In den offenen Weiten der Literatur

Ingrid Bertel
30. November 2012, 18:49

Von Wegen durch das Europa der Migranten, von Routen der Wörter durch die Geschichte erzählt Zsuzsanna Gahse in ihrem "Südsudelbuch"

Großvater Endre wollte ein wunderbarer Clown sein und auch ein großer Künstler. Mit 19 spielte er den Barpianisten in Granada, klimperte Lieder aus der Fledermaus und dem Bettelstudenten, und das nahm sich in den 1920ern in Andalusien ziemlich fremd aus. Einen halbherzigen Versuch, nach den Spuren dieses Großvaters zu suchen, unternimmt die Erzählerin und findet - zu ihrem und mancher Spanier Glück - einen " Jedermannsgroßvater".

Gegenwart und Vergangen- heiten fließen im Südsudelbuch der in Ungarn geborenen und der Schweiz lebenden Schriftstellerin und Übersetzerin Zsuzsanna Gahse zu irisierenden Bildern ineinander. Alle sind unentwegt unterwegs. "Cric crac!" machen die Beine von Kleinzack in Offenbachs phantastischer Oper Hoffmanns Erzählungen. Da singt die Erzählerin mit und weiß sich doch gefeit vor einem "cric crac!". Denn sie beobachtet Menschen beim Gehen, imitiert einen Hüftschwung, einen schnellen Salsa-Schritt und würde am liebsten täglich zehn Kilometer gehen.

"Joghurt ist ein Fremdwort, ein Wanderwort, das sich durchgesetzt hat, aber die Speise, die hinter der Bezeichnung steckt, schmeckt in jedem Land anders." Was das türkische Joghurt vom österreichischen unterscheidet, und warum ein Spanier das Schweizer Joghurt möglicherweise nicht verträgt, darüber spricht die Erzählerin mit dem Fotografen Tokoll bei einer Tagung mit dem Thema "Migration und Gegenwart" - die Themen dieser Tagung tauchen im Südsudelbuch immer wieder unter der ironischen Vignette "Joghurtthema" auf. Einigermaßen irritiert bemerken die beiden nämlich, wie der literarische Markt Migrationsgeschichten vermarktet, die Sucht der Juroren nach "Büchern, in denen jemand die eigene ausländische Vergangenheit beschrieb".

Tokoll und die Erzählerin sind keine bodenständigen Inländer, und sie stellen eine Liste aller Umherziehenden auf. Neben dem Keinländer stehen da "Urlauber, Weltreisende, Forscher, Sportler, Outsider, Angeber, Künstler und Jubilare, Verletzte, Verschleppte, Vertriebene, Au-pair-Mädchen, Schmuggler, Diplomaten, Außenminister, Söldner, Bootsleute, Agenten, Terroristen, auch Fotografen, eingebettete Berichterstatter, Filmemacher". Der Hohn, mit dem Gahse das Salonfähige der Migrationsgeschichten übergießt, ist vollkommen. Denn weil sie viel in Zügen oder Flugzeugen sitzt, kennt sie die ganz und gar nicht salonfeine Art, mit der die Einheimischen den Umherziehenden entgegentreten: "Sie tragen Sonnenbrillen und lächeln, und bevor sie etwas Gewichtiges sagen, betonen sie das Wort Rechtsstaatlichkeit, mit diesem Stichwort holen sie Luft, und nachher sagen sie Dinge, die nicht in Ordnung sind, was sie wissen, aber sie lächeln."

Gahse verbindet eine klare politische Haltung mit einer offenen Frage: Müssen wir uns wirklich über unsere persönliche Vergangenheit entdecken? Könnte die Erkundung der Wörter, ihrer Wanderbewegungen nicht deutlichere Auskunft über uns selbst geben? Welche Wörter haben die Wandernden in einer Landschaft zurückgelassen? Und wie hat die Gegend sich diese Wörter angeeignet? Tokoll überreicht der Ich-Erzählerin eine Wortliste, "weil er meint, dass Wörter selbständige Geschichten sind. Nicht alle, aber viele." Auch Gespräche sind "die eigentlichen Geschichten", betont Gahse - und ihr Buch ist nicht nur ein waches, fröhliches Gespräch mit Tokoll, es ist vor allem und immer wieder ein Gespräch mit dem Leser, und es ist eine höchst beglückende Erfahrung, von einer Autorin so direkt angesprochen, so auf Augenhöhe behandelt zu werden.

Statt der geschlossenen Romanwelt bietet Gahse ihren Leserinnen und Lesern die offene Weite der Literatur. Anton etwa unterhält sich öfters mit Tokoll. Anton hat Probleme mit der Lunge, sitzt gern unter Kirschbäumen - und ist also unschwer als Anton Cechov auszumachen. Zu seinem Gartenfest kommt auch Nathalie Sarraute, es entsteht ein pulsierendes Gespräch, gespeist aus zartesten Beobachtungen und messerscharf geschliffenen Sätzen.

Den Blick und die zupackende Kraft des Bildhauers hat dann die Autorin - und wenn sich Cervantes ins Gespräch mischt, öffnen sich ihre Augen weit. Bewundernd registriert sie seine Fähigkeit, sich moralischer Urteile zu enthalten und fügt seinen Geschichten von der Schwierigkeit einer multikulturellen Sozietät der Besserwisser eine zarte Note hinzu. "Übersetzen" nennt sie das, eine bereits vorhandene Perspektive neu zu sehen. Niemand hat das so gut erkannt wie Peter Esterházy, dessen Bücher sie übersetzt hat. "Sie planscht nie in der Sprache herum", meinte er, " sie bewahrt sich immer die Freiheit und die Disziplin der Draufsicht von außen." Und er vergleicht sie mit James Joyce.

Das Panorama, das Zsuzsanna Gahse, die europäische Denkerin, entwirft, ist aus Kenntnis und Leichtigkeit zustande gekommen. Es ist ein " Lichtbuch", um auf den Titel eines weiteren Werks von Gahse anzuspielen, und eine der schönsten Pirouetten in diesem Buch gilt einer Bootsfahrt auf dem Bodensee: "Gleich drauf drehte sich die Fähre mitten im See zweimal um die eigene Achse. Panoramablick ist kein Wort dafür, was wir zu sehen bekamen. Die Berge, die Weinhänge an den Ufern, die Alpen in der Ferne, der ganze See und das Licht drehten sich."   (Ingrid Bertel, Album, DER STANDARD, 1./2.12.2012)

Zsuzsanna Gahse, "Südsudelbuch". € 21,- / 176 Seiten. Edition Korrespondenzen, Wien 2012

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