Verwandlungskünstler

30. November 2012, 18:39
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Die Forschung ist nicht in Stein gemeißelt. Munter verwandeln sich Schüler da zu Meistern. Andere bleiben über alle Zweifel erhaben. Der Markt spielt dabei eine Schlüsselrolle

So detailliert man das Altmeister-Segment auch aufgearbeitet wähnen mag, Lücken gibt es. Eher Hohlräume als Schluchten, angesichts der von Generationen von Kunsthistorikern publizierten Fachliteratur. Von den obligaten Down- und Upgradings, über die Arbeiten auf Werkstatt abgewertet oder zu authentischen Werken eines Künstlers geadelt werden, mal ganz abgesehen. Auch Entdeckungen gibt es noch, wenn schon seltener, so doch immer wieder. Nur bleiben sie dann eher jenen vorbehalten bleiben, die über tiefergreifendes Spezialwissen verfügen als andere.

Jüngstes Beispiel: eine Entwurfszeichnung, die Experten des Auktionshauses Van Ham (Köln) Matthäus Günther, einem bayerischen Barock- und Rokoko-Künstler, zugeordnet hatten. Die lavierten Rötelzeichnungen, ein Gottvater auf der Vorder- und zwei Engel auf der Rückseite, seien Vorarbeiten für ein 1761 fertiggestelltes Deckenfresko einer Oberammergauer Pfarrkirche. Soweit die Informationen im Katalog (Alte Kunst, 16. 11.). Vier Bieter wussten anderes und scheuchten den Wert von 5000 Euro (Rufpreis) bis auf ein Vielfaches und zur Freude des Berliner Einbringers.

Das siegreiche Gebot belief sich auf 112.000 Euro (inkl. Aufgeld), bewilligt vom Kunsthandel Katrin Bellinger (London/München). Günther habe nie mit Rötel gezeichnet, zitiert die deutsche Tageszeitung Handelsblatt Martin Grässle, den Direktor der Münchener Niederlassung.

Darüber hinaus seien ihm die Engel bekannt vorgekommen, konkret vom Deckenfresko im Kirchenschiff des Zisterzienser Klosters Aldersbach. Die Ausstattung datiert in das Jahr 1720, und verantwortlich dafür zeichneten Cosmas Damian Asam, Hauptmeister des bayerischen Rokoko und Lehrer von Günther. Damit ist ein weiteres Upgrade einer Schülerskizze zur Meisterzeichnung amtlich.

Ein neuer Raffael

Ähnliches beschäftigte die Fachwelt vor genau zwölf Monaten. Damals verlautbarte das Städel einen prominenten Neuzugang, konkret ein von Raffael und seiner Werkstatt geschaffenes Porträt Papst Julius II. Den Ankaufspreis wollte das Frankfurter Museum nicht bekanntgeben, nur, dass er unter dem Marktwert gelegen sei. Ein sieben- oder gar achtstelliger Betrag? Auf Anfrage folgte kein Dementi, nur ein schlichtes "kein Kommentar".

Der Verkäufer - ein Deutscher mit Wohnsitz in der Schweiz - hatte das Bildnis im Juni 2007 im Dorotheum erworben. Für etwa 11.000 Euro und als Nachahmung. In den Monaten darauf folgte über neue Forschungen und technologische Untersuchungen schließlich die Verwandlung zu Raffael und Werkstatt. Blödsinn, behauptet Roman Herzig: "Wäre Raffael jemals in die Nähe dieses Bildes gekommen, hätte er seinem Gehilfen den Pinsel aus den Händen reißen müssen", ist der österreichische Altmeisterspezialist überzeugt. Eher eine zeitgenössische Kopie, sagt er und beziffert den Marktwert um die 20.000 Euro.

Jedenfalls hatte das Städel für November 2012 eine Ausstellung angekündigt, in der das päpstliche Propagandabild der anerkannten Fassung aus dem Bestand der Uffizien und dem Original der National Gallery gegenübergestellt würde. Diese wurde nun um ein Jahr verschoben. Nicht weil es Zweifel gäbe, sondern weil die Leihgaben aus Florenz und London erst dann zur Verfügung stünden.

Wie geplant steht dagegen derzeit (bis 3. 2. 2013) die auf sein Zeichnungsoeuvre fokussierte Schau auf dem Programm. Und da geht es um gehörige Werte, wie eine kommende Woche bei Sotheby's (London, 5. 12.) zur Auktion kommende Zeichnung beweist, die von jeher über alle Zweifel erhaben ist. Um die 15 Millionen Pfund soll der aus einer legendären britischen Sammlung stammende Apostelkopf bringen, der zu den Schlüsselfiguren der 1520 geschaffenen Verklärung Christi (Vatikanische Pinakothek) zählt.

Den Rekord in dieser Kategorie hält vorläufig noch ein anderes Kopferl: eine Studie der Urania (Parnass-Fresko, Vatikan), die (taxiert auf 12 bis 16 Mio. Pfund) im Dezember 2009 bei Christie's bis zu 26,16 Millionen Pfund (32,19 Mio. Euro) begeistert hatte.   (Olga Kronsteiner

 

  • Um die 15 Millionen erwartet Sotheby's für Raffaels Apostelkopf.
    foto: sotheby's

    Um die 15 Millionen erwartet Sotheby's für Raffaels Apostelkopf.

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Bei Van Ham gefiel die Studie eines Rokokomeisters - bis zu 112.000 
Euro.
    foto: van ham

    Bei Van Ham gefiel die Studie eines Rokokomeisters - bis zu 112.000 Euro.

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