Fleischlos durch Georgien

    4. Dezember 2012, 17:03
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    Tschaschuschuli war aus, aber Khachapuri-Atscharuli macht den Fidler im Satrapezo im dritten Bezirk zumindest ebenso satt und zufrieden

    Kennen Sie das Gefühl, beim Betreten eines neuen Lokals erst einmal betreten zu überschlagen, wieviel Bares Sie in der Tasche haben? Ich stellte mir die Frage, als ich beim neuen Georgier einfiel, auf den mich Profikoster Severin Corti gebracht hatte. Ich hatte mir, ohne groß vorher auf die Webseite zu schauen, was eher Einfaches vorgestellt, so Richtung Madiani.

    Bei Satrapezo freilich wird groß und weiß gedeckt, die Stoffserviette liegt auf designig wirkendem Geschirr, die Wassergläser stehen schräg und die Kellner tragen eine Art Uniform und, sapperlot!, weiße Handschuhe. Über der Bar leuchten Champagnerflaschen. Und der Mistkübel auf dem Herrenklo weist sich per Logo als "Joop" aus wie der Wischtuchspender. Hätt ich ein bisschen mehr abheben sollen vor dem Besuch im Satrapezo?

    Mopeds, keine Mahlzeiten

    Eins schicke ich noch vorweg, bevor wir zu Messer und Gabel greifen: Der Wolf-Dieter, der nebenan gern Mopeds fotografiert, aß zwar mit mir und borgte mir diesmal eine weitwinkelige Optik zum Ausprobieren, er ist aber keineswegs für die Bilder hier verantwortlich zu machen. Auch diesmal: ganz der Fidler, bevor Wolf-Dieter durch sein Gastspiel in dieser kleinen, dreckigen Fresskolumne noch in ein schiefes Licht gerät.

    Immerhin: Wenn ich schon einen echten Foto-Profi am Tisch hab, bat ich ihn um sachdienliche Hinweise, wie ein Dilettant wie ich einigermaßen erträgliche Bilder für seinen Fressblog hinbekommt, ohne sich an der Kameraausrüstung einen Bruch zu heben. Sie sehen: Ich zeige immerhin den Willen zur Besserung. Noch bin ich unentschlossen über die nächste Anschaffung. Und immerhin: Die Dreier-Lumix liegt vorerst in der Ecke und die alte Canon bringt ihre Spiegelreflexe wieder einmal an die Luft.

    Khartscho!

    Wolf-Dieter war es auch, der nach Georgien wollte, auch weil eine Reise dorthin anstehen könnte. Ich hätte ja eher zu japanischen Spießereien tendiert. Aber ich bin da ja sehr flexibel. Wenn nur die Brieftasche hält.

    Mit "Sup-Khartscho" eröffnet er, erklärt als Rindfleisch-Tomaten-Suppe, an der Wolf-Dieter auf den ersten Blick die Tomaten vermisst, aber insgesamt dann doch recht zufrieden wirkt. 4,20 Euro sind schon einmal recht günstig.

    Hin- und hergerissen zwischen Nigvzjani Badrijani (gegrillte Melanzani mit Walnüssen und Kräutern), Badrijani Kvelit (Melanzani mit Käse, Sauerrahm und Kräutern), Charkhali (Rote-Rüben-Salat), Phkali (Spinat mit Nuss-Kräuterpaste) und Civi Lobio (Bohnen) nehme ich auf Anraten des Herrn Ober einfach einmal alles in Gestalt des Vorspeisen-Tellers für zwei Personen für schlappe 8,50. Ich bin beruhigt. Auch weil Wolf-Dieter verspricht, mir zu helfen. Ich hätt den üppigen Teller dann eigentlich auch ganz gern alleine verputzt, so gefiel mir das Potpourri, aber da konnte ich ihm schlecht auf die Gabel klopfen.

    Die Damen vom Grill

    Den Damentisch nebenan versorgt die Küche gerade unter großem Gejohle mit einem wirklich üppigen Fleischspieß, ich vermute "Satrapezo Special" für zwei Personen um wirklich eng kalkulierte 23,50, wie mir scheint. Da erwäge ich doch, bei aller Freude am Grünen von der Gemüse-mit-Kräutern-und-Nüssen-Schiene abzubiegen Richtung Tschaschuschuli. Schon weil mir schlichtem Gemüt der Eintopf von (laut Karte) Rindfleisch, Tomaten, Zwiebel sowie rotem und schwarzem Pfeffer beim Bestellen soviel Spaß bereitet.

    Tschaschuschuli ist aus

    Aber nein: Tschaschuschuli ist aus. Ein Zeichen, dass ich Georgien heute abend doch noch fleischlos durchqueren soll. Also gut, nehm ich halt, was mir der Wolf-Dieter schon zuvor als nicht minder interessanten Namen anempfohlen hat: ein Khachapuri-Atscharuli bitte! Mit Ei? Mit Ei, natürlich! Passt auch namentlich gut zu Wolf-Dieters Khachapuri-Imeruli.

    Wobei mir sein gefülltes Fladenbrot mit Weichkäse und Mozzarella nicht nur farblich ein bisschen unauffälliger erschien als meine Variante des Germteigfladens: In Bootsform, höher, und eben mit Zyklopenauge aus Eidotter. Den hieß man mich mit der Gabel forsch unter den Käse mischen, nicht allein zum spielerischen Unterhaltungswert natürlich. Mollig, käsig, kräftig, ein bisserl salzig für mich, aber gut, wenn auch erwartungsgemäß nicht sehr abwechslungsreich - und ziemlich gewaltig.

    Wer nach zwei Gängen hier nicht noch weiter fahren muss wie ich oder konzentriert Fotos bearbeiten wie der Wolf-Dieter - ein Schnaps kann darauf jedenfalls nicht schaden. Und ich hoffe vorerst, dass sich das Projekt, immerhin nahe zum künftigen Standort der STANDARD-Redaktion gelegen, auch ökonomisch ausgeht. Wir zahlten 40,80 Euro samt Getränken und Kaffee.

    Schmeck's ist keine professionelle Lokalkritik. Harald Fidler und Freunde schildern hier ihre Erlebnisse beim Essen und Trinken. Als Dilettanten im Wortsinn: Laien, Amateure, Nichtfachleute, die eine Sache um ihrer selbst willen ausüben - also zum reinen Vergnügen. Was nicht immer gelingt.

    • Von Nigvzjani Badrijani bis Civi 
Lobio: Der mehr als üppige Vorspeisenteller bei Satrapezo in 1030.
Zweimal zwei Gänge, Soda, Cola, Kaffee: 40,80 Euro.
      foto: harald fidler

      Von Nigvzjani Badrijani bis Civi Lobio: Der mehr als üppige Vorspeisenteller bei Satrapezo in 1030.

      Zweimal zwei Gänge, Soda, Cola, Kaffee: 40,80 Euro.

    • Khachapuri-Imeruli für Wolf-Dieter, Flade mit Weichkäse und Mozarella...
      foto: harald fidler

      Khachapuri-Imeruli für Wolf-Dieter, Flade mit Weichkäse und Mozarella...

    • ... und Khachapuri-Atscharuli für den Fidler, mit Ei, selbstverständlich. Das wird dann forsch im Weichkäse verrührt.
      foto: harald fidler

      ... und Khachapuri-Atscharuli für den Fidler, mit Ei, selbstverständlich. Das wird dann forsch im Weichkäse verrührt.

    • Das Dessert, eine Aufmerksamkeit des Hauses. Ich Unsüßer zupfte mir eine Erdbeere heraus, Wolf-Dieter konstatierte: "vor allem süß". Aber das Behältnis fand ich allerliebst.
      foto: harald fidler

      Das Dessert, eine Aufmerksamkeit des Hauses. Ich Unsüßer zupfte mir eine Erdbeere heraus, Wolf-Dieter konstatierte: "vor allem süß". Aber das Behältnis fand ich allerliebst.

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