Das Halleluja der Ideale

2. Dezember 2012, 19:09
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Friedrich Schillers "Die Räuber" als Neudichtung: Gernot Plass' "Moorland. Eine gottverdammte Terroristenbande" ortet in einer rasenden Travestie den falschen Kampf für schon lange nicht mehr gesicherte Ideale

Wien - Wie man Parteiprogramme erfindet, wie man dem Chef aus Selbstschutz ergeben nachtrottet, wie man als weniger geliebter Bruder die große Intrige startet und dank Papas "Tod" die Macht an sich reißt. Warum Freiheitsliebende jenseits des Gesetzes operieren müssen, warum politischer Fanatismus das Menschenleben geringschätzt und warum der Ausweg aus alldem wieder nur zurück zum Gesetz führen kann: Es steht in Friedrich Schillers Räuber, uraufgeführt 1782.

Die Räuber: Nach einem verlotterten Studentenleben in Leipzig bittet Karl Moor seinen Vater brieflich um Vergebung. Der Lieblingssohn des Grafen von Moor erhält aber auf eine Manipulation des eifersüchtigen Bruders Franz hin eine schändliche Abfuhr. Karl Moor tritt entsetzt die Flucht nach vorne an und folgt seinen Libertins als Räuberhauptmann in die böhmischen Wälder. Als er die Intrige später erkennt, ist der Zorn über die falsche bürgerliche Welt schon zu groß geworden für eine Rückkehr ins normale Leben und zu seiner Verlobten Amalia.

Den emphatischen Beschwörungen allzeit diskussionswürdiger Ideale (Karl) ließ Regisseur und Autor Gernot Plass nun eine Neudichtung des Sturm-und-Drang-Dramas folgen. In Moorland. Eine gottverdammte Terroristenbande begehrt man als Räuberbande ("externe Oppositionelle") gleichermaßen gegen den Absolutismus wie gegen das Finanzkapital auf oder plädiert für öffentliche Onanie. Eben nicht alle ehrbaren Ziele dieser wild rekrutierten Bande sind auf gleiche Weise ehrbar. Das macht Plass in seiner "grotesken Travestie" mehr als deutlich.

Karl Moor (Gottfried Neuner) geht es aber doch sachlich an: "Wo ist denn der Geist von Hermann, Moltke, Bismarck. Friedrich. Schmidt und Willy Brandt." Soll heißen: Wo ist heute die Power von Widerstandskämpfern, Sozialisten, politischen Visionären?! Gute Frage. Bei der Uraufführung im Theater an der Gumpendorfer Straße verpuffte leider ein großer Teil dieser achtbaren Neufassung in der Hochgeschwindigkeitsregie des Autors. Ein Stakkato an Reden und Szenenwechseln peitschte die schnoddrigsten und noch so gescheiten Gedanken im Versmaß vor sich her. Was für ein gottverdammter Stress!

Räuberhaube runter, Glatzkopf rauf: Vierköpfig tritt der alte Graf auf (Jens Claßen, Maya Henselek, Michaela Kaspar, Georg Schubert); Glatze runter, Räuberhaube rauf: als vier Clowns bilden sie auch den Kern des Terrortrupps. Alle weiß gepudert, todgeweiht, aber putzmunter. Franz Mohr (Julian Loidl) markiert inzwischen im Pullunder das treue Söhnchen.

Schwarze Stoffbahnen, vertikal in Holzrahmen gespannt (Ausstattung: Alexandra Burgstaller) lassen das Dickicht der böhmischen Wälder erkennen und zugleich die zu durchdringenden Wände auf Schloss Moor. Alles schön, aber schöner wären 10 km/h weniger.   (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 3.12.2012)

 

  • Nur maskiert traut sich Räuberhauptmann Karl Moor (Gottfried Neuner) ins väterliche Schloss zu seiner Verlobten Amalia (Michaela Kaspar), die ihn alsdann auch nicht erkennt.
    foto: tag / anna stöcher

    Nur maskiert traut sich Räuberhauptmann Karl Moor (Gottfried Neuner) ins väterliche Schloss zu seiner Verlobten Amalia (Michaela Kaspar), die ihn alsdann auch nicht erkennt.

  • Plakatmotiv (www.dastag.at)
    foto: tag / anna stöcher

    Plakatmotiv (www.dastag.at)

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