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30. November 2012, 18:50
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Emmanuel Lepages eleganter Comic über eine Schiffsreise in die Antarktis

"Das Seltsame am Reisen ist, dass man erst nachher begreift - und das auch nicht immer -, was man gesucht hatte." Emmanuel Lepage hat in "Reise zum Kerguelen-Archipel" (€ 29,80, 162 Seiten, Splitter, Bielefeld) eine ungewöhnliche Reise unternommen: zu den TAAF (französische Süd- und Antarktisgebiete), an Bord des Versorgungs- und Forschungsschiffs Marion Dufresne.

Der titelgebende Kerguelen-Archipel bildet den südlichsten Punkt der einmonatigen Fahrt: ein trostloses, sturmgebeuteltes Land in der Größe Korsikas am Ende der Welt. Durch Lepages Hand lernen wir etliche Mitglieder der Schiffscrew, Überwinterer der verschiedenen Forschungsstationen, Helikopterpiloten, Touristen, Wissenschafter kennen. Lepage wird immer wieder schmerzlich bewusst: Er ist nur auf der Durchreise. Alle Kontakte, alle Landgänge bringen ihn den Menschen, den urzeitlichen Welten gerade nahe genug, um erkennen zu können, wie unerreichbar sie für ihn bleiben.

In Schwarz-Weiß-Bildern erzählt Lepage den Ablauf der Reise; Rückblenden in seine Kindheit, Historisches und lehrreiches oder kurioses Beiwerk (wie die Fliege ohne Flügel oder der Grund, warum in der französischen Marine das Tragen einer schwarzen Krawatte Tradition ist) sind in warmen Brauntönen gehalten. Es bleiben jene Momente, in denen Lepage sich eins mit dem Betrachteten fühlt, die raren Minuten, in denen jede Trennung aufgehoben scheint. Ihnen widmet er vierfarbige Aquarelle. Die gelungensten schaffen, wozu nur Bilder in der Lage sind: Transportmittel zu sein zur Essenz eines Augenblicks.

Lepages eleganter, großformatiger Comic ist nichts für den beiläufigen Konsum. Der Grundrhythmus ist langsam. Gebrochen wird er immer wieder von Szenen hektischer Betriebsamkeit; in vielen davon sind die elementaren Naturgewalten die Hauptdarsteller, die Menschen geduldete Gäste, die sich gleichwohl keinen Fehler erlauben dürfen. Das letzte Bild zeigt, was Lepage auf dieser Reise gesucht - und gefunden - zu haben glaubt: Wolken am Nachthimmel formen ein paar aufnehmende Hände. Der Mensch wird angenommen, darf sich geborgen fühlen. In Gemeinschaft - mit Mensch und Natur. (Helmuth Santler/DER STANDARD, 1. 12. 2012)


Emmanuel Lepage: "Reise zum Kerguelen-Archipel", € 29,80, 162 Seiten, Splitter, Bielefeld 2012.

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    coverfoto: splitter
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