Jung, links, unbeliebt

Reportage24. Jänner 2013, 05:30
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In Bulgarien beginnt eine kleine Szene, Alternativen zum Nostalgie-Sozialismus zu entwerfen - Ein Lokalaugenschein in Sofia

Maniküre, Pediküre und Facelift haben viele Hausfassaden in Sofias Innenstadt schon hinter sich gebracht, von den baulichen Jugendsünden des sozialistischen Regimes ist nicht mehr allzu viel zu sehen. Wo vor einigen Jahren noch Stromkabel traurig herabbaumelten, Stuckengel mit zerfressenen Nasen und Ohren von den alten Jahrhundertwendehäusern blickten, funkelt es jetzt zusehends an allen Ecken. Und die Teenager, die durch die Einkaufsstraßen mit ihren Franchise-Shops flanieren, tragen dieselbe Mode wie in Belgrad oder Birmingham, produziert in Bangladesch. Je länger das Jahr 1989 zurückliegt, desto mehr gewöhnen sich die Menschen an die Normalität der freien Markt- und Korruptionswirtschaft.

Kleine kritische Masse

Das gefällt nicht allen. Unter den jungen Gebildeten, viele von ihnen mit Auslandsstudien, sammelte sich in den letzten Jahren eine kritische Masse, die das neue Leben, das Überfluss und Armut gleichermaßen produziert, nicht akzeptieren will. Die 30-jährige Raia ist eine von ihnen: Die aufgeweckte Anthropologin lebt zwar in Budapest, wo sie ihr Doktoratsstudium absolviert, doch die Uni-Ferien verbringt sie hier, in ihrer Geburtstadt Sofia.

Raia kommt, um hier nach dem Rechten zu sehen - besser gesagt nach der Linken. Vor zwei Jahren gründete sie mit Ähnlichgesinnten das autonome Zentrum "Xaspel" - einen unscheinbaren Hinterhofkobel, der sich als helles, freundliches Lokal entpuppt, das einem Kunstkollektiv als Atelier, vor allem aber diversen politischen Initiativen als Raum für Besprechungen, Vorträge und die Planung der nächsten Demonstration dient.

Zwei bis drei Dutzend junge Menschen, meist Studierende, kommen hierher, trinken Kaffee und sinnieren, rauchen und planen. Es sind verschiedene Gruppen, die diesen Raum nutzen, zum Teil kennen sie einander nicht, wollen es vielleicht auch gar nicht, doch verbindet sie ein Leitmotiv: Sie sind die neue, alternative Linke. Und damit in Bulgarien eine kleine, unbeliebte Minderheit.

"Alles, was links war, war schlecht"

"Nach 1989 war alles, was links war, schlecht", sagt Raia. "Es ist noch immer ziemlich schwer, sich die Linke wieder anzueignen." Doch immer mehr junge BulgarierInnen versuchen, was in den 90er Jahren noch undenkbar war: offen links zu sein, ohne von den AltkommunistInnen vereinnahmt zu werden. Diese Jungen sind meist akademisch gebildet, sie vernetzen sich über Facebook und Twitter, grenzen sich ab von etablierten Parteien und Syndikaten - und suchen sich eigene Räume.

In den vergangenen zwei Jahren gründeten sich in der bulgarischen Hauptstadt Sofia drei verschiedene Zentren, die zu Treffpunkten der alternativen Linken wurden. Leerstehende, sanierungsbedürftige Hinterhofräume, eigenhändig renoviert von Studierenden und ArbeiterInnen zwischen 20 und 40, die etwas weniger schick gekleidet sind als der Rest und die Miete für die gemeinsamen Räume von ihren Stipendien und Teilzeitlöhnen abstottern. Es sind Orte, die Raum für neue politische Strömungen schaffen sollen. Xaspel war das Erste seiner Art.

"Wir müssen leise sein", flüstert der 25-jährige Georgi, als er durch den schmalen Gang des Hinterhofzentrums in den geräumigen Hauptraum von Xaspel führt, "hier wird gearbeitet." Ein Dutzend konzentriert diskutierende 30- bis 40-Jährige sitzen im Sesselkreis, eine Frau macht Notizen auf dem Flipchart. Eine Szene wie aus einem Unternehmenscoaching. "Weiß auch nicht genau, was die machen - irgendein Verein, der Ideen für die Kommunalpolitik sammelt", sagt Georgi. Man sei eben offen für alle politischen Initiativen, und diese hier brauchte Platz für ihre Wochenendklausur. Bei Xaspel bekamen sie ihn - gegen eine freiwillige Spende. Offen für alles? Ja, meint Georgi - unter einer Bedingung: kein Rassismus, kein Sexismus und eine klare Abgrenzung zu rechtsextremen Strömungen.

Rechtsextreme im Aufwind

Letztere sind in Bulgarien im Aufwind. Überall in der Stadt findet man gemalte und gesprayte Hakenkreuze, in manchen Straßenzügen an jeder Hauswand Werbung für Neonazi-Gruppen. Wie anderswo haben auch hier neonazistische Bewegungen versucht, bestimmte Fußball-Fangruppen zu vereinnahmen - mit Erfolg. "Rechtsextrem zu sein ist bei den Jugendlichen Teil des Mainstreams geworden", meint Raia. Sie erzählt von ein, zwei Teenagern, die mit ihren soeben erstandenen Spraydosen vor einer Wand standen und nicht recht wussten, was sie sprayen sollten. Erst ein paar Schnörkel, dann ein Hakenkreuz - das war das Erste, was ihnen einfiel.

Wer unter dieser erstarkten Rechten besonders leidet, ist evident: Vor allem sind es Roma, aber auch ImmigrantInnen und die türkische Minderheit. Die BewohnerInnen des Asylwerberheims im Viertel Owtscha Kupel an der westlichen Stadtgrenze werden immer wieder Opfer rassistischer Attacken. Erst vor kurzem sei einer seiner Bewohner auf dem Weg von der Bushaltestelle zum Heim von einer Motorradgang angegriffen worden, erzählt Prince, ein 30-jähriger Somalier. Er trug eine Platzwunde am Kopf davon. Diese Angriffe seien Alltag, meint Prince. Diesmal habe er die Polizei veständigt, weil es bereits der zweite Angriff in einer Woche war - "aber die haben uns nicht einmal zugehört".

Über die Gewaltattacken auf Asylsuchende steht auch wenig in den lokalen Zeitungen. Es sind AktivistInnen von Xaspel und dem jüngsten autonomen Zentrum, Adelante, die immer wieder an den Stadtrand fahren, um den Asylwerbern zuzuhören und die Geschichten in die Stadt zu tragen. Im islamischen Fastenmonat Ramadan besuchen sie die Moschee im Zentrum Sofias, die dann bei der täglichen Gratisausspeisung zum Treffpunkt vieler gestrandeter ImmigrantInnen wird.

Hungerstreik im Flüchtlingszentrum

"Wir wollen die Stimmen der Migranten an die Öffentlichkeit bringen - damit die Leute sehen, dass das nicht alles Terroristen sind", sagt Alexander, ebenfalls Gründungsmitglied von Xaspel. Meistens hört ihnen niemand zu. Doch manchmal schlägt es Wellen. Als im August 2012 mehrere Insassen des auch für Medien hermetisch verriegelten Flüchtlingszentrums Ljubimez an der Grenze zur Türkei und Griechenland in Hungerstreik traten, waren die AktivistInnen rund um Xaspel die Ersten, die es erfuhren.

Sie waren zuvor zu dem Lager gefahren und hatten mit Menschen gesprochen, die mit den HeiminsassInnen in Telefonkontakt standen. Was sie dort in Erfahrung bringen konnten, teilten Sie Kontaktpersonen in den Zeitungsredaktionen mit - so erfuhr auch die bulgarische Bevölkerung von den Zuständen in Ljubimez: Schlechte medizinische Versorgung, ein Mangel an Lebensmitteln, versperrte Küchen - die Insassen mussten in den Sanitäranlagen ihr Essen zubereiten. Die Medienberichte zeigten Wirkung: Die Forderungen der Hungerstreikenden - Zugang zu den Küchen, bessere ärztliche Versorgung - wurden erfüllt. Doch Raia, die damals die Mainstream-Medien kontaktierte, ist das nicht genug: "Wir wollen nicht nur kosmetische Maßnahmen. Wir fordern Bewegungsfreiheit für alle."

Streit mit den Altlinken

Die Forderung offener Grenzen, die Ablehnung von Patriotismus - das sind Positionen, die bei den bulgarischen Altlinken für heftiges Kopfschütteln sorgen. Die "alten Linken", das seien die, die immer noch Allianzen zwischen Moskau und Sofia hochhielten und die USA als große feindliche Krake sehen, die ihre Arme über die grellen Logos der multinationalen Konzerne bis in jedes Kuhdorf streckt. Die "neuen Linken" sehen das differenzierter. "Der Kapitalismus kennt keine Grenzen", meint Ivo, ein Enddreißiger mit schütterem Haar und gewitztem Blick hinter Nickelbrillen, der im Adelante, dem jüngsten autonomen Zentrum Sofias, gerade das Licht aufdreht. In fünf Minuten soll hier ein kostenloser Bulgarischkurs für Zugewanderte stattfinden. Ivo steckt sich noch schnell eine Zigarette an.

Auch das Adelante ist in einem Hinterhof untergebracht, zwei kahle Räume mit Laminatboden und Neonröhren, alles hätten die Mitglieder des Adelante-Kollektivs selbst gebaut, eigens renoviert, erzählt Ivo stolz. Der Raum wirkt kalt unter dem grellen Licht, die Wände sind nackt, politische Kampfbotschaften sucht man hier vergeblich. "Wir haben gerade alles frisch renoviert", sagt Ivo - zu laut herausschreien wolle man die linke Gesinnung aber ohnehin nicht. Erstens, um niemanden abzuschrecken. Und vor allem: aus Angst vor rechtsextremen Angriffen. "Sie wissen, wo sie uns finden", meint Ivo. Die Angst vor Neonazis führt auch dazu, dass die Mitglieder der Kollektive ihre Fotos nur ungern in den Medien sehen - "aus Selbstschutz", erklärt ein Xaspel-Mitbegründer.

Doch was heißt "links" für die junge Generation in Sofia? Während im Xaspel bei Lesungen und Vorträgen über aktuelle Soziologietheorien diskutiert wird, legt das Adelante den Begriff eher praxisorientiert aus: Hier werden abends keine Lesekreise oder Diskussionen organisiert, sondern Spanisch- und Computerkurse; der Bulgarischunterricht für ImmigrantInnen, eine Gitarrenstunde, auch eine Art Selbsthilfegruppe lesbischer Frauen finden hier Platz. "Wer etwas organisieren kann, tut es", sagt Ivo. Alle sind willkommen, alles ist gratis. Auf einem Tisch neben der Eingangstür liegen Hosen, Hemden, Babykleider aufgestapelt. Immer wieder werden Altkleider in gutem Zustand abgegeben, andere nehmen etwas mit.

Kinderkino

"Wir wollen zeigen, dass Wirtschaft auch anders funktionieren kann", meint Ivo: Man wolle vorzeigen, wie man zumindest in einem Teilbereich des Alltags ohne Geld auskommen könne. Immer wieder finden Leseabende und Filmvorführungen für Kinder statt, um Alternativen zum meist kostenpflichtigen Kinderprogramm in den übrigen Einrichtungen zu schaffen. "Die meisten Eltern sind noch skeptisch, ob sie ihre Kinder bei uns lassen können - sie haben Angst, dass sie indoktriniert werden", lacht Ivo. Darum nahmen an den bisherigen Kinderveranstaltungen vorwiegend die eigenen Töchter und Söhne des Adelante-Kollektivs teil.

Neue Protestkultur

Aber auch Kundgebungen werden hier organisiert, Demonstrationen vorbereitet. So auch im Juni 2010, als Neonazis mehrere DemonstrantInnen auf einer Demonstration gegen Bulgariens Asylpolitik angriffen und zum Teil schwer verletzten. Die Gründung einer antirassistischen Plattform aus Mitgliedern der unterschiedlichen Sozialzentren war die Folge. Sie mischen die Protestszene Sofias auf: Den auch von Rechtspopulisten unterstützten Protesten gegen Waldrodungen und Parkgebühren setzen sie laute, frechere und spontane Demonstrationen entgegen - und eine Protestkultur, die viele der altkommunistischen Bewegungen überfordert.

Als etwa im Jänner 2012 tausende Menschen in mehreren Städten gegen Schiefergasanlagen im Nordosten Bulgariens protestierten, trugen die altkommunistischen Initiativen Transparente mit Slogans wie "Shell will Bulgarien zerstören!". Die alternativen Linken von Xaspel und Adelante hielten dagegen, und riefen: "Schaut euch doch um, Shell macht das überall - und die Regierungen lassen es zu." (Maria Sterkl, derStandard.at, 24.1.2013)

  • Hinterhof-Zentren wie das Xaspel dienen der neuen Linken Sofias als Treffpunkte - gleich drei solcher Zentren entstanden in der bulgarischen Hauptstadt in den vergangenen zwei Jahren.
    foto: derstandard.at/mas

    Hinterhof-Zentren wie das Xaspel dienen der neuen Linken Sofias als Treffpunkte - gleich drei solcher Zentren entstanden in der bulgarischen Hauptstadt in den vergangenen zwei Jahren.

  • Empfangspult und Bar im Eingangsbereich des Xaspel - alles selbst gebaut.
    foto: derstandard.at/mas

    Empfangspult und Bar im Eingangsbereich des Xaspel - alles selbst gebaut.

  • Treffpunkt und Geburtsstätte für neue Projekte.
    foto: derstandard.at/mas

    Treffpunkt und Geburtsstätte für neue Projekte.

  • Im Adelante lernen Zugewanderte gratis Bulgarisch.
    foto: derstandard.at/mas

    Im Adelante lernen Zugewanderte gratis Bulgarisch.

  • Die extreme Rechte tritt selbstbewusst auf, im öffentlichen Raum ist sie omnipräsent.
    foto: derstandard.at/mas

    Die extreme Rechte tritt selbstbewusst auf, im öffentlichen Raum ist sie omnipräsent.

  • Dieser Bericht wurde im Rahmen von Eurotours 2012 erstellt. Eurotours ist ein Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Gemeinschaftsmitteln der EU.

    Dieser Bericht wurde im Rahmen von Eurotours 2012 erstellt. Eurotours ist ein Projekt der Europapartnerschaft, finanziert aus Gemeinschaftsmitteln der EU.

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