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Das Reziprok zur Zirbenstube und anderem erfand der Däne Verner Panton mit seiner "Phantasy Landscape".
Als ob ein Pinsel in gelbe Farbe getaucht worden wäre und dann schnell, mit einem einzigen Strich, über die Leinwand gezogen wurde: Roy Lichtenstein hat für die große Geste in Yellow Brushstroke (1965) eine fast drei Meter breite Leinwand aufgespannt. Der Hintergrund besteht aus einem Raster gleichmäßig verteilter blauer Punkte. Kreisrund wie die gemalten Druckrasterpunkte sind auch die Sitzelemente eines der außergewöhnlichsten Sofas der Designgeschichte. George Nelsons "Marshmallow"-Sofa von 1956 ist ein dreidimensionales Spiel aus 18 farbigen Polstern, die von einer schlichten Stahlkonstruktion getragen werden.
Im Vitra-Design-Museum in Weil am Rhein treffen die beiden Ikonen derzeit aufeinander. George Nelsons Möbel und Roy Lichtensteins Bild gehören zu den Schlüsselwerken der Ausstellung "Pop Art Design" im Museum. Dem Dialog von Design und Kunst widmet Kurator Mathias Schwartz-Clauss eine umfassende Schau: Rund 140 Design- und Kunstwerke bringt er unter einem Dach zusammen.
50 Jahre nach der offiziellen Deklaration der Pop-Art in einer Konferenz des New Yorker Museum of Modern Art soll damit ein neues Bild dieser Bewegung gezeichnet werden - eines, in dem das Design erstmals die ihm zustehende zentrale Rolle einnimmt. Um die kostbaren Leihgaben aus dem Louisiana Museum of Modern Art in Dänemark sowie dem Moderna Museet in Schweden adäquat zu beherbergen, musste die gesamte Sicherheitstechnik des Gehry-Baus auf den neuesten Stand gebracht werden.
"Zwischen Design und Kunst verlaufen in der Pop-Art Wellenbewegungen", sagt Mathias Schwartz-Clauss. Es ist fraglos ein dynamisches Verhältnis: Die Kunst übernahm nach dem Zweiten Weltkrieg Designstrategien und entwickelte sich zur Pop-Art. Ende der 1960er-Jahre wiederum eignete sich das Design dieselben Strategien erneut an.
Erstmals publiziert wurde das Wort Pop-Art 1958 in einem Artikel des Kunstkritikers Lawrence Alloway. Zwei Jahre zuvor legte Richard Hamilton in der kleinformatigen Collage Just What Is It That Makes Today's Homes So Different, So Appealing einem Bodybuilder einen überdimensionalen Lolli mit dem Schriftzeichen "Pop" in die Hände. In konzentrierter Form sind in dieser "Geburtsurkunde der Pop-Art" schon viele der Ingredienzien vereint, die die Künstler der Pop-Art beschäftigen sollten: moderne Technologie, Fernsehen, Autos, Möbel - kurzum der schöne Schein der Warenwelt.
Das berühmte Werk eröffnet als wandgroße Kopie die Schau in Weil. Ausgehend davon werden verschiedene Facetten der Beziehung zwischen Pop-Art und Design beleuchtet - nicht chronologisch, sondern thematisch wie durch ein Kaleidoskop betrachtet. Eine Facette der Schau erinnert daran, dass die Karriere vieler großer Pop-Art-Künstler in der Werbung ihren Anfang nahm. Andy Warhol hatte als Werbezeichner gearbeitet, Robert Rauschenberg und Allen Jones hatten ihr Geld als Schaufensterdekorateure verdient, James Rosenquist war als Plakatmaler tätig gewesen.
Pop-Art ist laut, bunt und plakativ: Geschult an ihren Erfahrungen spielten die Künstler virtuos mit den Tricks der Werbung. Banale Objekte des Massenkonsums wurden durch Isolierung, Ausschnitt, Vergrößerung oder Reihung verfremdet, parodiert und persifliert.
Wie die Kunst mit dem Abstrakten Expressionismus brach, so brachen die Designer mit der Doktrin des Funktionalismus. Gestalter wie Charles und Ray Eames, George Nelson, Gaetano Pesce oder Verner Panton setzten künstlerische Mittel wie die Collage und das Zitat ein. Schon die Ausstellungsräume, die die Eames Ende der 1940er-Jahre konzipierten, waren collagenhaft - zwischen Möbel, Bild, Skulptur und Dekor wurde nicht mehr unterschieden. In Weil hängen vier Exemplare von Eames' Armchair LAR höchst dekorativ an der Wand.
In der Nachbarschaft von Andy Warhols knallig-buntem Druck Flowers erscheinen die Möbel bildhaft wie ein Relief. "Es gehört zum Wesen der Pop-Art, dass sich Design und Kunst nicht so ohne weiteres unterscheiden lassen", sagt Mathias Schwartz-Clauss. Einer, bei dem sich die Grenzen zwischen den Disziplinen auflösten, war auch Alexander Girard. Es ist das Verdienst der Ausstellung, mit ihm einen Designer ins Rampenlicht zu rücken, dessen Leistung weniger greifbar als die seiner Mitstreiter ist.
Als Leiter der Textilabteilung der Herman Miller Company entwarf der Italiener eine Vielzahl von Textilien, die seine Vorliebe für fröhliche Farben und Muster widerspiegeln. Einen Namen in der Designwelt machte sich Girard 1961, als er in New York eines der ersten Themenrestaurants einrichtete: Im La Fonda del Sol entwarf er alles von der Streichholzschachtel bis zur Uniform. Die Farben und grafischen Formen eines nostalgischen Mexikos lässt Girard in seinem Interieur auf industrielle Eames-Stühle treffen. Mit leichter Hand setzte sich Girard über den Unterschied zwischen "high" und "low" hinweg.
Die Ausstellung zeichnet nach, wie aus der zunächst eher losen Wechselwirkung beider Disziplinen ein intensiver Dialog wurde. Es ist ein Dialog, in dem sich die Grenzen verwischen und auflösen, in dem es statt klarer Trennlinien eine flirrende Grauzone gibt.
So zeigt die Werkgruppe "Helden des Alltags" die gemeinsamen Motive und Strategien von Kunst und Design. In plakativer Art und Weise macht Andy Warhol mit Mao (1972) den Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas zum Popstar, während Gaetano Pesce mit Moloch (1970) eine Tischleuchte zur Skulptur erhebt. Daneben steht das seit seiner Entstehung so gut wie nie ausgestellte Sofa Leonardo (1969) von Studio 65. Das italienische Designerkollektiv verwandelte dafür die amerikanische Flagge in ein Sofa: als Respektlosigkeit vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs.
Die Pop-Art ist ganz Kind der Konsumwelt. Andy Warhol hat als Ort für seine erste Kunstausstellung konsequent ein Schaufenster gewählt, auch Jasper Johns und Robert Rauschenberg zeigen ihre Werke zunächst hinter dem großen Glas eines Schaufensters. "Alle Kaufhäuser werden zu Museen und alle Museen zu Kaufhäusern", prophezeite Andy Warhol seinen Zeitgenossen. Als Aushängeschild der Konsumwelt lieferte die Warenauslage der Pop-Art ideale Vorbilder.
Als Hommage werden in Weil Möbel-Ikonen wie Ettore Sottsass' Stuhl Malatesta (1970) und Verner Pantons Sessel Heart-Shaped Cone Chair (1959) vor Valerio Adamis monumentalem Gemälde Plein Air NY (1968) inszeniert - eine Auslage der Begehrlichkeiten, die den Betrachter auf Distanz hält.
Pop-Art, das macht die Ausstellung deutlich, war alles andere als ein homogenes Phänomen. In Italien finden sich ähnlich radikale Neuerungen im Design wie in Amerika. Ettore Sottsass inszeniert zwischen 1965 und 1969 seine Superboxes. Die turmartigen Schränke scheinen wie aus übereinandergestapelten Farbblöcken aufgebaut. In Weil stehen die stelenhaften Möbel im Dialog mit Robert Indianas Werk Seven (1965). Das Ölgemälde lässt sattes Orange und leuchtendes Blau aufeinandertreffen, die ornamentale Zahl Sieben konkurriert dabei mit dem Fond um die Aufmerksamkeit des Betrachters. "Die Pop-Art ist ebenso dekorativ, wie ein Designobjekt dekorativ sein kann", erklärt Mathias Schwartz-Clauss, "und ein Designobjekt jener Zeit ist ebenso mit Bedeutung aufgeladen wie ein Kunstwerk."
Dass die Gattung Pop-Art bis heute sichtbare Spuren hinterlässt, zeigen die Designobjekte von Philippe Starck oder Matali Crasset ebenso wie die Kunstwerke von Tobias Rehberger oder Elmgreen und Dragset. Wer sich davon überzeugen will, muss nur in die benachbarte Vitra Design Museum Gallery gehen: Die Ausstellung "Home" präsentiert Skulpturen von Erwin Wurm. Seine Melting Houses (2009) sind Kunststoff-Giebelhäuser, die zu zerfließen scheinen. Sie wirken wie die Nachkommen von Gunnar Aagaard Andersens Chesterfield-Chair aus dem Jahr 1964. Pop ist also keineswegs tot - er prägt Kunst und Design bis heute. (Andrea Eschbach, Rondo, DER STANDARD, 30.11.2012)
"Pop Art Design", Vitra-Design-Museum, Weil am Rhein. Noch bis 3. Februar 2013. Katalog: "Pop Art Design", hrsg. von Mateo Kries, Mathias Schwartz-Clauss, 2012, 272 Seiten mit 325 Abbildungen, 69,90 Euro.
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