Adventzauber in Wien

30. November 2012, 18:56
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Über die "Bonzen im Gemeindebau" bis "Es weihnachtet wieder"

Wenn jemand soziale Probleme ohne Rücksicht auf Rang und Namen aufgreift, dann ist das "News". Diese Woche riss das Magazin in seiner Titelgeschichte den "Bonzen vom Gemeindebau" die Masken von den Gesichtern. Dass es sich bei "Bonzen" um niemand anderen als um "Mandatare" handeln konnte, war von vornherein klar. Zwar ist es nicht ganz leicht, sich einen Gemeinderat, einen Bezirksvorsteher oder einen Bundesrat als Bonzen vorzustellen, aber wo gehobelt wird, da fallen eben Späne.

Als gesellschaftspolitischen Ausgleich bot das Magazin eine herzzerreißende Geschichte unter dem Titel: "Was schenkt man einem Millionärssohn zum 19. Geburtstag ... wenn er schon einen Porsche und einen Audi R8 hat?" Da zeugt es von einer gewissen Einfallslosigkeit, dass der Teenager "den spendablen Altvorderen nur für einen Ferrari 458 Italia" zu danken hat. "Man wird schließlich nur einmal 19", zeigt "News" aber Verständnis, und "außerdem", heißt es aufatmend, "trifft es keinen Armen: Der Erbauer des Wiener Millennium Towers hat eine wenn auch knappe Euro-Milliarde auf dem Konto". Bei so viel väterlicher Knappheit "kann er zum Geburtstag des Sohnes allemal 250.000 Euro springen lassen", aber auch nur, weil "das superschnelle Überdrüber-Geschoss darunter nicht zu haben war".

Man soll nicht am falschen Platz sparen, etwa als "Bonze vom Gemeindebau". Daher, "klarerweise sind auch die Partys, in deren Rahmen die Geschenke den Besitzer wechseln, vom Feinsten. Vor zwei Jahren etwa mietete das Elternpaar den Frankfurter Techno-Club von Kult-DJ Sven Väth. Giannis ganze Klasse flog per Privatjet mit. Logisch, dass so einem Österreich allmählich "too small" wird, mag er auch mit Hubert Gorbach nichts gemein haben", was aber noch kommen kann. Ein tragisches Schicksal, gemildert nur durch den Umstand, dass es sich laut Befund von "News" um den "gejagtesten Junggesellen Österreichs" handelt, der die bloß gejagteren Junggesellen des Landes mühelos hinter sich lässt. "Denn zur Freude der stolzen Mutter eröffnet er am 7. Februar 2013 den Opernball". "'Die Eltern haben eine Loge und freuen sich schon aufs Society-Debüt ihres Sohnes'", weiß eine anteilnehmende Nachbarin", und hielt damit gegenüber dem Blatt nicht hinter dem Berg.

Etwas näher an den "Bonzen vom Gemeindebau" liegt bekanntlich "Heute". Dem verdankten die Leser des Blattes Dienstag die Information, dass "Adventzauber in Wien" herrscht, was ihnen gewiss nicht aufgefallen wäre, hätte es ihnen eine bezahlte "Wien-Extra Sonderbeilage auf 8 Seiten" nicht vermittelt. Um sich nicht als schofel zu erweisen, und weil der Wiener schwer von Begriff ist, wurde er zwei Tage später mit der bezahlten Mitteilung überrascht: "Es weihnachtet wieder". Und das wird sicher nicht die letzte entgeltliche Erinnerung daran sein, dass "Wien auch während der Feiertage allen, die sie brauchen, Unterstützung bietet". Manchen sogar schon vor den Feiertagen.

"Heute" kann sich halt redaktionell leichter für eine Sache begeistern, wenn inseratenmäßig nachgeholfen wird, und man macht aus dieser Begeisterung kein Hehl. "Staatsbürgerschaft neu" lautete Dienstag auf Seite 33 der Titel einer entgeltlichen Einschaltung. "Staatsbürgerschaften sollen nicht verschenkt und nicht verkauft, sondern verdient werden". Und weil es so brav gezahlt hat, durfte das zuständige Regierungsmitglied auf Seite 31 mit einer redaktionellen Würdigung seiner Mühen rechnen: "In sechs Jahren zum Pass. Laut Integrationsstaatssekretär Kurz sollen gut integrierte Zuwanderer früher eingebürgert werden". Redaktioneller Beitrag und Inserat sind inhaltlich identisch, und um den Einfallsreichtum nicht zu weit zu treiben, sind beide Beiträge mit den Fotos österreichischer Reisepässe geschmückt. In der Mittwoch-Nummer folgte dem Loblied auf "Immobilien als Wertanlage" unmittelbar ein doppelseitiges Inserat "SIGNA-Immobilien setzen neue Standards auf dem Wiener Markt". Es gibt schon Zufälle.

Da war doch "Das Stratos Protokoll" eine Erfrischung, mit dem das kühnste Abenteuer, das je ein Mensch bestanden hat, der Vergessenheit entrissen wurde. Beinahe hätte es gar nicht stattgefunden. "Doku enthüllt: Mission Red Bull Stratos stand kurz vor dem Abbruch". Hier der entscheidende Moment. Bodenstation: "Wirst du die Verbindung nun trennen?" Baumgartner: "Moment. Regenwald!"Das war aber "das Codewort, dass Baumgartner 'mal muss'." Und die Menschheit konnte erleichtert aufatmen. (Günter Traxler, DER STANDARD, 1./2.12.2012)

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