Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate
Großvater Endre wollte ein wunderbarer Clown sein und auch ein großer Künstler. Mit 19 spielte er den Barpianisten in Granada, klimperte Lieder aus der Fledermaus und dem Bettelstudenten, und das nahm sich in den 1920ern in Andalusien ziemlich fremd aus. Einen halbherzigen Versuch, nach den Spuren dieses Großvaters zu suchen, unternimmt die Erzählerin und findet - zu ihrem und mancher Spanier Glück - einen " Jedermannsgroßvater".
Gegenwart und Vergangen- heiten fließen im Südsudelbuch der in Ungarn geborenen und der Schweiz lebenden Schriftstellerin und Übersetzerin Zsuzsanna Gahse zu irisierenden Bildern ineinander. Alle sind unentwegt unterwegs. "Cric crac!" machen die Beine von Kleinzack in Offenbachs phantastischer Oper Hoffmanns Erzählungen. Da singt die Erzählerin mit und weiß sich doch gefeit vor einem "cric crac!". Denn sie beobachtet Menschen beim Gehen, imitiert einen Hüftschwung, einen schnellen Salsa-Schritt und würde am liebsten täglich zehn Kilometer gehen.
"Joghurt ist ein Fremdwort, ein Wanderwort, das sich durchgesetzt hat, aber die Speise, die hinter der Bezeichnung steckt, schmeckt in jedem Land anders." Was das türkische Joghurt vom österreichischen unterscheidet, und warum ein Spanier das Schweizer Joghurt möglicherweise nicht verträgt, darüber spricht die Erzählerin mit dem Fotografen Tokoll bei einer Tagung mit dem Thema "Migration und Gegenwart" - die Themen dieser Tagung tauchen im Südsudelbuch immer wieder unter der ironischen Vignette "Joghurtthema" auf. Einigermaßen irritiert bemerken die beiden nämlich, wie der literarische Markt Migrationsgeschichten vermarktet, die Sucht der Juroren nach "Büchern, in denen jemand die eigene ausländische Vergangenheit beschrieb".
Tokoll und die Erzählerin sind keine bodenständigen Inländer, und sie stellen eine Liste aller Umherziehenden auf. Neben dem Keinländer stehen da "Urlauber, Weltreisende, Forscher, Sportler, Outsider, Angeber, Künstler und Jubilare, Verletzte, Verschleppte, Vertriebene, Au-pair-Mädchen, Schmuggler, Diplomaten, Außenminister, Söldner, Bootsleute, Agenten, Terroristen, auch Fotografen, eingebettete Berichterstatter, Filmemacher". Der Hohn, mit dem Gahse das Salonfähige der Migrationsgeschichten übergießt, ist vollkommen. Denn weil sie viel in Zügen oder Flugzeugen sitzt, kennt sie die ganz und gar nicht salonfeine Art, mit der die Einheimischen den Umherziehenden entgegentreten: "Sie tragen Sonnenbrillen und lächeln, und bevor sie etwas Gewichtiges sagen, betonen sie das Wort Rechtsstaatlichkeit, mit diesem Stichwort holen sie Luft, und nachher sagen sie Dinge, die nicht in Ordnung sind, was sie wissen, aber sie lächeln."
Gahse verbindet eine klare politische Haltung mit einer offenen Frage: Müssen wir uns wirklich über unsere persönliche Vergangenheit entdecken? Könnte die Erkundung der Wörter, ihrer Wanderbewegungen nicht deutlichere Auskunft über uns selbst geben? Welche Wörter haben die Wandernden in einer Landschaft zurückgelassen? Und wie hat die Gegend sich diese Wörter angeeignet? Tokoll überreicht der Ich-Erzählerin eine Wortliste, "weil er meint, dass Wörter selbständige Geschichten sind. Nicht alle, aber viele." Auch Gespräche sind "die eigentlichen Geschichten", betont Gahse - und ihr Buch ist nicht nur ein waches, fröhliches Gespräch mit Tokoll, es ist vor allem und immer wieder ein Gespräch mit dem Leser, und es ist eine höchst beglückende Erfahrung, von einer Autorin so direkt angesprochen, so auf Augenhöhe behandelt zu werden.
Statt der geschlossenen Romanwelt bietet Gahse ihren Leserinnen und Lesern die offene Weite der Literatur. Anton etwa unterhält sich öfters mit Tokoll. Anton hat Probleme mit der Lunge, sitzt gern unter Kirschbäumen - und ist also unschwer als Anton Cechov auszumachen. Zu seinem Gartenfest kommt auch Nathalie Sarraute, es entsteht ein pulsierendes Gespräch, gespeist aus zartesten Beobachtungen und messerscharf geschliffenen Sätzen.
Den Blick und die zupackende Kraft des Bildhauers hat dann die Autorin - und wenn sich Cervantes ins Gespräch mischt, öffnen sich ihre Augen weit. Bewundernd registriert sie seine Fähigkeit, sich moralischer Urteile zu enthalten und fügt seinen Geschichten von der Schwierigkeit einer multikulturellen Sozietät der Besserwisser eine zarte Note hinzu. "Übersetzen" nennt sie das, eine bereits vorhandene Perspektive neu zu sehen. Niemand hat das so gut erkannt wie Peter Esterházy, dessen Bücher sie übersetzt hat. "Sie planscht nie in der Sprache herum", meinte er, " sie bewahrt sich immer die Freiheit und die Disziplin der Draufsicht von außen." Und er vergleicht sie mit James Joyce.
Das Panorama, das Zsuzsanna Gahse, die europäische Denkerin, entwirft, ist aus Kenntnis und Leichtigkeit zustande gekommen. Es ist ein " Lichtbuch", um auf den Titel eines weiteren Werks von Gahse anzuspielen, und eine der schönsten Pirouetten in diesem Buch gilt einer Bootsfahrt auf dem Bodensee: "Gleich drauf drehte sich die Fähre mitten im See zweimal um die eigene Achse. Panoramablick ist kein Wort dafür, was wir zu sehen bekamen. Die Berge, die Weinhänge an den Ufern, die Alpen in der Ferne, der ganze See und das Licht drehten sich." (Ingrid Bertel, Album, DER STANDARD, 1./2.12.2012)
Zsuzsanna Gahse, "Südsudelbuch". € 21,- / 176 Seiten. Edition Korrespondenzen, Wien 2012
Schweigen ist Silber - Fragen ist Gold: eine Annäherung an Padgett Powells fragwürdigen "Roman in Fragen"
Zweimal Rom: Dante Andrea Franzettis kratzbürstige Hommage an die Ewige Stadt ergänzt Johannes Mahrs Anthologie
Die Dichtung von Ales Steger: ein faszinierender, vielfältiger Poesie-Körper
Elisabeth Edl hat Gustave Flauberts Roman "Madame Bovary" neu übersetzt. Im Interview spricht sie über gefährliche Frauen und harte Nüsse
Diagnose: grassierende Leere in Suburbia. Austin Wrights virtuoser Buch-im-Buch-Roman "Tony & Susan" wurde wiederentdeckt
Mit "pound in pisa. Die Badeküsser" zieht Ronald Pohl eine poetische Spur durch die Höhen und Tiefen einer Epoche
Weiter schreiben: Mit "Urkundenfälschung" legt der in Paris lebende Schweizer Schriftsteller seinen fünften Journalband vor
Wie leben? Ganz einfach: Montaigne lesen! Die Engländerin Sarah Bakewell hat eine große Denk-Biografie des französischen Philosophen und Essayisten geschrieben
Felix Dörmanns Roman "Jazz" aus 1925 wird zur richtigen Zeit wiederaufgelegt
In seinem polyfonen Roman "Aus den Fugen" arrangiert Alain Claude Sulzer einen musikalischen Reigen der Unzufriedenen
"Peter Handke im Gespräch" mit Hubert Patterer & Stefan Winkler
Vor seinem Wien-Besuch sprach der Schriftsteller Martin Walser über sein neues Buch und sein Leitthema Rechtfertigungen
Amaryllis Sommerer ist auch in ihrem dritten Krimi "Ulrich und seine Täter" eine geniale Wortklauberin
Ein fünffacher Tod und wechselnde Identitäten als Aufarbeitung eines ganzen Jahrhunderts: Jenny Erpenbeck über "Aller Tage Abend"
Helwig Brunner und Stefan Schmitzer streiten sich über Lyrik
Helge Timmerberg ist einer der bekanntesten Reiseschriftsteller. Wie er zu diesem Metier kam und wie er es heute ausübt, erzählt er ihm Interview
Karen Duve übt Sozialkritik im Gewand von Märchen: Hier gibt es keine Rosenranken, nur Gewalt und Einsamkeit
Erlösungswünsche und Terror: Hermann Ungars Schülergeschichte als eine meisterhafte Parabel auf die gespenstische Zwischenkriegszeit
Der weltreisende Autor Christoph Ransmayr über ausgetretene Pfade, Angst als Strategie zum Überleben und den Handel mit Paradiesen
"Das Blaue Buch" der Schottin A. L. Kennedy ringt mit der Wirklichkeit und ist selbst ein Zauberbuch: sensibel, rätselhaft, abgründig
Peter Handke brilliert und amüsiert mit seinem "Versuch über den Stillen Ort"
In der Wüste hinterlässt man keine Spuren: Wolfgang Herrndorfs großartig verschrobener Agenten- und Realitätenthriller "Sand"
Stephan Thome schickt in seinem Roman "Fliehkräfte" einen Mann, dem auf dem Karussell des Lebens schwindlig wurde, auf eine Reise
"Spiele der Stadt - Glück, Gewinn und Zeitvertreib" und "Zoo der imaginären Tiere"
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.