Warum wir keine Wertungen für Videospiele vergeben

1. Dezember 2012, 10:43
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Spiele sind kreative Erzeugnisse, die Emotionen hervorrufen und keine Hautcremen.

Wertungssysteme für Spiele, Filme, Musik und Literatur sind etwas Magisches. Sie sorgen dafür, dass Kritiker wie Leser die Qualität eines Werks an einer einzigen Zahl festmachen können. Ein gutes Spiel beispielsweise erhält 8/10 Punkten, ein ausgezeichnetes 10/10 Punkten und ein wirklich schlechtes Spiel bekommt eine 4/10.

In der Theorie klingt das alles fantastisch. Das Problem: In der Praxis funktioniert es nicht.

Ein einziges Schlamassel

Die Wurzel allen Übels ist, dass Zahlen eine Vergleichbarkeit und mathematische Objektivität suggerieren. Doch abgesehen von direkten Kopien (sofern sie vorkommen) sind Spiele, Filme, Musik, Literatur nur in den seltensten Fällen eins zu eins vergleichbar und Rezensionen sind niemals objektiv.

Einem Kritiker mag ein Spiel wahnsinnig gefallen, während ein anderer sich an den negativen Aspekten stößt. Und das ist auch gut so, denn so erhalten Leser verschiedene Meinungen und Argumente und können sich anhand der Texte selbst ein Bild machen bzw. entscheiden, welche Argumente für einen persönlich mehr und welche weniger Gewicht haben. Doch schließt ein Rezensent seine Besprechung mit einer Zahl ab, hat es etwas Endgültiges. Eine 8/10 gibt einem Spiel das universelle Prädikat "gut". Welche Kriterien und Motive für diese Bewertung dahinterstehen, fällt unter den Tisch.

Zahlen, die gar nichts sagen

Die Aussagelosigkeit dieses Konzepts kulminiert schlussendlich in Meta-Bewertungsplattformen, die aus vielen Quellen die Bewertungen sammeln, um dann einen Durchschnitt zu errechnen. Eigentlich ein optimales System, könnte man meinen, denn so werden gute und schlechte Noten zusammengeführt. Doch wie aussagekräftig sind solche Durchschnittswertungen? Verlässt man sich auf  Metacritic.com, sind laut den Kritikern "Persona 4 Golden", "Punch Quest" und "Mark of the Ninja" die besten Spiele des Jahres. Glaubt man wiederum den Spielerbewertungen ist "FIFA 13" eines der schlechtesten Spiele aller Zeiten. Wirklich?

Hinzukommt bei Metacritic, dass Medien, die keine Wertung vergeben, überhaupt nicht miteinbezogen werden. Anstatt die Meinungen und Argumente in den Vordergrund zu stellen, fördert dieses System die Reduktion der Inhalte auf Zahlen und verwässert so jegliche Kritik.

Orden vor den Augen

Anstelle aber Inhalte zu diskutieren, scrollen Leser direkt zur Wertung und streiten sich in Foren über "faire" 6/10s und "unfaire" 9/10s, während Journalisten ihre Anstrengungen dahingehend verlagern, sich ein ausgefeiltes Wertungssystem zu überlegen oder kapitulieren und unter jeden zweiten Test eine 8/10 setzen.

Schlussendlich profitiert davon nur einer: Der Hersteller, der seine Spielepackungen mit gut aussehenden, aber nichtssagenden Zahlen und glitzernden Bestnoten in Form von Orden ziert.

Spiele sind keine Hautcreme

Es ist ein Unsinn, der hier betrieben wird. Spiele, Filme, Musik und Literatur sind kreative Erzeugnisse, die Emotionen hervorrufen und keine Hautcremen, deren Inhaltsstoffe auf Wirksamkeit in Labors untersucht werden können.

Deshalb wird es im GameStandard auch in Zukunft kein Wertungssystem geben. (Zsolt Wilhlem, derStandard.at, 1.12.2012)

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    foto: rovio; montage: zsolt wilhelm

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