Diktator Kim wagt den Showdown

2. Dezember 2012, 18:40
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Während Südkorea und Japan im Dezember wählen, testet Nordkorea vor Weihnachten mit dem geplanten Start einer Interkontinentalrakete die Nerven der Region.

Noch vor Weihnachten bahnt sich um neue Raketenabschuss-Pläne Nordkoreas ein dramatischer Countdown auf der koranischen Halbinsel an. Alle Groß- und Regionalmächte sind alarmiert. Tokio, Seoul und Washington warnten am Wochenende nachdrücklich Nordkoreas neuen Machthaber Kim Jong-un, seinen bereits angekündigten Raketentest nicht zu unternehmen.

US-Regierungssprecherin Victoria Nuland nannte die Pläne, zwischen dem 10. und 22. Dezember eine Trägerrakete für einen angeblichen Satellitenstart abzuschießen, eine "hochprovokative Handlung" und "eine Bedrohung von Frieden und Sicherheit in der Region". Der Abschuss wirkt sich auch auf die Wahlen in Südkorea und Japan im Dezember aus.

Die USA versuchten über hektische diplomatische Kontakte die drohende Krise abzuwenden. Die USA und ihre Alliierten sehen den Raketentest als Verletzung einer Resolution des UN-Sicherheitsrats. Diese hat Nordkorea Tests für Interkontinentalraketen unter Androhung von Strafmaßnahmen verboten. Südkorea drohte mit "scharfen Gegenmaßnahmen der gesamten Region, wenn Pjöngjang seine Rakete abschießt".

Letzter Test gescheitert

Für Nordkorea wäre es der vierte Versuch seit 2006, ballistische Raketen zu testen. 2006 startete es drei Monate nach seinem ersten Atomtest eine sogenannte Taepodong-2-Langstreckenrakete. 2009 unternahm es einen weiteren Start, der wieder von einem Nuklearwaffen-Test begleitet wurde. Einen dritten Raketenabschuss unternahm Nordkorea im April zum Amtsantritt seines neuen Führers Kim. Er scheiterte nach der Explosion der Rakete 90 Sekunden nach dem Start.

Erst vor wenigen Wochen hatte sich die nordkoreanische Propaganda damit gebrüstet, über verbesserte Langstreckenraketen zu verfügen, die angeblich auch die bis zu 6000 Kilometer entfernten Küstengebiete der USA erreichen könnten. Internationale Experten streiten, wie gefährlich Nordkoreas Langstreckenraketen wirklich sind - oder ob sie nur als politische Druck- und Verhandlungsmasse dienen.

Da sich der hermetisch verschlossene Staat, der internationale Abrüstungsabkommen nicht akzeptiert, atomar aufrüstet, sind seine Trägerraketen eine Bedrohung für die gesamte Region. Nach Angaben von Atomwaffenexperten soll das Land aber noch nicht über die Fähigkeit verfügen, seine Atomwaffen so zu verkleinern, dass sie von Trägerraketen transportiert werden können. Der UN-Sicherheitsrat hatte mit Zustimmung von Nordkoreas Verbündeten China und Russland nach den beiden Atomtests Sanktionen gegen den hochmilitarisierten Hungerstaat erlassen und diese auch verschärft.

Brutale Säuberungen

Der 28 Jahre alte Führer Kim, der südkoreanischen Angaben zufolge jüngst seine absolute Macht auch über das Militär mit brutalen Säuberungen in der höchsten Armeeführung durchsetzte, testet nun erneut die Nerven der Region. Am Freitag hatte die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA über die Abschusspläne informiert. Sie sprach von einem " Arbeitssatelliten", den die Rakete in eine Umlaufbahn bringen solle, in einem für alle Nachbarländer "sicheren Flugkorridor".

Der Abschuss fällt genau in den Zeitraum der Präsidentschaftswahl in Südkorea am 19. Dezember und wird nun den dortigen Wahlkampf bestimmen. Japan, das am 16. Dezember eine neue Regierung wählt, reagierte als erster Staat. Es setzte seine für kommenden Mittwoch und Donnerstag vereinbarte Wiederaufnahme von Verhandlungen mit Nordkorea zur Verbesserung des beiderseitigen Verhältnisses aus. Premier Yoshihiko Noda erklärte: "Es ist schwierig unter diesen Bedingungen das Treffen abzuhalten."

Die neue chinesische Führung, der wichtigste politische und wirtschaftliche Verbündete Nordkoreas, hatte gerade eine hochrangige Delegation nach Pjöngjang entsandt, die am Freitag mit Kim Jong-un zusammentraf. Der chinesischen Delegation gehörte das neue Politbüromitglied Li Jianguo und der für Nordkorea zuständige Leiter für internationale Parteibeziehungen Wang Jiarui an. Beide übergaben einen Brief des neuen KP-Führers Chinas, Xi Jinping. Weder KCNA noch Chinas Nachrichtenagentur Xinhus berichteten, wie beide Seiten über die am selben Tag bekanntgemachten Raketenpläne diskutierten. Am Wochenende rief das chinesische Außenministerium alle Beteiligten nur dazu auf, " Schritte" zu unterlassen, die die Lage weiter verschärfen könnten. Sprecher Hong Lei sagte südkoreanischen Reportern: "Wir sorgen uns über alle Provokationen, die Frieden und Sicherheit der Region verletzten könnten."

Weltall-Komitee

Die aktuellen Pläne hatte, wie auch im vergangenen April, ein sogenanntes nordkoreanisches "Komitee für Weltall-Technologie" bekanntgegeben. Die letzte, am 13. April 2012 gestartete Rakete war sofort nach dem Abschuss über dem Meer vor der Westküste Südkoreas explodiert.

Kim will es wissen. Der Abschusstermin fällt auf den ersten Todestag des am 17. Dezember 2011 an einem Herzinfarkt gestorbenen Kim Jong-il. Mit dem Raketentest würdigt Kim junior aber nicht nur das Andenken seines inzwischen im Kristallsarg aufgebahrten Vaters. Er testet auch die Reaktion der USA zu Beginn der zweiten Amtszeit Barack Obamas, Russlands Haltung unter dem wiedergewählten Wladimir Putin - und ob sich Pekings Unterstützungspolitik für Nordkorea nach dem Generationenwechsel unter dem neuen chinesischen Parteichef Xi Jinping geändert hat. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, 3.12.2012)

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    Ein nordkoreanischer Soldat vor einer Raketenabschussrampe. Der neue Führer des Hungerstaats will nach dem gescheiterten Raketentest im April noch im Dezember einen neuen Versuch unternehmen. Die USA reagierten alarmiert.
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