Der kleinste Social Media-Berater der Welt

  • Martin Habacher absolvierte die HAK und studierte danach in Wien. Nach einem zweijährigen Besuch in der Werbewelt, ist er heute selbständiger Social Media-Berater.
    foto: angelika luger

    Martin Habacher absolvierte die HAK und studierte danach in Wien. Nach einem zweijährigen Besuch in der Werbewelt, ist er heute selbständiger Social Media-Berater.

Für behinderte Menschen ist es oft schwieriger, im Berufsleben Fuß zu fassen - Der dritte Dezember ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderungen

Zwei Fragen, die gleich am Anfang alles entscheiden: "Gibt es Stufen am Eingang und ist eine barrierefreie Toilette vorhanden?" Der Grund für diesen direkten Zugang: "Ich erspare mir prinzipiell Bewerbungen zu schicken, ohne vorher anzurufen und abzuklären, ob der Arbeitsplatz barrierefrei ist", sagt Martin Habacher. Er nennt sich selbst "Kleinster Social Media-Berater der Welt". Durch diesen Kniff macht der 35-Jährige aus seiner Behinderung ein Markenzeichen. Habacher ist mit der Erbkrankheit Osteogenesis imperfecta, umgangssprachlich Glasknochen, geboren.

Die Reaktionen auf die zwei Einstiegsfragen seien oft ähnlich: "Nein, tut uns leid. Geht nicht." Trotz seiner Behinderung legte Habacher einen Berufseinstieg hin, den auch viele Studenten erleben: Er studierte ab 2001 Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. Schon während des Studiums arbeitete er geringfügig, unter anderem konnte er aufgrund seiner Handelsakademie-Ausbildung mit Buchhaltung Geld verdienen. 

HAK statt Beschäftigungstherapie

Wie wichtig Inklusion schon am Anfang des Ausbildungswegs ist, kann Habacher aus eigener Erfahrung berichten. In der Behinderteneinrichtung "Altenhof - Das Dorf" in Oberösterreich bekam er die Möglichkeit, anstatt der dort verpflichtenden Beschäftigungstherapie die HAK zu besuchen. Das war aber nur möglich, weil die Schule in Vöcklabruck barrierefrei war.

Während des Studiums in Wien war die Situation dann nicht mehr so optimal. Das alte Publizistikgebäude im 18. Wiener Gemeindebezirk sei "nicht wirklich barrierefrei" gewesen, berichtet Habacher. Für den Lift brauchte er einen eigenen Schlüssel, zudem konnte er vom Rollstuhl aus die Knöpfe nicht drücken, weil diese zu hoch montiert waren.

Schließlich absolvierte er eine Schnupperwoche bei der Wiener Werbeagentur Euro RSCG Vienna. Dort überzeugte er, arbeitete zwei Jahre lang und schrieb auch Radiospots. In dieser Sparte faszinierten Habacher, wie spontan Erfolgserlebnisse entstehen können. So erschien zum Beispiel eine flotte Textzeile für eine Anzeige für ein Auto in mehreren Zeitungen. Im Moment arbeitet der 35-Jährige selbständig. Er konzentriert sich auf Social Media und Accessibility, also das Testen von Barrierefreiheit in unterschiedlichen Bereichen.

Zu hoch, zu feinmotorisch

Bei der neugebauten Wirtschaftsuniversität hat Habacher zum Beispiel den neuen Terminal, wo sich Studierende eigenständig anmelden oder Zeugnisse ausdrücken können, getestet. "Bei der neuen WU wurde Geld in die Hand genommen, um einen inklusiven Ansatz zu designen. Es ist jedoch ein Kompromissprodukt", war sein Fazit. 

Der Terminal sei für Rollstuhlfahrer vor allem dann bedienbar, wenn sie den Oberkörper frei bewegen können und durchschnittlich groß gewachsen sind. Viele Rollstuhlfahrer haben aber keine freie Bewegung und können den Oberkörper nicht vorbeugen, betont Habacher und nennt die wichtigsten Punkte: "Es kommt auf Höhe, Winkel, Kartenslot, Bildschirm und wie fein motorisch die Hände sind, an."

Persönliche Assistenz

In seinem Alltag steht Habacher eine "Persönliche Assistenz am Arbeitsplatz" zu, kurz PAA genannt. "Ich borge mir die Arme und Beine aus ", zieht er einen Vergleich. Eine PAA sei jedoch kein Sekretär, der den Arbeitsablauf im Büro organisiert, betont er. Die PAA sei auch keine Hilfskraft im Büro, sondern unterstützt ausschließlich den behinderten Menschen.

Tag der Menschen mit Behinderung

Am dritten Dezember ist der internationale Tag der Menschen mit Behinderungen, der seit 1992 auf Initiative der UNO jährlich stattfindet. Laut Behindertenbericht des Sozialministeriums aus dem Jahr 2008 leben etwa 630.00 Menschen in Österreich mit Behinderungen. Sie gaben bei einer Befragung durch die Statistik Austria im Auftrag der EU an, eine subjektiv wahrgenommene starke Beeinträchtigung bei der Verrichtung alltäglicher Arbeiten zu haben, die bereits mindestens sechs Monate dauert.

Dabei handelt es sich jedoch nur um eine Schätzung: Genaue Zahlen gibt es nur über verschiedene Gruppen. Da die Personen jedoch mehreren Kategorien angehören können, sollten diese Gruppen nicht zu einer Gesamtsumme für alle Menschen mit Behinderungen zusammengezählt werden.

Was alle Gruppen verbindet, ist eine über einen längeren Zeitraum beeinträchtigte Lebensweise. Für diese Menschen ist es oft schwieriger, im Berufsleben Fuß zu fassen - trotz guter Ausbildung und Qualifizierung. Behinderte Frauen und Männer sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Menschen ohne Behinderung, was oft schon bei dem Berufseinstieg beginnt.

PAA wird daher vom Bundessozialamt aus Mitteln der Beschäftigungsoffensive der österreichischen Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen finanziert. 1999 erfolgte die gesetzliche Verankerung der Arbeitsassistenz im Behinderteneinstellungsgesetz. Die Assistenznehmer zahlen keinen Selbstbehalt.

Barrierefreiheit fehlt noch immer oft

Das neue Behindertengleichstellungsgesetz wurde Mitte 2005 vom Nationalrat verabschiedet. Es soll Menschen mit Behinderungen Barrierefreiheit und die Möglichkeit zur Klage gegen Diskriminierungen zusichern. Zur Beseitigung baulicher Barrieren wurden abgestufte Übergangsfristen zwischen einem und zehn Jahren eingezogen. "Das ist schön und gut, aber die Realität sieht in Österreich oft noch anders aus", kritisiert Habacher. 

Sogar der Staat würde in Gebäuden "schalten und walten, die zu Kaisers Prunkzeiten gebaut wurden", sagt der 35-Jährige. Einerseits sei das verständlich, da die Architektur fantastisch aussieht. Andererseits müssen die Häuser meist im Originalzustand erhalten bleiben, daher können sie nicht ausreichend barrierefrei umgebaut werden. "Und das ist der Staat, der die Gesetze macht", sagt Habacher. (Julia Schilly, derStandard.at, 3.12.2012)

Kontakt zu Martin Habacher

Wissen: Osteogenesis imperfecta

Betroffene lehnen die Bezeichnung Glasknochenkrankheit meist ab, da sie sich nicht krank, sondern behindert fühlen. Es wird zwischen sieben Schweregraden unterschieden: Bei der mildesten Form ist es möglich, dass es zu gar keinen Verformungen der weniger dichten Knochen kommt. In Österreich sind rund 400 Menschen betroffen.

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 42
1 2

Habe den Martin auf Gartenparties meiner großen Schwester immer wieder als sehr lieben Menschen erlebt, Hut ab für das was du erreicht hast.

hey walter spaßman, ich werde nur von einer frau, die eine große schwester ist, zu gartenparties eingeladen. ;-)

Ich weiß, welche Gartenparties und welche große Schwester ihr meint.

Könntet ihr euch bitte via Social Media vernetzten? ;-)

"Social Media Berater" und kein iPhone??

pfff! ;)

iPhone ist nicht gleich Social Media

der roboter ist viel flexibler! ;-)

Barrierefrei sollte selbstverständlich sein. ABER: für wen? Beispiel Stockwerkstasten im Lift. Unten ist natürlich gut für Rollstuhlfahrer. Aber Blinde werden sie dann vielleicht nicht finden, weil sie nicht am gewohnten Platz sind. Nur so aus der Hüfte geschossen, da gibt es sicherlich tausende Beispiele.

Blinde Menschen können sich bücken um einen niedrigeren Knopf zu erreichen. Sie müssen auch nicht auf "Kniehöhe" angebracht werden - 110cm Tiefe reichen. Um diese Bedienelemente auch für Blinde auffindbar zu machen gibt es entsprechende Tastleisten - zu sehen bspw. bei modernen U-Bahn und Straßenbahnfahrzeuge wo der Druckknopf für die Türe auf rund 110 cm angebracht ist und ein kontrastreicher (manchmal neonfarbiger) erhabener Streifen nach oben führt.

blinde müssen sowieso tasten

ich bin bekanntlich ja nicht blind und obwohl ich behindert bin, maße ich mir nicht zu wissen was blinde brauch, können und nicht können.
trotzdem traue ich mir zu sagen, dass es kein größeres problem für sie darstellt die tasten im lift in hüfthöhe zu ertasten.

14 ODER 16 SEMESTER OHNE ABSCHLUSS, DASS IST AUCH WAS....GERADE AN DER PUBLIZISTIK =)

Habe Herrn Habacher oft bei Vorlesungen im Dolmetschinstitut gesehen. Jedes Mal, wenn er sich durch eine Frage in die Vorlesung einbrachte, ging im ganzen Hörsaal unter den ach so toleranten linksgerichteten Studenten ein entbehrliches Getuschel los. Geistig und körperlich behinderte werden leider oft in einen Topf geworfen, auch beim "Licht ins Dunkel" -Ablasshandel. Da gibt's dann eine behinderte Moderatorin für die Quote, eine andere sendung durfte sie aber nicht gestalten. Heuchelei auf allen Ebenen

Also von einem Getuschel habe ich damals nie etwas mitbekommen. Ich kann das vereinzelt natürlich nicht ausschließen (kommt ja entbehrlicher Weise immer wieder vor bei Menschen mit Behinderung und ist ja auch schon 6,7 Jahre her), aber "im ganzen Hörsaal"? Das wüsste ich dann wohl noch, an den mittlerweile "kleinsten Social Media-Berater der Welt" kann ich mich nämlich noch sehr gut erinnern und sollte ich überhaupt jemals von einem Kollegen ein Wort über ihn gehört haben, dann waren das wenn dann nur anerkennende Worte.

Aber tolle Gelegenheit gefunden, um zu zeigen, was Du von "linksgerichteten Studenten" hältst. Auch absolut entbehrlich.

und sie moderiert doch noch was anderes

ich halte von licht ins dunkel auch nichts, aber besagte quoten-moderatorin hat es scheinbar doch geschafft.

auf ORF Sport+ moderiert sie die sendung "Ohne Grenzen"

tvthek: http://tvthek.orf.at/programs/... ne-Grenzen

Superpraktikant 2009

Leider hats dann doch die Reez gemacht... Hrrrr, Reeez!

is schon gut, die reez hat ja auch eine beachtliche karriere daraus gemacht! ;-)

sorry was fia besch...... berufe es den heutzutage schon gibt.

Wohlgemerkt eberhaupt nicht gegen Herrn Habacher gerichtet, wie der Kollege weiter unten das tut.

Persönliche Assistenz ist kein besch... Beruf

ich habe seit mehreren jahren pa und paa. noch nie hat sich einer meiner mitarbeiter über seinen job beschwert.
manchmal über den boss ;-) aber über den job noch nie!

für mich als assistenz-nehmer ist der job auch alles andere als besch...
ohne ihn würde ich in einem altenheim wohnen (auch wenn es behinderten-einrichtung heißen mag, so leben dort doch meistens nur alte & schwer pflegebedürftige) müssen & müsste stets darauf warten bis ich aufs klo gehen darf, würde nur zu bestimmten zeiten essen bekommen & müsste immer zur selben zeit aufstehn/schlafen gehn. anders wäre eine solche einrichtung nicht zu finanzieren.

also ich find pa & paa wirklich super!

ja ich meinte auch social media berater... ;) wie Sie schon gesagt oder geschrieben haben, darueber kann man reden.

Vielleicht ist ja "Social Media-Berater" der bescheuerte Beruf den er meinte.

Vielleicht ist ja "Social Media Berater" der besch...

gut, das ist eine andere geschichte. darüber kann man reden! ;-D

mach dir doch die arbeit paa zu googeln bevor du hier noch weiter behinderten menschen um ihre unterstützungsformen neidig bist.

und stell dir vor, auch gehende menschen schupfen und steigen mir manchmal auf die füße. ich habe einen schwester die einen rolli benutzt. borg dir mal einen tag lang einen aus und dann motz weiter...

du hattest sicher noch nie nen kontakt zu einem rollifahrer oder zu unterstützungsystemen. aber die klappe aufreißen - am besten dort, wo du dich nüsse auskennst

Posting 1 bis 25 von 42
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.