Der Uluru: Stoppschild aus Sandstein

  • Der Sonnenuntergang im Outback taucht den Uluru in warnendes rotes Licht.
    foto: reuters/australian tourism commission

    Der Sonnenuntergang im Outback taucht den Uluru in warnendes rotes Licht.

  • Bis zum Gipfel sind es nur 350, aber besonders fordernde Höhenmeter.
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    foto: reuters/tim wimborne

    Bis zum Gipfel sind es nur 350, aber besonders fordernde Höhenmeter.

  • Das Ökosystem um Uluru ist wie ein Boomerang, meinen die Aborigines: Wer ihm schadet, erleidet selbst Schaden.
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    foto: penny tweedie/corbis

    Das Ökosystem um Uluru ist wie ein Boomerang, meinen die Aborigines: Wer ihm schadet, erleidet selbst Schaden.

  • Anreise & Unterkunft
Flug Wien-Sydney zum Beispiel mit Emirates (einmal umsteigen). Zum Ayers Rock Airport (oder Connellan Airport) fliegen Qantas und Virgin Australia von Sydney, Alice Springs und Cairns aus. Er ist nur 20 Minuten vom Uluru weg. Zum fünf Minuten entfernten Dorf Yulara fahren Gratis-Shuttlebusse. Dort gibt es eine Reihe von Unterkünften jeglicher Preisklasse und tägliche Touren zum Ayers Rock sowie durch den gesamten Nationalpark. Die nächstgelegene Stadt ist Alice Springs - 428 Kilometer entfernt.
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    grafik: der standard

    Anreise & Unterkunft

    Flug Wien-Sydney zum Beispiel mit Emirates (einmal umsteigen). Zum Ayers Rock Airport (oder Connellan Airport) fliegen Qantas und Virgin Australia von Sydney, Alice Springs und Cairns aus. Er ist nur 20 Minuten vom Uluru weg. Zum fünf Minuten entfernten Dorf Yulara fahren Gratis-Shuttlebusse. Dort gibt es eine Reihe von Unterkünften jeglicher Preisklasse und tägliche Touren zum Ayers Rock sowie durch den gesamten Nationalpark. Die nächstgelegene Stadt ist Alice Springs - 428 Kilometer entfernt.

Wer den Uluru alias Ayers Rock im Abendlicht bewundert, sieht Rot: Nicht hinaufgehen, scheint der Berg zu warnen. Das wünschen sich auch Australiens Aborigines

Die Geschichten aus aller Welt sind herzzerreißend. Von plötzlich gehäuften Unglücksfällen oder Krankheiten in der Familie schreiben die Absender der Briefe, vom Pech in der Liebe und im Beruf. Ihre Hoffnung: Eine Entschuldigung bei den Aborigines, den Eigentümern des Uluru, könnte Abhilfe schaffen. Wer von dem ikonischen roten Berg im Herzen Australiens einen Stein mitgenommen oder ihn bestiegen hat, ja wer sogar nur seine spirituell besonders bedeutungsvollen Stellen fotografiert hat, dem droht Ungemach, besagt die Legende. Also trudeln im vor wenigen Jahren errichteten Cultural Centre nahe des Bergs regelmäßig Entschuldigungsschreiben ein, die in einer eigenen "I'm sorry"-Ecke ausgestellt werden.

Der Umgang mit dem Allerheiligsten des Outback ist eine Geschichte, fast so lang wie die des Tourismus in Australien. Unbestritten ist der Ayers Rock, wie ihn die weißen Siedler nannten, mit rund 200.000 Besuchern jährlich eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Kontinents. Bis zum Anfang des vergangenen Jahrhunderts lebten die Anangu, die örtlichen Ureinwohner, weitgehend unbehelligt in der Steppe rund um den Uluru. Dann kamen die Farmer - und nur wenige Jahrzehnte später die ersten Touristen. Ungehemmt machten sie sich den Berg zu eigen, bauten Hotels an seinem Fuße, bestiegen ihn in Scharen; sie schlugen sogar Pflöcke in seine Oberfläche, um den Aufstieg zu erleichtern. Seit 22.000 Jahren besiedeln die Aborigines die Gegend - in knapp 100 Jahren wurde ihre Kultur hier weitgehend zerstört..

Heute versucht man, Schadensbegrenzung zu betreiben. 1985 wurde der Berg offiziell den Anangu zurückgegeben, die ihn wiederum für 99 Jahre an die staatliche Nationalpark-Agentur verleast haben. Bedingung war eine gemeinsame Verwaltung der Region, die auch den Tourismus verändert hat. Jenn, beseelte Tourleiterin aus Melbourne, erzählt Morgen für Morgen die Geschichten von den Fabelwesen, die sich die Aborigines rund um den Uluru ausgedacht und von Generation zu Generation weitergegeben haben. Ihr Sukkus ist meist simpel: Wer stiehlt oder lügt, ist im Unrecht. Alle Handlungen haben Konsequenzen. Die Familie muss zusammenhalten. Die Natur und ihre Ressourcen müssen geschont werden, jeder soll sich nur das nehmen, was er braucht.

Die weißen Siedler hielten davon freilich wenig. Nach und nach verunmöglichten sie den Aborigines ihr über Jahrtausende perfektioniertes Leben in der menschenfeindlichen Umgebung. Die raren Wasserlöcher waren verunreinigt, weil die Rinder sich dort erleichterten. Importierte Tiere und Pflanzen zerstörten das Ökosystem. Wechselseitige Übergriffe waren die Folge. Jenn rückt mit diesen Details heraus, obwohl die Fragen der Tourteilnehmer die notorische australische Menschenfreundlichkeit sichtlich auf die Probe stellen. Im Lauf der Zeit fängt sie sich aber: "Thanks for your questions, girls", sagt sie lächelnd.

Wo die Anangu heute leben, verrät sie auch erst auf Nachfrage. Für sie hat man eine einfache Siedlung unweit des Uluru errichtet; die Versuche, sie in das australische Leben zu integrieren, etwa durch den Schulbesuch, seien manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich, berichtet Jenn. Hin und wieder werden am Berg noch traditionelle Zeremonien abgehalten, die betroffenen Stellen für Besucher dann gesperrt. Berührungspunkte mit Touristen gibt es kaum, auch nicht in Yulara, jenem künstlichen Dorf, das man wenige Kilometer vom Uluru entfernt errichtete. Es hat einen Flughafen, Geschäfte, einen Marktplatz, ein Pub. Schlafen kann man dort im Luxushotel mit Spa ebenso wie in der Jugendherberge.

Die Tage im künstlichen Dorf fühlen sich aber nicht so schlimm an, wie es klingt; für einen Kurztrip zum roten Berg ist ein Aufenthalt dort ideal, zumindest spart man sich die rund fünfstündige Auto- oder Busfahrt von der nächstgelegenen Stadt Alice Springs. Und abgesehen von kleinen Extravaganzen wie einem Pool inmitten des Outback konnte man in Yulara der Versuchung widerstehen, eine Art All-inclusive-Uluru-Erlebniswelt zu errichten.

Selbst die Mitbringsel hat man an die neuen touristischen Empfehlungen angepasst: "I did not climb Uluru" steht auf einem Kühlschrankmagneten in dem kleinen Shop am Dorfplatz. Raufgehen oder nicht raufgehen - das ist die alles entscheidende Frage in zahlreichen Outback-Internet-Foren. Für die Aborigines sprechen neben den spirituellen auch ein paar pragmatische Gründe dagegen: Auf dem Berg gibt es weder Wasser noch Nahrung. Und ihn zu bezwingen kostet viel Energie, die man in der roten Steppe anders einsetzen muss, um zu überleben. Die Parkverwaltung führt andere Argumente dafür an, warum man Abstand vom Aufstieg nehmen sollte. Das Betreten führt unweigerlich zur Erosion des Sandsteins, und wer oben ist, findet weder einen Mistkübel noch ein Klo. Dazu kommen mehrere Dutzend dokumentierter Todesfälle, entweder wegen eines unachtsamen Schrittes während der rund dreistündigen Wanderung, oder als Folge von Dehydrierung.

Ob der Aufstieg auf den 348 Meter hohen Berg gänzlich verboten werden soll, das ist immer wieder Gegenstand von (politischen) Diskussionen. Die Befürchtung, der Uluru könne dadurch seinen Reiz verlieren, scheint jedenfalls nicht angebracht. Erklommen Anfang der 1990er-Jahre noch drei von vier Besuchern den Berg, so sind es laut einer Umfrage, von der die britische Daily Mail vor wenigen Wochen berichtete, heute nur noch 20 Prozent; eine kritische Marke, bei der laut einer Übereinkunft zwischen der Parkverwaltung und den Aborigines eine Entscheidung herbeigeführt werden muss.

Lohnend ist die Reise ins australische Nirgendwo allemal. Selbst wer um den Berg nur herumwandert, begreift rasch, warum ihn die Ureinwohner für heilig halten. Der Uluru ist kein langweiliger Sandstein-Monolith; er hat bemerkenswerte Felsvorsprünge, erstaunliche Muster, bei jeder Abbiegung offenbaren sich neue Strukturen, und während des Sonnenauf- und -untergangs begreift man staunend, wie viele Schattierungen von Rot und Schwarz es eigentlich gibt.

An so manchem Wasserloch oder in so mancher Höhle stellt sich ein Gefühl ein, als würde man eine Kathedrale betreten. Die Vögel zwitschern, der Wind rauscht durch die Blätter - schwer vorstellbar, dass die Szenerie oben auf dem Berg eindrucksvoller sein soll als an dessen Fuß. Wer unten bleibt, muss sich danach jedenfalls nicht entschuldigen. (Andrea Heigl, DER STANDARD, Rondo, 30.11.2012)

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