Philosophisch gedacht: Was wir zu wissen meinen

3. Dezember 2012, 09:44
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Ein wenig mehr Bescheidenheit bezüglich unserer Wissensansprüche würde uns in vielerlei Hinsicht guttun. Denn: Woher wissen wir, dass wir nicht irren, wenn wir zu wissen meinen?

In einer Gesellschaft, die sich als Wissensgesellschaft bezeichnet und in der Wissen nicht nur zu einem wichtigen, sondern auch zu einem mächtigen Gut geworden ist, fragen manche Philosophen, ob das, was wir zu wissen meinen, tatsächlich Wissen ist, und wie es um unsere Wissensansprüche bestellt ist.

Das mag einem zunächst befremdlich erscheinen, ist es doch offensichtlich so, dass wir eine Menge wissen. Wir wissen, dass die Erde keine Scheibe ist, dass 2+2=4 ist, dass Heinz Fischer der amtierende Bundespräsident ist, dass nichts schneller ist als das Licht und noch vieles mehr. Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe staatlicher und privater Institutionen, die uns dieses Wissen zu vermitteln suchen. Es will ja schließlich gewusst werden, was wir wissen.

Am Ende haben wir Prüfungen zu absolvieren, und man beurteilt uns und unsere Lebensperspektiven je nachdem, ob wir sehr gute, gute, befriedigende, genügende oder nicht genügende "Wissensreproduzenten" sind. Diejenigen, die am besten wissen, was wir wissen, haben jedenfalls gewonnen. Die anderen - na ja - irgendwo wird man sie schon brauchen.

Eine Frage, die aber bei alldem selten gestellt wird, ist eine philosophische: Können wir überhaupt etwas wissen? Wir tun ja häufig so, als wäre das Wissen etwas ganz Unproblematisches. Das ist es aber nicht! Das fundamentale Problem des Wissens ist die Wahrheit. Wissen impliziert Wahrheit. Mit anderen Worten: Man kann nichts Falsches wissen.

Woher aber wissen wir, dass wir uns in dem, was wir zu wissen meinen, nicht irren? Jeder irrt sich doch hin und wieder, und weil Irren menschlich ist, tritt der philosophische Skeptiker auf den Plan. Er behauptet, dass es immer möglich ist, dass wir uns irren, und dass unsere Wissensansprüche schon allein deshalb gehörig überzogen sind. Wir können uns ja nie sicher sein, ob es sich in Wahrheit nicht ganz anders verhält.

Das vielleicht beste Argument des Skeptikers ist das sogenannte Traum-Argument, ein Argument, das durch René Descartes berühmt geworden ist:

  • Prämisse 1: Wenn ich weiß, dass ich jetzt beim Frühstück sitze und den Standard lese, dann weiß ich auch, dass ich jetzt nicht in meinem Bett liege und bloß träume, dass ich beim Frühstück sitze und den Standard lese.
  • Prämisse 2: Ich weiß nicht, dass ich jetzt nicht in meinem Bett liege und bloß träume, dass ich beim Frühstück sitze und den Standard lese. (Anm.: Das könnte ja falsch sein, denn ich könnte mich irren.)
  • Konklusion: Ich weiß nicht, dass ich jetzt beim Frühstück sitze und den Standard lese.

Es ist klar, dass in analoger Weise jedes andere Wissen über die Welt bezweifelt werden kann. Hat der Skeptiker womöglich recht und können wir wirklich nichts über die Welt wissen? Ist die Wissensgesellschaft eine Utopie? Auch wenn man sagen muss, dass die skeptische Position selbst problematisch ist - ein wenig mehr Bescheidenheit ob unserer Wissensansprüche würde uns in vielerlei Hinsicht äußerst guttun. (Heinz Palasser, Bernd Waß, DER STANDARD, 1./2.12.2012)

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