Urteil in Den Haag: Die Moritat von Haradinaj

Kommentar |

Der Groll in Belgrad ist nach dem Freispruch gewaltig

"Denn ein Haifisch ist kein Haifisch, wenn man nichts beweisen kann", heißt es in der Moritat von Mackie Messer in Bertolt Brechts Dreigroschenoper. Selten trafen diese Verse so sehr zu wie im Fall von Ramush Haradinaj. Zumindest aus der Sicht der Serben. Der serbische Staatsanwalt für Kriegsverbrechen hat es den Serben so erklärt: Es konnte niemand gegen Haradinaj aussagen, weil alle Zeugen getötet worden sind.

Der Groll in Belgrad nach dem Freispruch ist gewaltig. Zumal sich die Empörungswelle nach dem Urteil gegen die kroatischen Generäle Ante Gotovina und Mladen Markac noch gar nicht gelegt hat. Die Entrüstung ist umso größer, als in beiden Fällen die Richter des Tribunals feststellten, dass Verbrechen an Serben begangen worden seien, nur dass die Angeklagten mit ihnen nicht in Verbindung gesetzt werden könnten. Zu Recht stellt man in Serbien die Frage: Wird überhaupt jemand wegen der serbischen Opfer zur Rechenschaft gezogen?

So entsteht in Serbien der Eindruck, dass es sich um Siegerjustiz handelt. Das Tribunal erscheint als ein politisches Instrument des Westens - jenes Westens, der sich auf der Seite der Kroaten und der Kosovo-Albaner aktiv am Krieg beteiligt hatte. Nur scheint den Serben niemand mitgeteilt zu haben, dass Serbien die Kriege in Kroatien und im Kosovo verloren hat. Daher die umso größere Wut, daher auch der wachsende EU-Skeptizismus. (Andrej Ivanji, DER STANDARD, 30.11.2012)

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