Michael Hanekes Preise und sein Appetit auf Spinat

Malta war Schauplatz des 25. Europäischen Filmpreises. Bei der Gala in der alten Festungsstadt Valletta wurde Michael Hanekes "Amour" mit vier Auszeichnungen großer Gewinner. Darunter als bester europäischer Film

Auf der großen europäischen Filmlandkarte ist noch Platz für eine kleine Insel - obwohl Malta, der Zwergstaat im Mittelmeer, diesbezüglich seit Jahren abtrünnig ist. Diente die ehemalige britische Kolonie nämlich bisher als Schauplatz für einen Film, handelte es sich meistens um einen amerikanischen Historien-Blockbuster. Eignet sich das antik-mediterrane Ambiente doch hervorragend als Hintergrund für pathetische Monumentaldramen wie Gladiator oder Troja.

Dass der ausgerechnet aus Troja siegreich heimkehrende Agamemnon angeblich als Erster über einen roten Teppich schritt, passt sehr gut zur Tatsache, dass am Wochenende neue, friedliche Besatzer in die Festungsstadt Valletta kamen, um ebenfalls am Ende eines roten Teppichs einander Trophäen zu überreichen. Nach Phöniziern, Römern und Vandalen hielten nun die europäischen Filmschaffenden auf Malta Einzug. Derart geballte Kinokultur auf engstem Raum war für den Europäischen Filmpreis selbst beim 25-jährigen Jubiläum neu.

Litt die Zeremonie vergangenes Jahr in Berlin unter dem Fernbleiben einiger Ausgezeichneter, hatten heuer immerhin die Favoriten ihr Kommen angekündigt. Zwei der Preisträger standen bereits fest: Die britische Schauspielerin Helen Mirren, seit ihrer oscarprämierten Darstellung in The Queen im Popularitätshoch, wurde in der nach wie vor sperrigen Kategorie "Beste europäische Leistung im Weltkino" ausgezeichnet, der italienische Autorenfilmer Bernardo Bertolucci (Der letzte Kaiser) für sein Lebenswerk.

Dass im Rahmen der erneut von Anke Engelke mit gutem Witz moderierten Gala diesmal ein Großteil der Preise persönlich in Empfang genommen werden konnte, lag auch an der Konzentration auf einige wenige Filme in mehreren Kategorien: So zog etwa Michael Hanekes Amour mit sechs Nominierungen als Favorit ins Rennen, gefolgt von Steve McQueens Shame und Thomas Vinterbergs The Hunt mit jeweils fünf Nennungen.

Während sich Letztere, ebenso wie Tomas Alfredsons Spionagedrama Tinker Tailor Soldier Spy, mit Nebenpreisen zufriedengeben mussten, avancierte Amour mit vier Auszeichnungen - darunter für den besten Film und die beste Regie - zum großen Gewinner des Abends.

Hanekes Hauptdarstellerin Emmanuelle Riva wurde als beste Schauspielerin, ihr Filmpartner Jean-Louis Trintignant als bester Schauspieler gekürt, sie bedankten sich mittels Grußbotschaften.

Dass mit Amour ein Film besonders geehrt wurde, der als französisch-deutsch-österreichische Gemeinschaftsproduktion bereits beim Gewinn der Goldenen Palme in Cannes die ständig auftauchende Frage nach seiner Nationalität ad absurdum führte, fügte sich an diesem Abend hervorragend zum allseits proklamierten europäischen Gemeinschaftsdenken.

Alle unter einem Schutzschirm und im selben Boot, so schien das Motto - nicht nur, aber auch angesichts der Tatsache, dass einzelne nationale Kinematografien wie jene Griechenlands mittlerweile praktisch bankrott sind.

Ein seltsamer Spagat, der sich da auftut: Während einerseits in Europa immer mehr Filme produziert werden, verknappt sich gleichzeitig der Markt, indem immer weniger europäische Produktionen in die - auch österreichischen - Kinos kommen. Eine Gala der Europäischen Filmakademie, mit teilweise bizarrem Glamour in Szene gesetzt, ist aber offensichtlich nicht der richtige Ort für derartige Überlegungen.

Wenngleich ihr Präsident Wim Wenders nicht nur gegen die finanzielle, sondern auch gegen die "ideologische Krise" Europas Maßnahmen einforderte. Wie dieses von Wenders als "Medizin" apostrophierte Kino aussehen soll, das war den Videostatements arrivierter Filmschaffender zu entnehmen: ein europäisches Kino, das sich seiner Tradition und seinem historischen Erbe bewusst sei.

Positive Abgrenzung

Damit sind einerseits eine positive Abgrenzung zum finanziell übermächtigen Konkurrenten aus den USA gemeint sowie das Einschwören auf die alte Formel, dass man den Kinogängern nur ausreichend Gelegenheit zur Vielfalt bzw. Futter für den Kopf bieten müsse. Wer ständig Kartoffelpüree vorgesetzt bekomme, so Haneke, der hätte eben keinen Appetit mehr auf Spinat. Wo doch ausgerechnet einer der bekanntesten Filme, die auf Malta gedreht wurden, Robert Altmans Popeye ist.     (Michael Pekler aus Valletta, DER STANDARD, 3.12.2012)

 

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Leider verschwendet Michael Haneke jetzt seine Zeit mit der Inszenierung von Cosi van tutte.

Lieber Haneke mach Filme! Dir liegt die Filmwelt zu Füßen und du das hast diese Jahrhundertgabe (und bist 70 Jahre alt)

eben. mit 70 sollte man einfach tun, was einem spaß macht und nicht, was die leute von einem erwarten, weil man es kann.

Ein genialer Regisseur - und geniale Filme!

Danke für alles Bisherige, die Filme von Haneke sind einfach unglaublich gut!

über geschmack läßt sich's streiten, aber heute dürfte hauptsächlich die krone-fraktion hier posten.

haneke ist der vermutlich beste lebende österreichische regisseur, der auf hervorragende art gewalt und ihre hintergründe beleuchtet (anstatt, wie andere, nur billige action-szenen zu zeigen).
ich schließe mich aber der meinung anderer an, daß obwohl ich "amour" für einen ausgezeichneten film halte, "das weiße band" noch eine stufe drüberstellen würde.

"Gewalt und ihre Hintergründe beleuchtet"

Genau das tut er eben nicht oder äußerst unzureichend, oder wo werden diese in Benny's Video oder Funny Games beleuchtet? Da geht es bestenfalls um die bösen, Gewalt darstellenden Medien und unsere gefühlskalte Gesellschaft, aber die Gründe dafür lässt er völlig im Dunkeln und geilt sich selber an der expliziten Darstellung von Gewalt und Grausamkeit auf und macht den Zuseher noch zynisch lächelnd zum Komplizen ...

auch eine scheinbare nichtbeleuchtung kann in wirklichkeit eine besonders starke beleuchtung sein.

Gerade in Funny Games gibt es ja keine "explizite" Darstellung von Gewalt.

Sorry, sie haben von Funny Games gesprochen, Irrtum meinerseits

Zur "Darstellung" gehören für mich auch die Schmerzens- und Sterbenslaute

eines kleinen Mädchens, Sorry ...

Haneke ist im Grunde genommen ein Regisseur

für die einfachen Gemüter, mit ebenso einfacher Botschaft, die völlig humorlos, ohne jede Brechung oder Doppeldeutigkeit, ohne innere Widersprüche daherkommt und so auch noch von den schlichtesten Zeitgenossen leicht verstanden werden kann ...

Humorlos bestimmt (könnte man aber auch als kompromisslos bezeichnen...), aber alles andere würde ich nicht unterschreiben.

Was ist ihrer Meinung nach die "Botschaft" von "Amour"?

Das ist richtig - doch was Haneke macht, macht er gut.

Etwas mehr Facettenreichtum - wie die alten französischen und englischen Filme es aufwiesen - würde der ganzen europäischen Filmbranche gut tun. Aber brillante Leute sind international eine Rarität.

Die Rotstrichler können sicher gewichtige Gegenargumente liefern? Nein?

Gegenargumente

wogegen?

wissen sie, eine aneinanderreihung von aus der luft gegriffenen vorhaltungen und unbelegten privatmeinungen durch gegenargumente aufzuwerten, ist schon ein wenig viel verlangt, sie haben ja auch kein argument gebracht.

Zeigen Sie mir die Brechungen und Doppeldeutigkeiten

in Benny's Video, Funny Games oder Das weiße Band!! Das ist deshalb so wichtig, weil das Leben (und das sollte die Kunst abbilden) eben vielschichtiger und komplexer ist als die schablonenhaften Handlungen und Figuren in Hanekes Machwerken. Zum Glück ist der Großteil der Menschen nicht so, wie es der Menschenhasser und Pessimist Haneke es darstellt. Motive und Hintergründe werden bewusst ausgeblendet (insbesondere in Benny's Video und Funny Games), damit eine mehr oder weniger simple Botschaft (böse Medien, böse gefühlskalte Menschen tun sinnlose böse Dinge) an den Mann/die Frau gebracht werden können und das noch dazu so oberlehrerhaft, dass jedem denkenden Menschen schlecht werden muss, allein der billige Trick mit Ägypten in Bennys Video

weil das Leben (und das sollte die Kunst abbilden)...

dass sich haneke vielleicht nicht dem kunstideal eines gerhard hauptmann von vor über 100 jahren(das auch ihres zu sein scheint) verpflichtet fühlt, kommt ihnen nicht in den sinn?

wenn sie sich für psychologische motivationen interessieren, empfehle ich ihnen das werk von dostojewski, henry james oder stendhal. dass hanekes interessen darüber hinaus gehen, kann man ihm schwer zum vorwurf machen.

Argumente? Null! Danke für den sinnlosesten

Beitrag in diesem Forum. Selbstverständlich sollte die Kunst im weitesten Sinne immer das Leben und die Menschen abbilden, analysieren, hinterfragen, sonst verkommt sie eben wie bei Haneke zur reinen theoretischen Übung, ich befürchte allerdings sie wollen gar nicht verstehen. Hanekes Interessen können gar nicht "darüber hinausgehen", denn er beherrscht ja nicht mal die Basics ...

Haneke ist Kartoffelpüree

"Wer ständig Kartoffelpüree vorgesetzt bekomme, so Haneke, der hätte eben keinen Appetit mehr auf Spinat."

kann es sein, dass Haneke mit seinen vorprogrammierten Siegerfilmen alles anders produzierte kaputtmacht?

Einspielergebnis?

Auf die Gefahr hin, die allgemeine Feierstimmung
hier zu stören, eine unschuldige Frage:
Was hat der Film bisher europaweit eingespielt
("box office")?
Inwieweit wirken sich all diese Preise positiv und europaweit auf das Einspielergebnis aus?
Vielleicht könnte das mal recherchiert werden.

Das stimmt nicht ganz ... Sie müssen dort auf die Detailseiten gehn, das Ergebnis sind momentan ca. 10 Millionen US-$ (einzelne Länder zusammenaddieren)

Hier, die Detailseite:
http://www.boxofficemojo.com/movies/?p... =amour.htm

Die 1,7 Millionen am oberen Ende sind nicht aktueller Stand.

Ok, ja das sind also 10242668 Euro.

Preise wirken sich positiv aus, aber wie stark, ist wirklich unbeantwortbar.
In Österreich hat "Amour" über 50.000 Besucher gezählt, das ist nicht weltbewegend aber auch keineswegs schlecht. In D hatte der Film ca. 250.000 Besucher, In F mehr als 500.000.

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