Kronzeugen leben gefährlich

Belastungszeugen des UNO-Kriegsverbrechertribunals wollten oder konnten nicht mehr ausagen

Freispruch für Ramush Haradinaj und zwei kosovarische Mitangeklagte: Das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag sah es nicht als erwiesen an, dass die ehemaligen UCK-Mitglieder an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen seien. Für Haradinaj, früherer kosovarischer Ministerpräsident, ist es bereits der zweite Freispruch in dieser Angelegenheit. Trotzdem bleiben Zweifel. Der Schwund an Belastungszeugen hat damit zu tun.

Im April 2008 wurde Haradinaj zum ersten Mal freigesprochen. Zwar sahen es die Richter als erwiesen an, dass sich im Sommer 1998 im westkosovarischen Dorf Jabllanica Kriegsverbrechen ereignet hätten. Allerdings konnte die Anklage laut Urteil nicht ausreichend beweisen, dass Haradinaj daran beteiligt war. Die Richter räumten aber ein, dass der Prozess in einer Atmosphäre der Unsicherheit stattfand, das Verfahren von schweren Einschüchterungsversuchen gegen die Belastungszeugen begleitet wurde. Viele von ihnen verweigerten kurzfristig ihre Aussage, darunter befanden sich auch zwei Hauptzeugen. Von rund 100 Zeugen benötigten 34 besonderen Schutz. Dies war auch einer der Gründe, weshalb es zu einem zweiten Prozess kam. Das Resultat blieb für Haradinaj aber das gleiche.

Unterschiedlichen Quellen zufolge soll der Schutz für neun bis zwölf Zeugen nicht ausreichend gewesen sein, sie starben unter angeblich mysteriösen Umständen. Serbische und russische Medien berichteten von tödlichen Kneipenschlägereien, Autounfällen und professionell organisierten Attentaten, denen die betreffenden Zeugen zum Opfer gefallen sein sollen. Ausgelöst wurde dies alles durch den serbischen Sonderstaatsanwalt Vladimir Vukcevic, dessen Büro eine Liste von Zeugen veröffentlichte, die zwischen 2001 und 2007 verstarben.

Vorwürfe aus Serbien

Vukcevic erneuerte vor wenigen Tagen seine Vorwürfe und sprach nun von 19 potenziellen Zeugen, die im Fall Haradinaj ums Leben gekommen seien. Er warf dem UNO-Kriegsverbrechertribunal "unprofessionellen Zeugenschutz" vor. Vukcevic zufolge soll etwa ein Belastungszeuge seine Aussage verweigert haben, da er um das eigene Leben und das seiner Verwandten bange. Da gehe er lieber wegen Aussageverweigerung ins Gefängnis, berichtete Vukcevic.

Fernab serbischer und russischer Medien wird zumindest von einem Hauptzeugen berichtet, der unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Der 32-jährige Kujtim Berisha sei im Februar 2007 in der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica von einem Mercedes überfahren und tödlich verletzt worden. Kurz zuvor traf er mit Vertretern aus Den Haag zusammen, um die Aussage vor Gericht zu besprechen.

Haradinaj wurde vor Beginn des ersten Prozesses aus der Untersuchungshaft entlassen. Von Sommer 2005 bis Februar 2007 konnte Haradinaj wieder in den Kosovo zurückkehren. Diese für viele fragwürdige Entscheidung des Gerichts soll in Zusammenhang stehen mit den Einschüchterungen und den mysteriösen Toden. Schließlich konnte er in dieser Zeit frei agieren. Doch ist auch dies, wie vieles in diesem Fall, Spekulation. (red, derStandard.at, 29.11.2012)

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