Zwischen Selbstdarstellung und aufsässigem Fetisch

2. Dezember 2012, 19:19
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"Kulturdiplomatie heute zwischen Repräsentation, Soft Power und transversalen Netzwerken" oder: Hat nationale Außenkulturpolitik noch einen Sinn?

Wien - Hat nationale Außenkulturpolitik noch einen Sinn? Wird sie nicht von Bündnissen wie der EU, von einem globalisierten Kulturbetrieb, von Kritik an einer affirmativen Selbstdarstellung und aufgrund von Geldsorgen heftig infrage gestellt? Oder leistet sie gerade angesichts solcher Kräfte wichtige vermittelnde Dienste? Eine Tagung widmete sich diesen Fragen: "Kulturdiplomatie heute", veranstaltet von sechs akademischen Institutionen in Wien, brachte Erfahrene, Beobachter und Theoretiker zusammen, um das Gelände "zwischen Repräsentation, Soft Power und transversalen Netzwerken" zu vermessen.

Ob im Wort "Kultur/Diplomatie" nicht bereits ein Widerspruch stecke, fragte Wolfgang Petritsch, selber Diplomat, und verwies auf den Gegensatz zwischen einer möglichst autonomen, ja radikalen Tätigkeit und einer, in der es auf Kompromisse und Machtinteressen ankomme. In der 2004 von Joseph Nye diagnostizierten, aber schon vorher praktizierten "Soft Power" allerdings hätten sich die Kräfte vereint: zur "Public Diplomacy" der USA nach den Zweiten Weltkrieg, "um die Herzen und Gedanken" der zu bekehrenden Völker "zu gewinnen", wie Lonnie Johnson (Fulbright-Kommission) ergänzte.

Dass die "Kulturarbeit" von Staaten von Erwägungen gelenkt wird, welche Investition sich rentiert, erfuhr Maria-Regina Kecht (Webster University Wien) bei ihrer USA-Tätigkeit; als nämlich das deutsche Geld für Goethe-Institute nach dem Mauerfall sehr schnell in den interessanteren neuen Osten floss, worauf das Interesse an Deutschem in Amerika auf Orchideen-Niveau sank.

Ausgangspunkt bzw. "Fallstudie" der Tagung war das Österreichische Kulturforum (ACF) in New York. Es ist einerseits eine Erfolgsgeschichte, gemessen an der lokalen Resonanz im Orchester der unzähligen, auch fremdstaatlichen Kulturveranstaltungen der Stadt. Es mache bewusst ein transnationales, eher an Netzwerken mit Amerikanern denn an einer Perpetuierung des Österreich-Bildes orientiertes Programm. Das sei lobenswert, stimmte Pius Knüsel, langjähriger Leiter der Stiftung Pro Helvetia, zu; doch andererseits solle man bedenken, wie teuer manche Auslandskulturvertretungen seien und wie man das Geld am besten einsetzen könnte.

Er stellte dem ACFNY-Hochhaus im Geschäftsviertel etwa eine Schweizer Galerie im Künstlerviertel entgegen, was die Frage provozierte, ob das nicht die Fortführung der von Knüsel kritisierten Repräsentationshaltung sei - und sei es nur als aufsässiger neuer Fetisch, wie es Gottfried Wagner vom (unter anderem) Kulturministerium nannte. Andreas Stadler, Leiter des ACFNY, konnte aus Arbeitsgründen nicht nach Wien kommen, und er wäre auch, sagte er, "quasi als Forschungsobjekt befangen gewesen". Immerhin meldete er sich per Skype und konstatierte für seine Arbeit eine Verschiebung zu mehr zivilgesellschaftlichen Anliegen. Idealerweise solle die Diplomatie der Kultur dienen und nicht umgekehrt.

In der weniger idealen Wirklichkeit sind die Kulturdiplomaten (ob sie nicht durch Kulturschaffende zu ersetzen seien, war auch ein Diskussionspunkt) weiter den Anforderungen der Außenpolitik und eines " Return on Investment" ausgesetzt. Das sei in der EU nicht viel anders als in den Nationalstaaten, konstatierte Petritsch und forderte nochmals, dass man sich zu einer Haltung durchringen müsse, "die kulturelle Leistung per se in den Mittelpunkt rückt". Die könne als wahrhaftig wahrgenommen werden und Menschen in Krisengebieten eine alternative Sicht auf ihre Lebensbedingungen eröffnen.   (Michael Freund, DER STANDARD, 3.12.2012)

  • Pius Knüsel, Ex-Leiter von Pro Helvetia.
    foto: keystone

    Pius Knüsel, Ex-Leiter von Pro Helvetia.

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