unheilbaren psychischen Problemen leiden.

Ich verstehe Ihre Reaktion sehr gut...

Aber sehen Sie es mal so: Zeigen Sie mir jemanden, der KEINE psychischen Probleme hat. Die Welt teilt sich nicht in Verrückte und in psychisch völlig Gesunde.

Natürlich spielen andere Faktoren eine große Rolle. Z.B. Ernährung - die wird aber ebenfalls stark psychisch beeinflußt. Wenn mir dreckig geht, ernähre ich mich tendenziell ungesund (d.h. von "stimmungsaufhellenden" Dingen wie Zucker, Brot, Salz, Milchprodukten, Alkohol... alles schädlich, auch und vor allem für den Darm)
Geht's mir psychisch gut, ernähr ich mich eher gesund - weil ich die "Drogen" dann nicht brauche.

...Gerstengrassaft soll übrigens bei Darmkrankheiten sehr interessante lindernde Ergebnisse erbracht haben. Aber das nur nebenbei.

danke für ihr sinnfreies geschreibsel...

ich leide seit beinahe 25 jahren an morbus crohn und erst durch ihre weisen worte weiß ich, das ich einen psychischen defekt habe...
bisher dachte ich immer mein darm ist schwer krank...
selbst wenn man mit allen lebensmitteln aufpasst, weiß man nie, wie es einem morgen geht...
von lebensqualität kann man da schwer reden und gerade in einer partnerschaft braucht man eine starke persönlichkeit an seiner seite...
die einem durch sehr schlimme tage hilft...
damit man das leben halbwegs gut übersteht...
bitte behaltens ihre weisheiten und ihren gerstengrassaft für sich...

Meine vielen roten Stricherl geben Ihnen wohl Recht, offenbar bin ich ziemlich unsensibel gewesen.

Dass ich Ihnen einen psychischen Defekt angehängt haben soll, dagegen verwehre ich mich aber. :-)

Eine Freundin leidet seit Jahrzehnten an MC und hat mit Gerstengras und anderen pflanzlichen Lebensmitteln, die in unserer Ernährung viel zu kurz kommen, eine starke Verbesserung erfahren. Ich selbst habe einen empfindlichen Darm & habe ähnliche Erfahrungen gemacht.

Mein Posting sollte lediglich vermitteln: Je dreckiger es uns geht, desto anfälliger sind wir (ALLE) für ungesunde - auch darmschädigende - Ernährung. Ein Teufelskreis, den ich selbst gut kenne.

Entschuldigung, wenn ich Sie aufgebracht haben sollte.

mich bringen heilsbringungen aller art in rage...

man muss nur dieses mittel nehmen und schon ist das ganze leben wieder im lot...jeder mensch reagiert ganz anders auf ein und das selbe produkt...
natürlich habe auch ich unzählige "wundermittel" versucht...
sie haben allesamt null wirkung gehabt...
auch wenn man es schon vorher weiß, hofft man doch immer auf ein wunder, nur wunder gibt es leider nicht...
es gibt tage und wochen wo es mir super geht...
dann wieder monate wo ich mein leben hasse, die schmerzen, nicht weiß wie ich durch den alltag kommen soll...
für mich gibt es weder gesunde noch ungesunde ernährung...
sondern lediglich lebensmittel die mir weniger, fast nicht und sehr stark schaden...
was ich heute ohne probleme esse, kann schon morgen ganz anders sein...

"für mich gibt es weder gesunde noch ungesunde ernährung...
sondern lediglich lebensmittel die mir weniger, fast nicht und sehr stark schaden..."

Gibt es da denn einen Unterschied? :-) Für mich ist Ihr zweiter Satz meine exakte Definition von gesund/ungesund... wobei gesund immer bedeutet: gesünder als.

Oder... muss ich das so verstehen, dass es NICHTS gibt, was gar nicht schadet? :-/

Danke

Normalerweise schreiben die Esos schön allgemein, damit auch jeder irgendwas rein interpretieren kann. Aber sie legen klar da, dass sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, und nur ihren Esomüll loswerden wollen. Wenn es mir dreckig geht, esse ich nackten Reis, Kartoffel, und als Geschmackshöhepunkt ein Butterbrot. Und das ohne auf irgendeine Stimmung zu achten, sondern nur, um nicht noch mehr Gewicht zu verlieren. Und an die Psychoesos, wenn man den gewissen Druck im Supermarkt verspürt und 30 Sekunden später rinnt die Sch... die Hosenbeine runter, dann ist das die Ursache für psychische Probleme, und nicht umgekehrt.

Ich habe eine Tante, die an Morbus Crohn leidet, also erzählen Sie mir nichts Neues.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass a) unser aller "Trostessen" (von denen Sie einige Beispiele aufgezählt haben) die hauptsächliche Ursache der meisten Zivilisationskrankheiten ist.

Und b) tun Sie sich keinen Gefallen, jede Erwähnung des Wortes "psychisch" sofort in die Eso-Ecke zu schieben. Ich habe mit Esotherik genau gar nichts zu tun.

Sie fühlen sich angegriffen und unverstanden, okay.
Aber das hier ist ein Forum. Wenn Sie verstanden werden wollen - meinen Sie, das Standard-Forum wäre tatsächlich die richtige Methode?

Ihre Kritik ist angekommen, danke. Ich werde mir überlegen, ob ich meinen Beruf hinschmeißen soll, da ich offenbar von Tuten und Blasen (in Sachen Ernährung und Psyche) keine Ahnung habe. ;-)

Danke für diese Antwort, hätt ich kaum besser ausdrücken können. Nichts mit der Materie zu tun haben aber glauben einem die Welt erklären zu können geht gar nicht!
Lg, ein Leidensgenosse

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