Maturantin im Dienst

3. November 2012, 05:40
1 Posting

Als Frau im Ersatz-Zivildienst: "Wer keine Lust hat, belastet eher das System"

Viele Menschen sind sich, wenn sie das Wort "Behinderter" aussprechen, nicht ganz sicher, ob man das noch so sagen darf. Für Malena Teufelhart stellt sich diese Frage nicht. Die "behinderten Kinder", wie sie sie nennt, sind für sie begrifflich keine "Menschen mit besonderen Bedürfnissen" oder "gehandicapt" und das nicht aus Respektlosigkeit, sondern weil sie "ihr Alltag" sind, wie sie sagt. Schon nach zwei Monaten.

Malena Teufelhart ist eine quirlige, einfühlsame junge Frau, gerade 19 Jahre alt geworden. Wenn sie begeistert erzählt, überschlägt sich ihre Stimme, und trotzdem strahlt sie Gelassenheit aus. Vermutlich ist sie perfekt für den Job, der eigentlich keiner ist: Seit Oktober ist sie " FSJlerin".

Wie sie absolvieren im Jahr durchschnittlich 400 Österreicher ein Freiwilliges Soziales Jahr. Fast 90 Prozent davon sind Frauen. Der Deal: 34 Wochenstunden Arbeit in einer sozialen Einrichtung, "Bildungs- und Berufsbildungselemente", sechs bis zwölf Monate lang. Offen steht es jedem, der Familienbeihilfe beziehen kann, zusätzlich dazu bekommen die jungen Menschen ein "Taschengeld", insgesamt: rund 300 Euro im Monat.

Für Teufelhart habe das Geld aber sowieso keine Rolle gespielt. "Ich wollte eine Auszeit vom typischen Dasitzen und Wissen aufnehmen", sagt die Maturantin. Nun ist sie überzeugt, "Erfahrungen fürs Leben" zu sammeln. Zu lernen, ohne lernen zu müssen.

Teufelhart arbeitet in einer Kinder- und Jugend-WG der Caritas. Acht Kinder, die jeden Tag von ein bis zwei Betreuern, einem Praktikanten und ihr versorgt werden. Zwei der Kinder sitzen im Rollstuhl, ein Mädchen ist blind, zwei können ein bisschen sprechen, verstehen würden sie die meisten. "Eigentlich sind sie alle wie jedes andere Kind. Sie wollen spielen, Aufmerksamkeit, manchmal nicht hören." Teufelhart richtet Jausen, wascht Wäsche, geht einkaufen, sie zieht die Kinder um, beschäftigt sie oder begleitet sie zur Therapie - "Ich unterstütze die Pädagogen, aber ohne Verantwortung zu tragen."

Nach den elf Monaten will Teufelhart Ergotherapie studieren, wie ihre Mutter. Sie hofft, dass ihr das Soziale Jahr bei der "ur schweren" Bewerbung an der Fachhochschule von Vorteil sein wird. Bis dahin wolle sie sich aber auch noch anderweitig umsehen, "sich finden". Durch die flexiblen Arbeitszeiten kann sie Uni-Vorlesungen probeweise besuchen.

All ihre Freundinnen studieren, ihre männlichen Schulkollegen sind beim Heer oder Zivildiener. Sollten alle verpflichtend ein Jahr im Dienst der Gesellschaft leisten? Sie sei gegen "Zwangsverpflichtungen", vielen würde es jedoch "bestimmt guttun", glaubt Teufelhart. "Aber wer keine Lust hat, ist vermutlich eher eine Belastung als eine Bereicherung für das System." (mika, DER STANDARD, 30.11.2012)

Share if you care.