Lehrerbildung: Schule der Walefanten

Kommentar der anderen | Stefan Thomas Hopmann
29. November 2012, 19:23
  • Bildungsexperte Hopmann: mehr Kontrolle statt Qualität.
    foto: standard/urban

    Bildungsexperte Hopmann: mehr Kontrolle statt Qualität.

Neue Erkenntnisse aus der Fabelwesen-Forschung am Beispiel der geplanten "Zwangsverheiratung" von Universitäten und Pädagogischen Hochschulen zum vermeintlichen Wohle der Lehrerschaft und ihrer Grund-, Fort- und Weiterbildung

Der Ministerrat von Kakanien wollte endlich auch einmal Weltspitze sein. Also beschloss er, die größten Land- und Meerestiere, die Elefanten und die Wale, sollten sich zu Walefanten vereinigen. Der unschlagbare Nachwuchs würde an Wasser und Land alles andere überragen und so vielleicht ein paar zusätzliche Touristen ins Land locken. Da beide Säugetiere sind, würde das schon irgendwie passen. Die Elefanten wurden hinunter zum Strand getrieben. Aber noch ehe sie sich mit den Walen vereinen konnten, steckten sie mit ihren schweren Hufen hilflos im Sand fest. Die Wale wurden ihnen entgegen gejagt. Aber auch diese lagen bald felsenfest am Strand. Die Regierung lobte sich: So nahe seien Wale und Elefanten einander noch nie gekommen. Hätte nicht ein gewaltiger Sturm den Sand aufgewirbelt und das Wasser den Strand überspült, sodass die Elefanten auf das Festland und die Wale zurück ins Meer konnten, säßen noch heute beide fest verwurzelt als Gerippe an den Stränden von Kakanien ...

Was das mit Lehrerbildung zu tun hat? Nun, der österreichische Ministerrat hat in seiner unermesslichen Weisheit endlich beschlossen, die Lehrerbildung grundlegend zu reformieren. Viele gute Ideen kommen dabei zur Sprache. Nur die Grundannahmen sind falsch. Denn die Regierung will, dass Universitäten und Pädagogische Hochschulen zwangsverheiratet werden und jede der anderen gibt, was ihr angeblich fehlt.

Deshalb sollen die Universitäten von den Pädagogischen Hochschulen die Praxisnähe beziehen und ihnen umgekehrt den Zugang zu Wissenschaften ermöglichen. Das sind beides unerträgliche Klischees. Tatsächlich ist ein großer Teil der praxisnahen Forschung und Lehre heute an den Universitäten zu Hause, nicht zuletzt in den Fachdidaktiken und der Bildungswissenschaft. Auf der anderen Seite haben die Pädagogischen Hochschulen alles, was möglich war, unternommen, um ihre wissenschaftlichen Grundlagen zu stärken.

Nun soll aber beiden durch Zwangskopulation die Weiterentwicklung abgeschnitten werden. Den Universitäten wird verweigert, in der gesamten Lehrerbildung von der Grundbildung über die Berufseinführung bis hin zur Fort- und Weiterbildung tätig zu werden. Den Pädagogischen Hochschulen werden die notwendige Autonomie und die Ressourcen verwehrt, sich tatsächlich in wissenschaftliche Einrichtungen zu verwandeln. Wenn es jedoch eine eindeutige Lehre aus der Geschichte der Lehrerbildung gibt, dann die, dass erfolgreiche Lehrerbildung aus einem Guss sein muss. In Wirklichkeit geht es auch gar nicht um Qualität, sondern um Kostenneutralität und Kontrolle. Symbolische Verschmelzungen sollen faktische Verbesserungen ersetzen. Man muss kein Prophet sein, um das Ergebnis einer solchen Reform vorherzusagen. In ihr altes Korsett eingequetscht werden Universitäten und Pädagogische Hochschulen die Türschilder auswechseln, aber ansonsten notgedrungen im Wesentlichen so weiter machen wie bisher. Es wird den Studierenden überlassen bleiben, einen gemeinsamen Sinn in der Lehrerbildung zu entdecken, den schon die Veranstalter nicht finden konnten.

All das wird die Regierung nicht daran hindern, stolz zu verkünden, man habe die Lehrerbildungseinrichtungen näher zueinander gebracht als je zuvor: Walefanten in Sicht! Vielleicht wird man gleich danach das nächste genetische Großprojekt vollenden, nämlich endlich die Eier legende Wollmilchsau zu züchten, also die inklusive, gymnasiale Gemeinschaftsganztagsgesamtmittelschule mit standardisierter Individualisierung und getestetem Lernerfolg.

Selbstverständlich geht auch das kostenneutral, denn die Lehrkräfte schaffen ja bekanntlich bislang eh nichts, oder? Leider ist zu befürchten, dass sich kein Sturm der Entrüstung erheben und diese Fabelwesen dorthin verjagen wird, wo sie allein hingehören: in die Welt der politischen Märchenerzählungen. (Stefan Thomas Hopmann, DER STANDARD, 30.11.2012)

Stefan Thomas Hopmann ist Professor am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien.

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12 Postings
alles unternommen

Der Behauptung "Auf der anderen Seite haben die Pädagogischen Hochschulen alles, was möglich war, unternommen, um ihre wissenschaftlichen Grundlagen zu stärken." muß stärkstens widersprochen werden. Die PH's haben sich lange ausgeruht und die parteipolitisch "Richtigen" bestellt (und damit eine politische Spielwiese geschaffen), aber Wissenschaft ist das noch lange nicht. Das sich die zumeist AHS- Lehrer um Niveau bemühen, bestreite ich nicht, aber wo ist da das Fleisch auf den Knochen ?

Bravo.

Mehr ist zu dieser brillanten Analyse nicht zu sagen.

Ich halte diesen Text für sehr polemisch.
Als selbst in der Weiterbildung von Lehrkräften Tätiger fällt es mir schwer zu erkennen, wo genau die Universitäten Praxisbezug herstellen.
Vieles was an den Universitäten praxisnahe genannt wird halte ich nach wie vor für realitätsfern.
Leider denke ich, sind Uni und PH nicht die zwei starken Fabeltiere sondern beide - auch aufgrund parteipolitischer Strukturierung - auf Mittelmäßigkeit festgenagelt.
Diese Mittelmäßigkeit wird vielleicht durch Zwang zur Kooperation nicht ausgeräumt, der Status quo erhält aber vielleicht eine Chance auf minimale Verbesserung.
Unis müssten nicht mehr so tun als ob sie Praxisnähe gewährleisten könnten, die PH müsste keine Ressourcen für Forschung aufbringen.

". Aber noch ehe sie sich mit den Walen vereinen konnten, steckten sie mit ihren schweren Hufen hilflos im Sand fest. "

hier stimmt etwas nicht:
1. elefanten haben keine hufe
2. elefanten baden gerne

trotzdem hat er leider nur allzu recht!

Der Walefant heißt SPÖVP.

Und wenn Sie nicht sofort die Hacken zusammenschlagen, geht es Ihnen demnächst so wie Herrn Märk. Dafür wird die Ministerin nach der parteipolitischen Übernahme der anschließend nicht mehr freien Universitäten schon sorgen. Dann dürfen Sie mit viel Glück wirkungslos forschen: im stillen Kämmerlein im Zoo der Weißen Elefanten. So wahr ihr Stalin helfe.

Danke für den Artikel!

Endlich weist jemand darauf hin, dass diese Entwicklung nicht Qualität hervorbringen kann.
Wenn die parteipolitischen Karreristen der PH an der Uni bestehen wollen, müssen sie noch weite Wege gehen. Und es geht nur um mehr Kontrolle von Personen, die nichts oder nur sehr wenig von Forschung und Wissenschaft verstehen. Zusätzlich will man Kosten sparen und verkauft das Modell als einen großartigen Wurf. Die Qualitätsfrage wird nicht gestellt und spielt keine Rolle. Die Lehrerausbildung an der PH ist zweitklassig - auch wenn man sie hochlobt. Die PH-Lehrenden haben oft nicht einmal eine akademische Ausbildung, keine einschlägigen Publikationen und sind meilenweit entfernt von Habilitationen.

Unsinn

Immer wieder schlimm wenn leute die wirklich keine Ahnung haben ihren Senf dazu abgeben.
Aber da ich heute meinen guten Tag habe werde ich ihren Horizont ein wenig erweitern.
An der PH bzw. Pädak (früher) unterrichten in den Fächern die GLEICHEN Professoren wie an der Uni, lediglich in den didaktischen bzw. pädagogischen Fächern gibt es eigene PH - Professoren. (ebenso in der Praxisbetreuung)
Diese "UNI -Professoren" sind ein bis 2 Tage in der Woche an der PH und den Rest der Zeit an der Uni.

Und jetzt erklären sie mir mal warum z.b. der Herr Prof. Dr. Achs (mitunter bekannt durch Österreich II mit Portisch) am Montag ein schlechter "Halbprofessor" und dafür aber dann am Dienstag auf der Uni ein Spitzenmann sein soll.

es gibt mehr Leute, die eine Ahnung davon haben ...

als sie denken ...
vielleicht gibt es SELTENE Ausnahmen, von denen sie hier zu schreiben pflegen. Aber das sind wirklich sehr seltene Ausnahmen!!

....welche kompetenzen braucht man als lehrer an einer wiener pflichtschule im sek1???? herr europademokratie? wissen sie das?

eine ganze Menge von Kompetenzen, auf die die Pädaks, die man in PHs umbenannt hat, noch nie vorbereitet haben

Individualisierung - das Geheimnis guter Schulen

Die Dokumentation von Reinhard Kahl ist die beste Aufklärung im Schulstreit. Informativ und sachlich bietet die DVD (auf amazon unter http://www.amazon.de/Individua... 017&sr=8-1 erhältlich) Informationen über Schulen in Schweden, Finnland, Deutschland, Kanada usw. Aber auch zum Kindergarten und zur Vorschule gibt es Informationen. Diese Dokumentationen sollten im ORF gesendet werden, um die Menschen in unserem Land besser zu informieren mit dem Ziel, dass der Bildungsstreit an Qualität gewinnt.

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