Eine zerstörerische Fantasie

Bert Rebhandl
30. November 2012, 18:16
  • Ein Voyeur wird gestellt: der großartige Fabrice Luchini (li.) und Denis Menochet in "In ihrem Haus".
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    Ein Voyeur wird gestellt: der großartige Fabrice Luchini (li.) und Denis Menochet in "In ihrem Haus".

Im neuen, klugen Film des Franzosen François Ozon, "In ihrem Haus", entspinnt sich ein raffiniertes Spiel des Fabulierens

 Ein Lehrer verfängt sich immer mehr in den Geschichten eines Schülers - mit beträchtlichen Folgen für sein bisher geordnetes Dasein.

Wien - Für einen verhinderten Schriftsteller gibt es vielleicht keine größere Demütigung, als Woche für Woche die lustlosen Aufsätze von Schülern lesen und korrigieren zu müssen. Vor vielen Jahren hat Germain einmal einen Roman geschrieben, doch er wollte zu viel damals, das überambitionierte Werk hat ihm nicht die erhoffte Karriere eingebracht. Nun ist er schon lange Lehrer an einem französischen Gymnasium, und das, was sich da immer an neuen Texten in seinem Wohnzimmer stapelt, erfüllt ihn mit grundlegenden Zweifeln am menschlichen Dasein.

Mit Beobachtungsgabe, Einfühlungsvermögen, Erfindungsreichtum ist es unter den Schülern nicht weit her, das Dokumentarische und die Fiktion sind zu Beginn von François Ozons neuem Film In ihrem Haus (Dans la maison) gleichermaßen in der Krise. Doch dann schlägt Germain den Aufsatz von Claude auf, in dem dieser beschreibt, was er am Wochenende gemacht hat. Nichts Besonderes, würde man meinen: Claude hat seinen Schulfreund Rapha zu Hause besucht, hat ihm ein wenig bei Mathematik-Aufgaben geholfen und durfte dafür am Abend noch bei den Artoles mit am Tisch sitzen.

Für einen Jungen ohne eigene Familie ist das ein großes Erlebnis, und Claude beschreibt es mit einer so großen Genauigkeit und Intensität, dass Germain von dem Begehren, das sich in diesem Text ausdrückt, unwillkürlich gefesselt ist. Er würde gern weiterlesen, und tatsächlich endet der Aufsatz von Claude mit einem Versprechen, das auf die Romanform zielt: "à suivre". Fortsetzung folgt.

Und Germain möchte mehr wissen. Er nimmt die Beschreibungen von Claude für bare Münze gerade deswegen, weil sie im Grunde auch ihn selbst meinen könnten. Denn auch Germain lebt "in einem Haus", seine Gattin Jeanne ist attraktiv, vielleicht nicht in dem Maß wie die blonde Hausfrau Esther Artole, die mit einem Handwerker verheiratet ist, während Jeanne eine Kunstgalerie leitet. Die beiden Hausstände in In ihrem Haus entsprechen einander auf jeden Fall auf eine fast schon prinzipielle Weise, und der mysteriöse Claude ist derjenige, der zwischen ihnen vermittelt.

Erfindung voller Fallen

Es ist eine Vermittlung, die voller Fallen steckt. François Ozon, der sich nach der Komödie Potiche hier einmal mehr als der wandelbarste unter den französischen Filmermachern der Gegenwart erweist, macht sich von Beginn an einen Spaß daran, Germain (perfekt als Kulturspießer verkörpert von Fabrice Luchini) als den Kasper darzustellen, der in all diese Fallen tappt.

Dass wir selbst es sind, die keineswegs bessere Gewissheiten in diesem Spiel mit Fiktionen haben, könnten wir dabei leicht übersehen. Ja, Ozon legt es geradezu darauf an, das Kinopublikum nur noch stärker in die Irre zu führen. Aus den Aufsätzen von Claude werden unversehens Filmszenen, von denen keineswegs klar ist, ob es nun Germain ist, in dessen "Adaptionen" wir hier eintreten, oder ob wir uns einfach von einem manipulierenden Regisseur in ein Spiel zwischen Sprache und Welt locken lassen, in dem es bald auf jedes Detail ankommt.

Voyeurismus und Sadismus gehen ineinander über, die Fantasie durchdringt jede Pore dieses klugen Films, den François Ozon auf Grundlage des Theaterstücks Der Junge aus der letzten Bank (2006) von Juan Mayorga entworfen hat. In dem Maß, in dem die Fantasie sich gehen lässt, zerstört sie den Alltag, und so ist In ihrem Haus am Ende - viel radikaler noch als bei Hitchcocks Fenster zum Hof, der hier in vielerlei Hinsicht aufgerufen wird, und in einer interessanten Parallelaktion zu Holy Motors, dem wildesten Fiktionalitätsexperiment der jüngeren Zeit - ein Film auf dem trügerischem Grund unserer eigenen Wünsche.   (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 1./2.12.2012)

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1 Posting

mir hat er sehr gut gefallen, besonders lustig war die Szene in der Galerie der Gattin, wo Sinn und Unsinn moderner abstrakter Kunst diskutiert wurde :o)

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