Melancholie und sanfter Grusel

29. November 2012, 18:19
posten

Trotz altmeisterlicher Virtuosität sind die Gemälde des flämischen Malers Michaël Borremans im Jetzt verankert: Die von ihm beschriebenen Seelenzustände betreffen den Menschen der Gegenwart

 "Magnetics" ist seine Ausstellung bei Bawag Contemporary betitelt.

Wien - Ein dunkler Schleier scheint über ihrem Antlitz zu liegen - den Blicken entrückt, fast verschluckt von Finsternis. Nur das Weiß ihres Hemdchens blitzt aus dem V-Ausschnitt. Magnetics lautet der Titel dieses den Blick in das staubige Umbra ziehende, im Format intime Bild des flämischen Malers Michaël Borremans.

Virtuose Malerei, in deren Rätselhaftigkeit man sich versenkt, deren Stille auch den Betrachter ganz leise werden lässt, deren Qualitäten in Strich und Farbe an den französischen Realisten Gustave Courbet oder den Wegbereiter der Moderne Édouard Manet denken lässt, ist in der Gegenwartskunst rar geworden. Und auch die Bawag Contemporary ist nicht unbedingt der Ort, wo man diese klassische Form von Malerei erwartet hätte. Aber wie so oft ist das Moment der Überraschung gut, sorgt es doch bestenfalls dafür, sich auf etwas einzulassen.

Ein liegendes Mädchen, dessen Kopf in Unschärfe zerrinnt, lässt Michaël Borremans in der Tiefe verschwinden. Es erinnert nicht nur formal an Andrea Mantegnas Beweinung Christi (um 1480), das ein meisterliches Beispiel der Frührenaissance für die Verkürzung eines Körpers ist. Einend wirkt auch die über den Bildern wie dichter Nebel schwebende Trauer, könnte es sich doch bei The Case (2009) ebenso um einen Leichnam handeln wie bei der wie eine Puppe auf dem Gesicht liegenden Figur mit Kapuze The Load (2009). Unheilvoll und bizarr ist - trotz des realistischen Stils - diese Welt, die nur auf und hinter der Leinwand existiert. Und somit ist auch der Sicherheitsabstand für den Betrachter gewahrt; als Beobachter kann er den Grad der Involviertheit dosieren.

Rücken als Panzer

Altmeisterlich gemalt, erinnern die in sich versunkenen, ihr Innerstes verschließenden Figuren mit den dunklen, traurigen Geheimnissen auch ein wenig an die Porträts des Österreichers Markus Schinwald. Der findet seine traumatisierten Protagonisten in Gemälden des 19. Jahrhunderts und lässt diese Fundstücke malerisch überarbeiten.

Borremans arbeitet ebenso mit historischem Bildmaterial; ausgebildet als Fotograf, benutzt er unter anderem alte Aufnahmen, um sie nach seinen Vorstellungen zu verfremden. Auch Schinwalds Gestalten wenden sich oft ab, entziehen sich den Blicken. Der Rücken ist bei beiden ein Panzer, zu dem sich bei Schinwald allerdings noch die Psycho-Prothesen und surrealen Stützapparate gesellen.

Was die Arbeiten des 49-jährigen, vergangene Woche mit dem flämischen Kulturpreis ausgezeichneten Künstlers trotz dieser kunstgeschichtlichen Bezüge zeitgemäß macht, sind vielleicht seine Stillleben. Zwischen den vermeintlichen Porträts auftauchend, zeigen sie in Farbe getauchte Hände, eine bemalte Maske oder einen wie eine Skulptur inszenierten grauen Faltenrock. Allesamt, auch die Porträts, sind sie Stillleben, deren Themen sich nicht aufdrängen. Dennoch schwingen Fragen nach der menschlichen Existenz mit.

Wie Geister spuken unterleib- oder gesichtslose Gestalten, lassen an Auflösung, an in der Gesellschaft zergehende Individuen denken. Assoziationen wie Melancholie, Angst und Verlust liegen nah.    (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD, 30.11.2012)

Bis 17. 2. 2013

  • Transparent und verletzlich: "The Ear" (2011) von Michaël Borremans.
    foto: bawag / zeno x gallery, antwerpen / peter cox

    Transparent und verletzlich: "The Ear" (2011) von Michaël Borremans.

Share if you care.