Auf Herbergssuche

30. November 2012, 17:02
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Vom Verdrängten im Sigmund-Freud-Park - Von Julya Rabinowich

Herbergssuche reloaded: Der Refugee March hat haltgemacht. Im Nobelbezirk. Gut sichtbar zur besinnlichen Adventzeit. Die Flüchtlinge, die ihre Grundversorgung riskieren, sind vermutlich an den Grenzen ihrer Verzweiflung angelangt. Regelmäßig tauchen Berichte auf, die die Zustände in manchen Unterkünften beschreiben: Schimmel, zu wenig oder verdorbene Lebensmittel, keine Arztbesuche, kein Unterricht für die Kinder, die wertvolle Entwicklungszeit verlieren, komplette Isolation.

Ich habe über vier Jahre als Dolmetscherin in Betreuungszentren gearbeitet: Was jetzt an die Medienoberfläche gespült wird, ist exakt das, was ich, über diese vier Jahre verteilt, immer wieder hörte. Manche Pensionen habe ich besucht, eine dokumentiert: Über die Wände vom ersten in den zweiten Stock fließendes Wasser, zwei ramponierte Herde für 40 Personen, am Samstag wegen fehlerhaften Stromnetzes fliegende Sicherungen, die erst am Montag wieder aufgedreht werden - während den Flüchtlingen die Lebensmittel im Kühlschrank verderben und kleine Kinder zwischen Kerzen in engen Räumen spielen - der Betreiber stand auf " flirting with disaster". Auf Staatskosten.

Die Forderung der Flüchtlinge, man möge die Dolmetscher austauschen, klingt vielleicht eigenartig. Ich aber verstehe diese Forderung. Zu oft gab es falsch übersetzte Verhandlungen und Befragungen. Unsere Klienten investierten viel Kraft, um diese teils fatalen Irrtümer wieder aufzuklären - manchmal erfolglos. Dabei ging es um Hierbleiben oder Abgeschobenwerden. Die Behörden eines demokratischen Staates sollten fähig sein, qualifiziertes Personal einzustellen, auch um die explodierenden Kosten in den Griff zu bekommen.

Billig gekauft ist im Endeffekt teuer gekauft, nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für den Staat. Scheinbar gewollt: Für die Saualm war mehr als genug Geld vorhanden. Der Protest ist für viele nicht verständlich. Man hätte es ja zu Hause schlimmer gehabt. Aber: Ich freu mich auch nicht über eine Lungenentzündung, wenn ich gerade der Pest entkommen bin. Und wenn Ihnen jemand statt des Arms nur das Handgelenk bricht, schmerzt auch dies. Die Missstände des Staates, das verlorene Potenzial jener, die ausgebildet nicht arbeiten dürfen, während sie auf ihren Bescheid warten, die steigenden Arztkosten aufgrund gesundheitsgefährdender Unterkünfte, all das wird weiter bestehen, wenn der Protest ausschließlich von den Betroffenen selbst kommt: Auch die Saualm wurde erst geschlossen, als die Anrainer sich solidarisierten.

Die Stimme der Flüchtlinge ist wichtig. Wir brauchen aber einen Chor. Was man heute den Flüchtlingen antut, kann morgen auch einem notleidenden Staatsbürger passieren.    (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 1/2.12.2012)

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