Der rätselhafte Tod eines russischen Kronzeugen

30. November 2012, 18:25
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Mysteriöser Todesfall eines russischen Geschäftsmanns in Großbritannien: Der Tote galt als Kronzeuge in der Magnitski-Affäre, als Mann, der über korrupte russische Beamte und Schweizer Konten Auskunft geben konnte. Der Skandal belastet Moskaus Verhältnis zum Westen.

Dass er nicht hochbetagt friedlich im Bett sterben werde, muss Alexander Perepelitschny geahnt haben: Er habe so ausgesehen, als sei er eingeschüchtert und fürchte sich vor allem und jedem, beschreibt der Rechtsanwalt Andrej Pawlow, der sich im vergangenen Jahr zweimal mit dem in Großbritannien lebenden russischen Geschäftsmann traf, seinen Eindruck von Perepelitschny.

Nun ist Perepelitschny tot - im Alter von nur 44 Jahren. Er wurde in der Nähe seines Anwesens in Weybridge bei London gefunden, nachdem er von einem morgendlichen Jogginglauf nicht zurückgekehrt war. Spuren von Gewalt gibt es nach ersten Polizeiberichten nicht. Möglicherweise ist er an einem Herzinfarkt gestorben. Andererseits: Krankheiten Perepelitschnys waren nicht bekannt, dafür aber eine Reihe von Skandalen, die ihm Feinde in Russland eingebracht haben dürften.

Umfassende Untersuchung

Die Behörden haben daher eine umfassende gerichtsmedizinische Untersuchung angeordnet. Englische Medien sprechen schon von Parallelen zum Ex-FSB-Agenten Alexander Litwinenko, der 2006 einer Poloniumvergiftung zum Opfer fiel. Litwinenko, der noch auf dem Totenbett Russlands Präsident Wladimir Putin des Mordes beschuldigte, wusste viel über die Vorgänge im Inneren des Kreml.

So hoch waren die Verbindungen Perepelitschnys nicht, doch glaubt man den Ermittlern in Großbritannien und der Schweiz, dann könnte er der Schlüssel zu einer der größten Korruptionsaffären in Russland gewesen sein: zum Fall Magnitski.

Sergej Magnitski war ein Anwalt, der 2009 in russischer U-Haft starb. Ein Jahr zuvor hatte er Steuerbeamte und Geheimdienstler des Diebstahls von umgerechnet 135 Millionen Euro beschuldigt. Laut Magnitski hatten die Beamten mithilfe geraubter Firmenstempel und Dokumente seines Klienten Hermitage Capital Steuerrückzahlungen beantragt, die sie dann abgezweigt und in Schweizer Banken und Immobilien in Dubai und Montenegro deponiert hätten.

Hilfe verweigert

Kurz nach Veröffentlichung des Korruptionsskandals erhoben die russischen Behörden ihrerseits Anklage gegen Hermitage Capital und Magnitski wegen Steuerhinterziehung. Nach zehn Monaten in U-Haft war der Jurist tot. Wie sich herausstellte, hatte ihm die Gefängnisleitung jegliche ärztliche Hilfe verweigert. Laut seinen Anwälten sollte er so zur Rücknahme seiner Vorwürfe und einem Geständnis erpresst werden.

Das russische Innenministerium kam inzwischen wenig überraschend zu dem Schluss, dass Magnitskis Vorwürfe unbegründet seien - in den USA hingegen führte der Skandal dazu, dass die in den Fall verwickelten Beamten auf eine schwarze Liste gesetzt wurden: Sie erhielten Einreiseverbot, ihre US-Konten wurden eingefroren. Die Liste belastet das Verhältnis beider Länder schwer.

Der nun verstorbene Perepelitschny soll jahrelang als zwielichtiger Finanzjongleur halblegales Geld angelegt und auf diese Art reingewaschen haben, darunter auch das korrupter Beamter. Als er während der Finanzkrise allerdings praktisch sein ganzes Geld verlor und seinen Klienten rund 200 Millionen US-Dollar schuldig blieb, floh er nach Großbritannien. Dort packte er dann gegenüber dem Gründer von Hermitage Capital, William Browder, aus.

Zu seinen Klienten soll demnach auch der Ehemann der im Magnitski-Fall meistverdächtigten ranghohen Steuerbeamtin Olga Stepanowa gehört haben. Die Schweizer Ermittlungsbehörden bestätigten, von Perepelitschny Angaben zu Briefkastenfirmen und Konten erhalten zu haben. Auch mit den britischen Behörden kooperierte er. Als Kronzeuge bekam er politisches Asyl. Die schwarze Liste der betroffenen russischen Beamten soll angeblich mit seiner Hilfe erstellt worden sein. Wenn dies stimmt, dürfte die Angst Perepelitschnys berechtigt gewesen sein.

In Moskau freilich wird die Bedeutung Perepelitschnys bagatellisiert. Dieser habe mit dem Magnitski-Fall nichts zu tun, sagte ein Sprecher des Innenministerium. (André Balin, DER STANDARD, 1.12.2012)

  • Das Grab von Sergej Magnitski, dem ersten Opfer in der Geldwäscheaffäre. Alexander Perepelitschny sollte zu dem Fall aussagen - nun wurde auch er tot in einem Londoner Vorort gefunden.
    foto: andré balin aus moskau

    Das Grab von Sergej Magnitski, dem ersten Opfer in der Geldwäscheaffäre. Alexander Perepelitschny sollte zu dem Fall aussagen - nun wurde auch er tot in einem Londoner Vorort gefunden.

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