Lehrerbildung: Schule der Walefanten

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  • Bildungsexperte Hopmann: mehr Kontrolle statt Qualität.
    foto: standard/urban

    Bildungsexperte Hopmann: mehr Kontrolle statt Qualität.

Neue Erkenntnisse aus der Fabelwesen-Forschung am Beispiel der geplanten "Zwangsverheiratung" von Universitäten und Pädagogischen Hochschulen zum vermeintlichen Wohle der Lehrerschaft und ihrer Grund-, Fort- und Weiterbildung

Der Ministerrat von Kakanien wollte endlich auch einmal Weltspitze sein. Also beschloss er, die größten Land- und Meerestiere, die Elefanten und die Wale, sollten sich zu Walefanten vereinigen. Der unschlagbare Nachwuchs würde an Wasser und Land alles andere überragen und so vielleicht ein paar zusätzliche Touristen ins Land locken. Da beide Säugetiere sind, würde das schon irgendwie passen. Die Elefanten wurden hinunter zum Strand getrieben. Aber noch ehe sie sich mit den Walen vereinen konnten, steckten sie mit ihren schweren Hufen hilflos im Sand fest. Die Wale wurden ihnen entgegen gejagt. Aber auch diese lagen bald felsenfest am Strand. Die Regierung lobte sich: So nahe seien Wale und Elefanten einander noch nie gekommen. Hätte nicht ein gewaltiger Sturm den Sand aufgewirbelt und das Wasser den Strand überspült, sodass die Elefanten auf das Festland und die Wale zurück ins Meer konnten, säßen noch heute beide fest verwurzelt als Gerippe an den Stränden von Kakanien ...

Was das mit Lehrerbildung zu tun hat? Nun, der österreichische Ministerrat hat in seiner unermesslichen Weisheit endlich beschlossen, die Lehrerbildung grundlegend zu reformieren. Viele gute Ideen kommen dabei zur Sprache. Nur die Grundannahmen sind falsch. Denn die Regierung will, dass Universitäten und Pädagogische Hochschulen zwangsverheiratet werden und jede der anderen gibt, was ihr angeblich fehlt.

Deshalb sollen die Universitäten von den Pädagogischen Hochschulen die Praxisnähe beziehen und ihnen umgekehrt den Zugang zu Wissenschaften ermöglichen. Das sind beides unerträgliche Klischees. Tatsächlich ist ein großer Teil der praxisnahen Forschung und Lehre heute an den Universitäten zu Hause, nicht zuletzt in den Fachdidaktiken und der Bildungswissenschaft. Auf der anderen Seite haben die Pädagogischen Hochschulen alles, was möglich war, unternommen, um ihre wissenschaftlichen Grundlagen zu stärken.

Nun soll aber beiden durch Zwangskopulation die Weiterentwicklung abgeschnitten werden. Den Universitäten wird verweigert, in der gesamten Lehrerbildung von der Grundbildung über die Berufseinführung bis hin zur Fort- und Weiterbildung tätig zu werden. Den Pädagogischen Hochschulen werden die notwendige Autonomie und die Ressourcen verwehrt, sich tatsächlich in wissenschaftliche Einrichtungen zu verwandeln. Wenn es jedoch eine eindeutige Lehre aus der Geschichte der Lehrerbildung gibt, dann die, dass erfolgreiche Lehrerbildung aus einem Guss sein muss. In Wirklichkeit geht es auch gar nicht um Qualität, sondern um Kostenneutralität und Kontrolle. Symbolische Verschmelzungen sollen faktische Verbesserungen ersetzen. Man muss kein Prophet sein, um das Ergebnis einer solchen Reform vorherzusagen. In ihr altes Korsett eingequetscht werden Universitäten und Pädagogische Hochschulen die Türschilder auswechseln, aber ansonsten notgedrungen im Wesentlichen so weiter machen wie bisher. Es wird den Studierenden überlassen bleiben, einen gemeinsamen Sinn in der Lehrerbildung zu entdecken, den schon die Veranstalter nicht finden konnten.

All das wird die Regierung nicht daran hindern, stolz zu verkünden, man habe die Lehrerbildungseinrichtungen näher zueinander gebracht als je zuvor: Walefanten in Sicht! Vielleicht wird man gleich danach das nächste genetische Großprojekt vollenden, nämlich endlich die Eier legende Wollmilchsau zu züchten, also die inklusive, gymnasiale Gemeinschaftsganztagsgesamtmittelschule mit standardisierter Individualisierung und getestetem Lernerfolg.

Selbstverständlich geht auch das kostenneutral, denn die Lehrkräfte schaffen ja bekanntlich bislang eh nichts, oder? Leider ist zu befürchten, dass sich kein Sturm der Entrüstung erheben und diese Fabelwesen dorthin verjagen wird, wo sie allein hingehören: in die Welt der politischen Märchenerzählungen. (Stefan Thomas Hopmann, DER STANDARD, 30.11.2012)

Stefan Thomas Hopmann ist Professor am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien.

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