"ÖBB darf nicht Katze im Sack kaufen"

30. November 2012, 20:15
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Streit zwischen ÖBB und Siemens über den Preis für neue Triebwagen bringt Schwung in die Debatte über die Typenwahl

Wien - Der bis dato im Untergrund tobende Streit zwischen ÖBB und Siemens über den Preis für hundert Triebwagen bringt Schwung in die Debatte über die Typenwahl. Die Verkehrssprecherin der Grünen, Gabriela Moser, kritisiert die geplante Direktvergabe auf Basis eines Rahmenvertrags aus dem Jahr 2010 massiv: "Die Frage, was die Fahrgäste brauchen, muss bei einer so wichtigen Rollmaterialbeschaffung Kriterium Nummer eins sein", wettert Moser im Standard-Gespräch, "nicht, was sich Hersteller X wünscht oder was industriepolitisch ausgemauschelt wurde."

Moser für Ausschreibung

Um eine Fehlanschaffung zu vermeiden, drängt Moser auf eine öffentliche Ausschreibung: "Das ist eine Entscheidung für die nächsten 30 Jahre. Deshalb darf die ÖBB nicht die Katze im Sack kaufen, indem mehr Fahrgäste wieder zu wenig Platz haben."

Den Triebwagen Desiro Mainline (ML) von Siemens hält die Grüne angesichts der Fahrgastzuwächse - allein von 2009 bis 2011 stieg das Passagieraufkommen in Wien um mehr als 30 Prozent - für "die falsche Wahl". Er verfüge mit 210 bis 230 Sitzplätzen zwar über mehr Kapazitäten als die derzeit kurvenden blau-weißen 4020er-Triebwagen und die einstöckigen Konkurrenzzüge von Bombardier oder Stadler. Bis der Desiro ML 2015 aber endlich auf Schiene sei, werde die Kapazität für weitere Zuwächse nicht reichen. "Tägliche Stehplätze und Verspätungen durch Staus beim Ein- und Ausstieg sind kein Zukunftskonzept", sagt Moser und plädiert für den Einsatz von Doppelstockgarnituren in der Ostregion.

Im ÖBB-Personenverkehr kann man diese Kritik nicht nachvollziehen. Doppelstockwagen seien im innerstädtischen Schnellbahnverkehr keine Option. "Das optimale Gefäß sind einstöckige Fahrzeuge", sagt ein ÖBB-Sprecher. Diese hätten eine bessere Personenhydraulik, erlaubten schnellere Passagierwechsel, seien aufgrund ihres Gewichts und Profils österreichweit einsetzbar und kundenfreundlicher für Personen mit reduzierter Mobilität. Man verweist auf die Schweizerische Bundesbahn SBB, die von Doubledeck abgehe und auf einstöckige Fahrzeuge umrüste - auch weil diese preisgünstiger sind.

Länder für Siemens

Früh auf Siemens fixiert haben sich übrigens die Mitzahler, allen voran Wien und Niederösterreich. Die ÖBB braucht sie, um die Großinvestition stemmen zu können. Niederösterreichs Verkehrslandesrat Karl Wilfing etwa verkündete Anfang August im Tullner Bezirksblatt, dass er "auf Exkursion in München war" und "Niederösterreich bei 65 neuen Desiro- ML-Pendlergarnituren mitzahlt".

Im noch nicht unterschriebenen, unter Ägide von Vizebürgermeisterin Renate Brauner verhandelten Wiener Verkehrsdienstevertrag mit der ÖBB sollen die Fahrzeugspezifikationen dem Siemens-Zug frappant ähneln, wie Insider sagen.(Luise Ungerboeck, DER STANDARD, 1./2.12.2012)

  • So ähnlich könnte die neue S-Bahn für die Ostregion aussehen - wenn sie denn gekauft wird.
    foto: moschitz

    So ähnlich könnte die neue S-Bahn für die Ostregion aussehen - wenn sie denn gekauft wird.

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