"Wir sind in einer wirtschaftspolitischen Eiszeit"

Interview30. November 2012, 17:21
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Klaus Albrecht Schröder, Chef der Albertina und gegenwärtig Vorsitzender der Direktorenkonferenz, über finanzielle Sorgen - und große Ausbauvisionen

Standard: Die Bundestheater bekommen 2013 mehr Geld, die Bundesmuseen nicht. Sie sind derzeit Vorsitzender der Bundesmuseen-Direktorenkonferenz. Wie ist die Stimmung?

Schröder:  Wir können schon glücklich sein, wenn es keine Kürzungen gibt. Man überlegt, welche Sparmaßnahmen man ergreifen könnte und ob man die Eintrittspreise erhöhen soll. Irgendwoher muss das Geld ja kommen. Denn die Betriebskosten steigen. Und die Sponsorenmittel sind, glaube ich, bei allen Museen zurückgegangen. Hinzu kommt, dass der Anfütterungsparagraf im Fundraising spürbar sein wird. Die Unternehmen wissen nicht, ob sie Tische kaufen können. Denn sie wollen natürlich nicht Beamte, Politiker, Manager, die sie bisher zu einem Fundraisingdinner eingeladen haben, in den Verdacht einer Anbiederung bringen.

Standard:  Helga Rabl-Stadler, die Präsidentin der Salzburger Festspiele, ist mit dem abgemilderten Antikorruptionsgesetz zufrieden.

Schröder:  Sie ist immer sehr optimistisch. Einen Hauptsponsor hat sie verloren (Uniqa, Anm.) - aus diesem Grund. Es ist eben nicht mehr ganz so attraktiv, Hauptsponsor zu sein, wenn man keine Kunden mehr einladen kann.

Standard:  Und wie sieht die Situation bei Ihnen aus?

Schröder:  Nicht anders als in den anderen Häusern. Uns laufen die Energiekosten sowie die Instandhaltungs- und Wartungskosten davon. Seit der Wiedereröffnung 2003 sind zehn Jahre vergangen. Nun sind manche Anlagen - Teile der Heiz- und Klimatechnik, auch Personenlifte - zu erneuern. Diese große Maschinerie ist eben einmal abgenützt. Da geht es um bis zu eineinhalb Millionen Euro pro Jahr. Diese Beträge können wir aus eigener Kraft nicht aufbringen. Wir sind froh, wenn die Besucherzahlen und die Shop-Erträge in der gegenwärtigen Krise nicht zurückgehen, wenn die Sponsormittel nicht dramatisch zurückfallen. Wir haben diese Investitionen jetzt zum zweiten Mal zurückgestellt und führen Gespräche mit dem Kulturministerium. Wir hoffen auf Unterstützung.

Standard:  Wie hoch ist der Fehlbetrag heuer? Über eine Million Euro?

Schröder:  Das wäre eine Katastrophe. Nein. Etwa die Hälfte.

Standard:  Sie haben aber Rücklagen in der Höhe mehrerer Millionen. Sie könnten die Investitionen also aus eigener Kraft finanzieren.

Schröder:  Nein. Es ist nicht die Zeit für große Investitionen. Ja, ich bin investitionsscheu. Ich gebe derzeit nicht einmal 80.000 Euro für eine Verbesserung der Infrastruktur aus, die nur der Bequemlichkeit dient.

Standard:  Wie reagiert Ihr Kuratorium, wenn Sie Rücklagen auflösen müssen?

Schröder:  Natürlich fragt sich das Kuratorium, was passiert, wenn sich die Finanzmarktkrise zu einer Wirtschaftskrise auswächst, wenn sich die Menschen keine Mehrfachbesuche leisten können, wenn es einem Besucherrückgang von - sagen wir - 20 Prozent kommt. Die Frage lautet: Wie lange können wir überwintern? Ich spreche bewusst von Überwintern. Wir sind in einer wirtschaftspolitischen Eiszeit, die auch eine sozialpolitische Eiszeit ist. Diese Eiszeit ist für viele hart. Den österreichischen Bundesmuseen geht es im Vergleich zu vielen Einrichtungen - übrigens auch Deutschland - sehr gut: In Spanien gibt es Kürzungen von 50 Prozent bei den Museen, in Portugal und Italien von 30 Prozent, in Griechenland von 40 Prozent. Also geht es hierzulande nur um ein Überwintern.

Standard:  Und wie lange können Sie überwintern?

Schröder:  Mittelfristig sind wir gut aufgestellt - also zumindest drei Jahre lang. Aber es wäre gut, wenn wir von manchen Belastungen - wie den Kommunalabgaben, die erhöht wurden - befreit würden. Immerhin bringen wir dem Standort Wien viele Einnahmen. Man sollte daran denken, dass man die Kuh, die man melken will, leben lassen muss.

Standard:  Vor ein paar Jahren, als Sie Van Gogh zeigten, hatten Sie knapp eine Million Besucher. Wie viele werden es heuer sein?

Schröder:  Die Besucherzahl hat sich bei 650.000 bis 750.000 eingependelt. Heuer werden wir am unteren Ende der Schwankungsbreite liegen, nächstes Jahr wird es mehr Besucher geben, denn wir bringen am Anfang Max Ernst, am Ende Henri Matisse und dazwischen Bosch, Bruegel, Rubens und Rembrandt. Aber so ein Programm kann es nicht jedes Jahr geben.

Standard:  Gerüchteweise soll Ihr Kuratorium vorgeschlagen haben, den obersten Stock wieder rückzubauen, also aus den Ausstellungsräumen wieder Büros zu machen.

Schröder:  Nein, überhaupt nicht. Das würde keine Einsparung bringen, das wäre eine Kapitalvernichtung. Die Investitionen sind ja noch nicht einmal abgeschrieben.

Standard:  Es kommt also nicht zu einer Zurücknahme von Fläche?

Schröder:  Ganz im Gegenteil. Wir überlegen uns, wie wir für die große Sammlung der zeitgenössischen Kunst - von Anselm Kiefer bis Georg Baselitz, von Alex Katz bis Arnulf Rainer - mehr Ausstellungsfläche bekommen können. Ich träume von einer Erweiterung auf dem Albertinaplatz, also auf dem Grundriss des ehemaligen Philipphofs, samt unterirdischer Anbindung an die Albertina - und unter Einbindung des Mahnmals gegen Krieg und Faschismus von Alfred Hrdlicka. Die Problematik - beim Bombardement des Philipphofs starben im Keller zahlreiche Menschen - ist mir bewusst. Damit muss man sensibel umgehen.

Standard:  Sie meinen wie in Washington der East Wing der National Gallery?

Schröder: Das ist doch keine schlechte Referenz! Ja, auch hier wäre es der East Wing. Derzeit ist das natürlich nur eine Zukunftsvision. Aber eines ist sicher: Alle Museen wachsen. Und alle müssen expandieren. In der Albertina selbst gibt es keine Erweiterungsmöglichkeiten mehr. Wenn ich zwei Jahre früher Direktor geworden wäre, hätte ich die im Krieg zerstörte Bastei abgerissen, ich hätte sie aushöhlen und in der ursprünglichen Größe wiedererrichten lassen. Aber als ich im Jahr 2000 an die Albertina kam, waren die wichtigsten Entscheidungen über die Sanierung bereits gefällt. Das Aushöhlen der Bastei unter dem Reiterstandbild hätte gut 2000 Quadratmeter an Fläche gebracht. Heute geht das nicht mehr. Hingegen: Der Albertinaplatz schreit geradezu nach einer Bebauung. Es kann doch nicht sein, dass die Albertina in den Mauern des barocken Palais und den Mauern der Bastei gefangen ist!           (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 1./2.12.2012)

Klaus Albrecht Schröder (1955) ist Kunsthistoriker. Er leite des BA-Kunstforum; 1999 übernahm er die Albertina.

  • Schröder: "Es wäre gut, wenn wir von manchen Belastungen - wie den Kommunalabgaben - befreit würden."
    foto: standard / heribert corn

    Schröder: "Es wäre gut, wenn wir von manchen Belastungen - wie den Kommunalabgaben - befreit würden."

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