Der Götterliebling und der Nervenarzt

30. November 2012, 19:35
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Briefwechsel von Arthur Schnitzler mit Hugo von Hofmannsthal

Sollte Arthur Schnitzler seinem Kollegen Hugo von Hofmannsthal in Liebe zugetan gewesen sein, so verstand er es im Allgemeinen, diese Neigung zu verbergen. Schnitzler (1862- 1931) begegnete dem um zwölf Jahre jüngeren " Loris" (so das Jugendpseudonym) 1890, als die Literaten von "Jung Wien" im Café Griensteidl zusammensaßen. Der Mediziner, sonst kein Freund übertriebener Lobesworte, zeigte sich von dem Halbwüchsigen hingerissen. " Wissen, Klarheit, und, wie es scheint, auch echte Künstlerschaft, es ist unerhört in dem Alter", verzeichnete Schnitzler keineswegs gönnerhaft in seinem Tagebuch.

Den Grundton dieser merkwürdigen Brieffreundschaft schlägt von Anfang an Hofmannsthal an. Der Sohn eines Bankdirektors mimt den bevorrechteten Götterliebling. Er schreibt - wie in allen kommenden Jahren - vornehmlich aus der Sommerfrische. "Loris" gibt mit seiner Nietzsche-Lektüre an (der Bub ist gerade 17!). Er will bemerkt haben, wie seine eigenen Gedanken unter dem Einfluss des Philosophen "schön crystallisieren".

Schnitzlers erste Antwort enthält ein entwaffnendes Bekenntnis: Er ist von nun an derjenige, der knapp bleibt. Sein Gehirn, schreibt er, müsse gelegentlich über "tote Stellen" hinwegkommen. Der Arzt hat sein Gegenüber sofort durchschaut: Hofmannsthal trinkt das Lob, das von allen Seiten auf ihn einfließt, wie Wasser. Schnitzler macht sich vor dem Jüngling nicht kleiner, als er ist. Aber die Bewunderung, die er Hofmannsthal von nun an zollen wird, ist gezügelt. Er geizt mit dem kostbarsten Gut, das er anderen zur Verfügung stellen kann: sich selbst. Schnitzler diktiert das Geschehen.

Man steht auf vertrautem Fuß. Die beiden lesen einander ihre noch tintenfeuchten Werke vor. Man ist unvorstellbar gehetzt um 1900: An die Sommerfrischen werden Fernreisen angeknüpft. Man trifft einander viel im Salzkammergut. Hofmannsthal lässt sich die Vorzüge des Radfahrens schildern; er selbst wiederum zeigt sich nervenschwach und wetterempfindlich. Schnitzler feiert fulminante Erfolge als Bühnenautor. Er beginnt, dem Freund gegenüber eine gewisse Überlegenheit auszuspielen. Und Hofmannsthal spielt bereitwillig mit.

Der sich über beinahe vier Jahrzehnte erstreckende Briefwechsel lässt ein klares numerisches Übergewicht aufseiten des Jüngeren erkennen. Zwar mag Hofmannsthal der schlechtere Archivar gewesen sein: Sind von ihm 419 Briefe erhalten, so fanden sich nur 76 Schreiben aus Schnitzlers Hand. Das ändert nichts an Hofmannsthals Wehklagen, man möge sich doch öfter sehen. Da wohne man in derselben Stadt und verbringe keine "20 Stunden im Jahr miteinander!". Es hilft alles nichts: Um Schnitzler scheint ein Wall aus kaltem Stoff errichtet - nicht unbedingt aus Eis, aber aus feuerfestem Material.

Und so gibt es eine einzige Stelle in dieser literaturhistorisch bewegenden Korrespondenz, die schmerzlich aufhorchen lässt. Hofmannsthal lenkt in einem törichten Postskriptum anno 1910 die Aufmerksamkeit auf Schnitzlers Roman Der Weg ins Freie. Dieses war das Lieblingswerk seines Schöpfers. Hofmannsthal jedoch wollte sich mit dem traurigen Befund über das Leben der Juden in Österreich in keiner Weise identifizieren. Er lehnte das Buch ab.

Dennoch bittet er seinen Freund um ein weiteres Exemplar, da er sein eigenes - mit der Widmung - "halb zufällig halb absichtlich in der Eisenbahn liegen lassen habe". Es gibt kein entsetzlicheres Schreiben als Schnitzlers kalt gleißende Erwiderung: Er spricht Hofmannsthal die Befähigung zum Schreiben ab und nennt dessen Brief "für einen Spaß nicht lustig genug". Hofmannsthals Versuch der Kalmierung wirkt grotesk: Nicht er, sondern seine Frau habe das Buch in der Eisenbahn vergessen. Er redet sich allen Ernstes auf sein Unbewusstes aus. Schnitzler gibt sofort nach: "Mein lieber Hugo, Ihre guten Worte hätten auch Schlimmeres wieder gut machen können!"

Ob es jemals wieder gut wurde, lässt sich schwerlich sagen. Schnitzlers Worte wurden verbindlicher. Die Zahl der Zusammentreffen nahm bedeutend ab. Erst in der Erfahrung, je eines ihrer Kinder zu verlieren, waren die beiden wieder vereint.   (Ronald Pohl, DER STANDARD, 1./2.12.2012)

Dieser 13. ist der letzte Teil der Serie "Seelenarzt Dr. Schnitzler".

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