Eine interpretierte Liaison

29. November 2012, 19:38
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Rüstungsindustrie finanziert Friedensaktivismus? Esther Vilars Geschichtsklitterung "Mr. & Mrs. Nobel" wurde in Wien uraufgeführt

Wien - Besondere Ereignisse verlangen einen speziellen Rahmen. Da es sich bei der neuen Produktion des Volkstheaters in den Bezirken um keine Klassikerrestaurierung, sondern eine Uraufführung handelt, wurde zur Premiere statt in die gewohnte Mehrzweckhalle ins Theater Akzent gebeten.

Das derart suggerierte Gefühl von Bedeutsamkeit führte sogar so weit, dass sich ein Besucher genötigt sah, Esther Vilars Geschichtsklitterung Mr. & Mrs. Nobel mit lauten Buhrufen zu bedenken. Dass das Stück der einstigen Provokateurin (Der dressierte Mann) oder Doris Weiners Inszenierung alleine derart große Emotionen hervorrief, erscheint eher unwahrscheinlich.

Erzählt wird von der Beziehung zwischen Bertha von Suttner und Alfred Nobel, für den die spätere Friedensaktivistin 1876 einige Tage lang als Privatsekretärin arbeitete. Das Ergebnis war eine lebenslange Freundschaft und, in der Vision Vilars, eine geheime große Liebe, die letztendlich zur Stiftung des Nobelpreises durch den Waffenproduzenten führte. Als Bertha von Suttner 1906 selbst den Friedensnobelpreis erhält, führt sie sich die Liaison noch einmal vor Augen.

Spoilergefahr besteht hier nicht, die ganze Geschichte wird von der Gräfin (Elfriede Schüsseleder) bereits am Beginn erzählt. In straffen 75 Minuten Nettospielzeit wird man daraufhin Zeuge des Angekündigten. Die Interaktionen zwischen der finsteren Alten und ihrem aufgeweckten jüngeren Ich (Nina Horváth) sorgen - neben Irene Pernsteiners Kurzauftritt als Nobels spätere dumpfbackige Freundin Sofie Hess - für kurze Momente der Heiterkeit.

Alexander Lhotzkys Alfred Nobel wirkt mit Vollbart und Automatenkichern in der düsteren Historienkulisse (Hans Kudlich) wie eine Leihgabe von Madame Tussauds. Michael Schusser ist als Arthur von Suttner kaum gefordert.

Das Interesse Vilars scheint jedoch nur am Rande Bertha von Suttners Gefühlen zu gelten. Zentraler ist die Frage, wie weit sich Friedensaktivismus durch die Rüstungsindustrie finanzieren lassen kann. Eine Antwort hat die Autorin jedoch selbst nicht.    (Dorian Waller, DER STANDARD, 30.11.2012)

Bis 20. 12.

  • Die junge und die alte Bertha von Suttner: Elfriede Schüsseleder (li.) und Nina Horváth in Esther Vilars "Mr & Mrs. Nobel", Volkstheater in den Bezirken.
    foto: jodlbauer

    Die junge und die alte Bertha von Suttner: Elfriede Schüsseleder (li.) und Nina Horváth in Esther Vilars "Mr & Mrs. Nobel", Volkstheater in den Bezirken.

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