Arbeit, Freizeit und das Auge des Betrachters

  • Mitch Tölderer ist Bergdoktor in Ausbildung. Bibi Tölderer-Pekarek, Physiotherapeutin.
    foto: privat

    Mitch Tölderer ist Bergdoktor in Ausbildung. Bibi Tölderer-Pekarek, Physiotherapeutin.

  • Abseits gesicherter Pisten am Arlberg hat Bibi ihren Mann Mitch im 
Blick. Die Snowboarder haben Spaß im Tiefschnee - und werden dafür sogar
 bezahlt.
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    foto: sepp malaun

    Abseits gesicherter Pisten am Arlberg hat Bibi ihren Mann Mitch im Blick. Die Snowboarder haben Spaß im Tiefschnee - und werden dafür sogar bezahlt.

  • Mitch Tölderer am Weg ins Tal.
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    foto: jeremy jones

    Mitch Tölderer am Weg ins Tal.

Mitch Tölderer und Bibi Tölderer-Pekarek verbringen ihr Leben gemeinsam auf dem Berg. Im Tal wird nur selten gearbeitet

Innsbruck - Genau das tun, wozu man gerade Lust hat, mit gerade genug Geld im Börsel, aber ohne Blick auf die Armbanduhr. Und das jeden Tag im Jahr. "Ganz", sagt Mitch Tölderer, "ganz geht sich das nicht aus." Schließlich wird auch ein Extremsportler manchmal vom Alltag eingeholt. "Wir haben einen Wasserschaden in unserer Innsbrucker Wohnung. Das beansprucht gerade ziemlich viel Zeit, Nerven und Wege."

Abgesehen davon muss man nicht wirklich Mitleid haben mit dem 37-jährigen Kärntner. Tölderer lebt Snowboarden, und seit 2000 kann er auch davon leben. Gemeinsam mit seiner um drei Jahre jüngeren Partnerin Bibi Tölderer-Pekarek - seit dem Vorjahr sind die beiden verheiratet - wird er für steile Abfahrten im tiefverschneiten Gelände, für Sprünge über mächtige Felsen bezahlt. Sponsoren ermöglichen ihnen, als Arbeit zu bezeichnen, was sie sonst in ihrer Freizeit gemacht hätten. "Die Grenzen verschwimmen", sagt Tölderer. "Ein guter Teil unseres Lebens spielt sich in den Bergen ab." Die besten Fotos und Aufnahmen der beiden, die seit elf Jahren zusammen sind, schaffen es auch in gut dotierte internationale Filmproduktionen und Szenemagazine.

Im Februar 2012 hatten sie etwa den US-amerikanischen Freerider und Produzenten Jeremy Jones zu Gast in Tirol. Sie campierten bei minus 25 Grad Celsius im Karwendel, kämpften sich ganz ohne Gondel bergwärts und wurden dafür mit atemberaubenden Tiefschneeabfahrten belohnt, die im aktuellen Film Further zu sehen sind. "Diesmal musste ich mich nicht um die Finanzierung kümmern. Das war angenehm", sagt Tölderer.

"Mein Leben ist ein einziger Abschreibposten"

Will er mit Bibi und befreundeten Ridern Filmprojekte umsetzen, müssen sie selbst Gelder für Kamera, Filmschnitt und Distribution aufstellen. "Meist hängen wir selbst mit ein paar Tausend Euro drin. Reich werden wir mit den Filmen definitiv nicht." Dafür heißen die Arbeitsplätze auch einmal Alaska, Ecuador, Chile, USA, Kanada, Russland oder Neuseeland. Sind die Sponsoren zufrieden, machen sie Geld für neue Projekte locker. Tölderer: "Mein Leben ist ein einziger Abschreibposten."

Als Spitzensportler gilt Tölderer nicht, er ist bei keinem anerkannten Sportverband gemeldet. Weltmeister ist er trotzdem, 2011 sicherte er sich die Gesamtwertung der Freeride World Tour (FWT). Auch Bibi Tölderer-Pekarek war auf der Tour erfolgreich un terwegs, gewann et wa den Einzelbewerb 2008 in So tschi. Wettkämpfe wollen beide aber nicht mehr bestreiten. "Ich will dort snowboarden, wo gerade der Schnee passt", sagt Tölderer, "und nicht dort, wo der Contest stattfindet." In der letzten Saison war das meistens irgendwo daheim in den Bergen. "Von den Bedingungen her war das der bisher beste Winter in Österreich." 

Schneebretter und Risiko

Vor Lawinen sind aber auch Spitzenathleten trotz Vorbereitung und Ausrüstung nie sicher. Im Karwendel löste sich im vergangenen Februar ein Schneebrett und riss Mitch und Bibi mit. In Alaska einen Monat später wurde Bibi erneut verschüttet. Beide Unfälle gingen glimpflich aus - sofern man ein gerissenes Kreuzband bei Bibi so bezeichnen kann. "Je öfter man draußen im Gelände unterwegs ist, desto bewusster werden einem sowohl die Natur als auch die Gefahren", sagt sie. Ein Restrisiko kann freilich auch bei routinierten Profis nie ausgeschlossen werden.

Bei Tölderer-Pekarek reichen die Einkünfte vom Boarden nicht ganz fürs gemeinsame Leben aus, die Kärntnerin arbeitet in Innsbruck als selbstständige Physiotherapeutin. Im Winter werden Aufträge, so gut es geht, den Schneeverhältnissen angepasst - und sonst wird eben abends gehackelt. "Mit zwei Tagen pro Woche geht es sich aber aus", sagt sie. Da ist im Sommer auch noch ein ausgedehnter Surf-Urlaub drin.

Mitch hat Medizin fertig studiert, "nebenher" absolviert er seinen Turnus. Vergangenen Frühling war er bei Dr. Hannes Holzmeister in Steinach im Wipptal. Tölderer: "Der führt dort eine echte Bergdoktor-Praxis." Klar, dass es Mitch gefallen hat, im Frühling will er wiederkommen. "Ich will mein Leben weiterhin so gestalten. Genau so viel und gerne arbeiten, dass ich mir meine Freizeit leisten kann." (David Krutzler, DER STANDARD, 30. November 2012)

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